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12.04.2007
 

Geteilte Bundesliga

Rettet den Mittelstand!

Von Martin Krauß

Die deutsche Spitzenfußball entwickelt sich zur Zweiklassengesellschaft: Oben die kleine Bürgerlichkeit im Titelkampf, unten das große Proletariat in Abstiegsangst. Ein untrügliches Zeichen, dass die wirtschaftliche Entwicklung auch vor der Bundesligatabelle nicht halt macht.

Liebe Leser, es folgt eine wissenschaftlich fundierte Prognose des kommenden Spieltags der Fußball-Bundesliga. Bekanntlich wissen wir seit dem gerade zu Ende gegangenen Osterfest, dass die Finanzpolitik der Bundesregierung mittelstandsfeindlich ist, was der amtierende Wirtschaftsminister, ein Herr von der CSU namens Michael Glos, ändern möchte. Herr Glos hat sich nämlich mal die Bundesliga-Rangliste angeschaut und bemerkt, dass der Mittelstand schwindet: Gerade mal der 1. FC Nürnberg und Bayer Leverkusen bilden das Tabellen-Mittelfeld.

Spieler des Mittelklasse-Clubs Nürnberg: Die Marktgesetze realisiert
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DPA

Spieler des Mittelklasse-Clubs Nürnberg: Die Marktgesetze realisiert

Ansonsten gibt es eine naturgemäß sehr kleine herrschende Klasse der Spitzenvereine, zu der – für Herrn Glos vermutlich selbstverständlich – die wichtigsten Clubs aus Bayern und Baden-Württemberg zählen. Und – das ist nun wirklich für alle evident – es gibt ein großes Proletariat, angeführt von den VW-Werkern in Wolfsburg mit ihren 35 Punkten, zu dem selbstverständlich auch die prekären Ostdeutschen von Energie Cottbus gehören, und an dessen geografischem, politischen und ökonomischen Ende die Kicker aus dem Grenzland bei Mönchengladbach rangieren.

So viel nackte Ökonomie wie zurzeit war in der Bundesliga nie zu besichtigen. Dass der einstige Weltkonzern Bayer Leverkusen sich im schwindenden Mittelstand findet, ist nur ein Ausdruck des Niedergangs der einst so reichen Volkswirtschaft und ihrer Bundesliga. Ein anderer Hinweis darauf findet sich an der Tabellenspitze: Der FC Schalke, die PR-Dependance eines russischen Gaskonzerns, steht ganz oben. Zwar ist die Schalker Hegemonie so instabil, wie das gesamte russische Wirtschaftsmodell instabil ist, aber noch reicht es für die Spitze. Schalke wird sich am Samstag beim fußballerischen Subproletariat in Mainz rumschlagen und wird, wenn sich die Rheinhessen nicht durch besondere arbeitskämpferische Maßnahmen wehren können, die Spitze verteidigen.

Ähnlich geht es den anderen herrschenden Vereinen: Werder Bremen, fußballerischer Ausdruck der stillen Macht des Finanzkapitals, wird Borussia Dortmund still und mächtig niederhalten. Der VfB Stuttgart lässt das verarmte Niedersachsen, dargestellt durch Hannover 96, die Punkte abliefern, wie dereinst Fürsten die Bauern zur Abgabe ihrer Zehnten zwangen. Und der FC Bayern wird zu Hause in der prunkvollen und weithin leuchtenden Arena den weiteren Niedergang des Leverkusener Mittelstands vorantreiben.

Gegen diese Prognose ist nicht viel vorzutragen, denn wenn es stimmt, dass der Fußball zum Millionen- oder gar Milliardengeschäft geworden ist, dann gehorcht das, was wir früher für simple Kickerei hielten, den Gesetzen der Konkurrenz, dann wirken hier Zentralisation und Konzentration, eine "invisible hand" (Adam Smith) ordnet das scheinbare Chaos auf dem Platz, und all das geschieht "hinter dem Rücken der Gesellschaft" (Karl Marx). In Wirklichkeit realisieren die Torjäger nur die Marktgesetze: So wie zwar jeder Bürger im Geschäft vor der scheinbar individuellen und freien Entscheidung steht, bei Microsoft- oder anderswo kaufen, um letztlich doch sein Geld bei Bill Gates zu lassen, so haut der Stürmer eines Spitzenclubs, obwohl doch für alle die gleichen Regeln und Gesetze gelten und es am Anfang, wie in der freien Wirtschaft auch, null zu null steht, quasi naturgesetzlich die Bälle in die Maschen des subalternen Gegners.

Dieser Gegner, gemeint ist das versammelte Ligaproletariat, vermag sich nämlich nicht zu organisieren, wie es in der alten Welt der Arbeiterbewegung mit ihren starken Gewerkschaften noch der Fall war, sondern haut sich gegenseitig kaputt. Noch der Siebplatzierte ist nur fünf Punkte vom Abstieg entfernt – die Konkurrenz der erstklassigen Arbeitskraft wirkt somit besonders heftig.

Am Wochenende werden Cottbus und Wolfsburg sich untereinander am Kampf um den Klassenerhalt behindern, mit Arminia Bielefeld wird das deindustrialisierte Ostwestfalen die einstige Industrie- und Bankenstadt Eintracht Frankfurt beim Wiederaufstieg stören, und mit Borussia Mönchengladbach und dem Hamburger SV behindern sich zwei arg gestörte Repräsentanten früherer sozialliberaler Erfolge gegenseitig an einer halbwegs erweiterten Reproduktion. Nicht mal Stillhalteabkommen, die man fußballerisch Unentschieden nennt, können diesen Vereinen noch helfen.

Wem aus Gründen, die dem Autor wohl nie einleuchten werden, diese streng wissenschaftliche Beweisführung zum Ausgang des kommenden Spieltags nicht einleuchtet, der soll sich doch bitte mal anschauen, welche Akteure antreten, um sich gegen die Allmacht des süddeutschen (Bayern München, VfB Stuttgart), des russischen (Schalke) und des Finanzkapitals (Werder Bremen) zu wehren: Arminia Bielefeld hat sich derart radikalisiert, dass es seit Beginn der Saison einen gewissen Marx für sich stürmen lässt. Und Hertha BSC hat sich zu Beginn der Woche die Dienste des subversiven Dichters und Marx-Freundes Heine gesichert!

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