Frage: Manche Wissenschaftler und Funktionäre behaupten, der Hooliganismus sei ein Modell für das Museum. Halten Sie das für eine Verharmlosung?
Antwort: Ich kann das nicht unterstreichen. Bei uns ist die Anzahl der Stadionverbote in den vergangenen Jahren gestiegen. Der Trend geht aber seit einigen Jahren dahin, dass Hooligans immer mehr an so genannte dritte Orte ausweichen. Auf Wald, Wiesen oder andere abgelegene Plätze. Man weiß Bescheid, wenn die erste Garde nicht auf ihren Plätzen ist oder das Stadion vor dem Abpfiff verlässt. Manche sieht man dann Tage später in der Stadt mit blauen Augen und Beulen im Gesicht.

Demoliertes Polizeiauto in Leipzig: "Manche SKB nicht handlungsfähig"
Frage: Sie können diese Treffen in der Abgeschiedenheit nicht verhindern?
Antwort: Die Hooligans sind nicht dumm, sie lassen sich nicht erwischen. Da dringt selten etwas nach außen. Ihre Vorgänger aus den achtziger Jahren haben noch den Kick im gegnerischen Stadtteil gesucht. Sie haben es geliebt, von den Fans des Gegners und der Polizei gejagt zu werden. Heute halten die Hooligans ihre Treffen geheim. Aus Angst vor Repression. Aber auch, weil sie dem Verein im Stadion nicht schaden wollen.
Frage: Wie gefährlich ist Ihr Beruf?
Antwort: Wenn man die Szene kennt, halten sich die Gefahren in Grenzen. Viele Hooligans überbieten sich in den Internetforen gegenseitig mit ihren Gewalt-Ankündigungen, bei den meisten Einsätzen passiert rein gar nichts. Aber einigen Alt-Hooligans möchte ich lieber nicht im Dunkeln begegnen.
Frage: Wie hat sich ihre Arbeit im Laufe der Zeit verändert?
Antwort: Die Szene wandelt sich, das macht die Arbeit nicht leichter. Wenn einer der Anführer für ein halbes Jahr in den Knast geht, hat das große Auswirkungen auf die gesamte Hierarchie. Es ist sehr spannend, diese Entwicklung zu beobachten. Vor einer bekannten Hooligan-Kneipe sieht man zum Beispiel hin und wieder eine Gruppe von Jugendlichen. Sie trauen sich noch nicht hinein. Einige Monate später haben sie sich Respekt erarbeitet, jetzt stehen sie schon im Eingang. Wieder vergeht eine gewisse Zeit. Und irgendwann sind sie mittendrin.
Frage: Welchen Einfluss haben die modernen Stadien?
Antwort: Man glaubt es kaum, aber in den neuen Stadien ist die Beobachtung manchmal problematischer. Es gibt keine Zäune mehr, keine Blocktrennung nach dem alten Modell. Sofern das Stadion nicht ausverkauft ist, können die Zuschauer überall hin laufen. Der Verein freut sich natürlich. So sind die Imbiss-Buden und die Fanartikel-Stände leichter zu erreichen. Ich habe meinen festen Platz im Stadion und beobachte die Lage. Ich kenne meine Pappenheimer. Früher war das allerdings einfacher.
Frage: Welche Rollen spielen die Sicherheitsdienste?
Antwort: Die meisten Ordner sind gar nicht ausreichend ausgebildet. Diese Kurse kosten mehrere hundert Euro. Glauben Sie allen Ernstes, dass tausende Ordner in Deutschland dieses Geld investieren. Im Gegenteil. Manche kassieren nebenbei noch Arbeitslosengeld. Die Konsequenz ist, dass diese Leute dann nicht mal wissen, wo der Feuerlöscher im Stadion steht.
Frage: Viele Ordner sehen den Hooligans optisch ähnlich, sie tragen in Nazi-Kreisen beliebte Kleidermarken und provozieren Gewalt. Gibt es keine Kontrollen dieser Ordner?
Antwort: Früher haben die SKB diese Leute selbst geschult – oder eben aussortiert. Das hat angeblich zu viele Steuergelder verschlungen. Jetzt haben wir keinen Zugang mehr. Die Folgen dürften Ihnen bekannt sein. In manchen Klubs, gerade in den unteren Ligen, sehen die Ordner nicht anders aus als die Hooligans. Überwacht werden sie nicht. Dafür fehlen Geld und Zeit. Für mich und viele meiner Kollegen ist das vollkommen inakzeptabel und auch ein bisschen demotivierend. Dabei müsste man die Sicherheitsdienste viel öfter kontrollieren.
Frage: Es scheint, als habe die Polizei doch nicht alles im Griff.
Antwort: Es ist eine Mischung aus Naivität und Unwissenheit. Ein anderes Beispiel: Vor der Eröffnung eines neuen Stadions gibt es eine so genannte Bauabnahme, in der die Sicherheits-Vorkehrungen kontrolliert werden. Selbstverständlich ist während der Abnahme alles einwandfrei. Aber schauen Sie mal ein paar Wochen später in das gleiche Stadion. Direkt unter dem Dach, wo am Tag der Bauabnahme noch genügend Raum für Fluchtwege gewesen war, sind plötzlich Zuschauersitze montiert. Doch die Baubehörde lässt sich nie wieder blicken.
Frage: Können Sie Fehler nennen, die die Polizei im Rahmen des Fußballs begangen haben?
Antwort: Es ist schon oft vorgekommen, dass Dutzende Fans ohne Gerichtsverwertbarkeit festgenommen wurden. Die mussten dann natürlich wieder freigelassen werden. Fans, Ultras und Hooligans sind nicht erst seit gestern in Rechtsfragen sehr gut bewandert. Solche Aktionen kann man sich sparen. Sie kosten viel Energie und viel Geld. Warum soll eine Feier mit 300 Hooligans gewaltsam gestürmt werden, wenn sich alle ruhig verhalten?
Frage: Auf der anderen Seite hat es Vorfälle gegeben, in denen die Polizei überfordert war und zu spät oder gar nicht reagiert hat.
Antwort: Jeder Fall muss einzeln bewertet werden. Sollte ein Verein seine Sicherheitsauflagen nicht erfüllt haben, würde ich mir als Einsatzleiter auch dreimal überlegen, ob ich meine Jungs verheizen will, und sie in den Block zu hundert betrunkenen Randalierern schicke. Viele vergessen, dass manche Polizisten Jahre lang hin und hergekarrt werden. Vom Castor-Transport zur Nazi-Demo, vom George-Bush-Besuch zum Fußballspiel. Ihnen bleibt kaum Zeit zum Nachdenken. Auch sie dürfen Fehler machen. Polizisten sind auch nur Menschen.
Frage: Viele Fans, vor allem Teile der Ultraszene, bezeichnen die Polizei als ihr größtes Feindbild. Der Konflikt entzündet sich an den angeblich übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen. Können Sie die Kritik dieser Fans nachvollziehen?
Antwort: Es hat nie eine polizei-interne Anordnung gegeben, dass wir härter einschreiten sollen. Wenn wir jemanden in Gewahrsam nehmen, bedeutet das einen riesigen bürokratischen Aufwand. Alles muss dokumentiert werden. Glauben Sie mir: Kein Polizist mag diese Schreibarbeit.
Frage: Werden die Stadionverbote zu leichtfertig verteilt?
Antwort: Bei uns nicht. Ich kann ohnehin nur eine Empfehlung an den Verein weiterleiten. Der entscheidet, wer ein Verbot erhält. Umso jünger die auffälligen Fans sind, umso kürzer wird das Verbot. Je älter sie sind, und vielleicht sogar Mehrfachtäter, umso länger wird das Verbot.
Frage: Gewaltbereite und Gewalt suchende Fans werden in der Datei Gewalttäter Sport gespeichert, die von der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, Anm. d. Red.) in Düsseldorf verwaltet wird. Die Fans stehen dieser Datei sehr kritisch gegenüber. Teilen Sie diese Haltung?
Antwort: Diese Datei gehört auf den Acker. Sie ist sehr verwässert worden.
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