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16.04.2007
 

Fußball und Gewalt

"Die Polizei wird über den Tisch gezogen"

Rund 140 szenekundige Beamte beobachten die Fanszenen von der Bundesliga bis zu den Regionalligen. Ein Beamter, der anonym bleiben möchte, schildert seine Erfahrungen: Er spricht über Korruption in der Polizei, Tricks der Vereine und Wandlungen in der Hooligan-Szene.

Frage: Treffen Sie sich auch in Ihrer Freizeit mit Fans oder Hooligans?

Antwort: Ich wurde schon zu Hochzeiten, Geburtstagen und Weihnachtsfeiern von Hooligans eingeladen. Das war kein Zeichen der Zuneigung, sondern ein einfacher Test. Ich habe nicht gekniffen, sondern die Einladungen angenommen. Natürlich muss man da vorsichtig sein. Ich habe mich kurz gezeigt. Aber nach ein, zwei Bier war ich wieder verschwunden.

Polizeieinsatz bei der WM 2006 in Köln: "Möchte ich nicht im Dunklen begegnen"
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DPA

Polizeieinsatz bei der WM 2006 in Köln: "Möchte ich nicht im Dunklen begegnen"

Frage: Meiden einige Fans den Kontakt zu Ihnen?

Antwort: Ein paar sind überhaupt nicht zu erreichen. Sie verweigern jedes Gespräch. Andere wiederum melden sich von selbst, rufen mich an oder schreiben mir eine E-Mail. Ich habe mir einen Namen gemacht. Ich werde nicht gemocht, ich bin auch mit keinem der Fans befreundet. Aber die meisten respektieren mich. Ich komme auf sie zu, ich versuche ihnen mit meinen Kontakten zu helfen oder organisiere einen Busparkplatz für sie.

Frage: Wie kamen Sie als Polizist zum Fußball?

Antwort: Ich habe schon als kleiner Junge den Fußball verfolgt. Mein Vorteil war, dass ich in dem Stadtteil aufgewachsen bin, in dem das Stadion stand. Ich habe mich für alle Begleiterscheinungen dieses Vereins interessiert. So habe ich sehr früh viel über die Fanszene gelernt. Und auch über die Hooligans. Später während meiner Arbeit als Polizist wurde irgendwann in unserem Revier eine Stelle als SKB (Szenekundige Beamte, Anm. d. Red) frei. Da habe ich nicht lange überlegt und zugeschlagen. Das ist nun schon ein paar Jahre her.

Frage: Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, einen guten Einblick in die Szene zu haben?

Antwort: Nach zwei bis zweieinhalb Jahren. Am Anfang habe ich bewusst den Kontakt zu den friedlichen Fans gesucht. Die haben die Ohren überall und wissen, was passiert. Sie sind eine Art Seismograph der Szene. Nach und nach konnte ich so Kontakte zu den gewaltbereiten und Gewalt suchenden Fans knüpfen. Das war ein langer Prozess. Inzwischen habe ich alle Informationen auf meinem Computer. Trotzdem lerne ich jeden Tag dazu. Immer wieder wird man überrascht.

Frage: Was zeichnet einen guten SKB aus?

Antwort: Kritische Nähe. Wir müssen die Szene kennen. Wenn Rechtsextremisten Fans für ihre Gruppierungen gewinnen wollen, müssen wir einschreiten. Gleichzeitig dürfen wir nicht zu sehr hinein tauchen. Viele SKB nehmen das zu persönlich. Sie denken, sie sind die Helden und lassen sich feiern. Es darf nicht sein, dass ein SKB an der Saison-Abschlussfahrt der ersten Mannschaft nach Mallorca teilnimmt. Ich habe nichts gegen einen gemeinsamen Kaffee oder den Besuch der 100-Jahrfeier des Klubs. Das war’s aber auch schon. Andere Zuwendungen gehen mir zu weit. Ich lasse mich nicht durch Einkaufsgutscheine gefügig machen.

Frage: Wie schwer wiegt die Korruption In ihren Kreisen?

Antwort: Korruption beginnt ganz oben. Es gibt Stadien, in denen der Alkoholausschank vor wenigen Jahren noch verboten war. Das Verbot wurde aufgehoben. Die Einnahmen wollten sich die Vereine nicht entgehen lassen. Was glauben Sie, wer daran mitverdient hat?

Frage: Offen spricht das niemand aus.

Antwort: Der Druck der Polizeiführung hat zugenommen und wird weiter zunehmen. Die hohen Herren wollen nicht, dass man in das System schaut und Schwachstellen aufdeckt. Das ist bei den Verbänden nicht anders. Wer will schon zugeben, dass etwas schlecht läuft? Was mich besonders ärgert, ist, dass manche Dinge bewusst an die Wand gefahren werden. Ein Jugendamt in einer mittelgroßen Stadt zum Beispiel hat zehn Mitarbeiter. Wird dort gute Arbeit geleistet und geht die Zahl der Straftaten zurück, werden Stellen gestrichen. Das ist in der freien Wirtschaft und bei der Polizei nicht anders.

Frage: Sind Sie mit Ihrer Ausstattung zufrieden?

Antwort: Ich kann nicht klagen, aber es könnte besser sein. Eine einheitliche dienstliche Ausstattung sollte in Deutschland gegeben sein. Manche SKB sind nicht handlungsfähig, ihnen fehlen Digitalkameras, DVD-Player und sogar Dienstwagen.

Frage: Warum sind die Unterschiede so groß?

Antwort: Das ist ein grundsätzliches Problem. Ich glaube, dass achtzig Prozent der Polizeiführer die Lage unterschätzen. Sie verkennen etwas: Die Proficlubs sind keine gemeinnützigen Vereine mehr, sondern pure Wirtschaftsunternehmen – ausgerichtet am Profit.

Frage: Welche Konsequenzen hat das für Ihre Arbeit?

Antwort: Polizei und Ordnungsamt werden oft von den Clubs über den Tisch gezogen. Ein Beispiel bieten die Stadionordner. Mittlerweile haben die meisten Vereine ihre Sicherheitsdienste ausgelagert und an andere Firmen weitergegeben. Oder sie werden in Tochtergesellschaften des Vereins geparkt. Die haben sich rechtlich in alle Richtungen abgesichert. Da ist nichts zu rütteln. So geht uns natürlich die Transparenz verloren.

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