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10.05.2007
 

WM-Wunderteam 1994

Nigerias unvollendetes Meisterwerk

Von Daniel Müller

Selten war Afrikas Hoffnung auf den WM-Titel so realistisch wie 1994, als Nigerias Elf um Jay-Jay Okocha die Welt mit Finesse und Athletik beeindruckte. Doch das Team scheiterte an taktischer Schwäche, konnte sich aber immerhin zwei Jahre später mit Olympiagold trösten.

Es war einer der emotionalsten Momente der WM 1994: Wie der nigerianische Stürmer Yekini das Tornetz umklammert, es mit weit aufgerissenem Mund von sich hält, um es dann fast liebevoll an sich zu schmiegen. Sekunden zuvor hatte der bullige Angreifer das erste Tor Nigerias bei einer Weltmeisterschaft geschossen und sofort realisiert, dass er sich unsterblich gemacht hatte. Im Auftaktspiel der Gruppe D trafen an diesem 21. Juni Nigeria und Bulgarien in Boston aufeinander. Mit einem 90-minütigen Offensivfestival demontierte das Ensemble um den damaligen Frankfurter Augustine "Jay-Jay" Okocha einen hilflosen Gegner, der mit dem 0:3 am Ende noch gut bedient war.

Die Fußballwelt war sich einig: Die "Super Eagles" konnten um den WM-Titel mitspielen. Eine Einschätzung, die aber schon vier Tage später teilweise revidiert werden musste: Da nämlich hatten jene leichtfüßigen Nigerianer in einem zerstörerischen Gewaltakt alle Fußballkunst preisgegeben und gegen alles getreten, was in argentinischen Trikots herumlief. Das Spiel ging 1:2 verloren und mit ihm viele Sympathien, die sich Nigeria zuvor erworben hatte.

Diese zwei Gesichter waren typisch für ein Team, das fußballerisch zweifelsohne zu den besten der neunziger Jahre gehörte. Einerseits technisch brillant, athletisch und spielfreudig, andererseits unkonzentriert und überheblich. So ist es fast einhelliger Tenor, dass die Hauptschuld am späteren Achtelfinal-Aus gegen Italien Trainer Clemens Westerhof trifft.

Der eigensinnige Niederländer, der aus seiner Abneigung gegen die "afrikanische Art" nie einen Hehl machte, drückte den Westafrikanern seine Vorstellung eines europäischen Defensivfußballs auf, der die Stärken der Elf ignorierte. Nach der 1:0-Führung gegen Italien beorderte Westerhof bis auf Yekini alle Spieler nach hinten. Der konstatierte nach dem 1:2 in der Verlängerung: "Je mehr wir angreifen, desto besser können wir verteidigen. Das ist unser Spiel." Der einzige, der das nicht verstanden hatte, war Westerhof.

Überhaupt ist schwer nachzuvollziehen, wie dieser Mann fünf Jahre die Geschicke der nigerianischen Nationalmannschaft leiten konnte. Immer wieder äußerte er sich abschätzig über seine Spieler. "Sie essen fettig, vergnügen sich mit ihren oder anderen Frauen und haben sich nicht unter Kontrolle", sagte Westerhof. Oder: "Die wollen nicht einfach gewinnen, die wollen sich als Helden feiern lassen, den Gegner demütigen."

Dribbelkünstler Okocha: Grandiose Vorstellung
AFP

Dribbelkünstler Okocha: Grandiose Vorstellung

Nach dem Aus gegen Italien sprach Westerhof von der Dummheit seiner Spieler und behauptete, ihr Verhalten sei typisch für Afrikaner – der Schwarze müsse sich dem Weißen immer überlegen fühlen. Das niederländische Fachblatt "Voetbal International" nannte Westerhof daraufhin einen Kolonialherren. Dessen Selbstherrlichkeit führte unmittelbar nach dem WM-Aus dazu, dass die Spieler ihn aus dem Hotel warfen, weil sie seine Anwesenheit nicht mehr ertrugen.

Dabei hatte Nigerias Team bei diesem Turnier eigentlich alle Voraussetzungen, Großes zu schaffen. So aber blieb der Eindruck, dass diese Mannschaft mit Ausnahmekönnern wie Amokachi, Amunike, Okocha oder Oliseh unter Wert geschlagen wurde. Mit einer anderen, den Stärken der Spieler gemäßen Taktik und einer weniger kruden Personalführung hätte Nigeria möglicherweise die Vormachtstellung der Europäer und Südamerikaner brechen können.

Es ist nicht verwunderlich, dass der größte Erfolg des Landes zwei Jahre später ohne Westerhof erreicht wurde. Dessen ebenfalls niederländischer Co-Trainer Jo Bonfrere übernahm die Mannschaft nach der WM und führte sie ohne Niederlage durch die Qualifikation zum Olympischen Fußballturnier 1996 in Atlanta. Dort gewann Nigeria mit furiosem Angriffsfußball und tollen Aufholjagden die Goldmedaille – der erste globale Fußballtitel einer afrikanischen Nation.

Insbesondere das Halbfinale gegen Brasilien, als sie ein 1:3 zur Pause noch zum 4:3 drehten, bleibt unvergesslich. Der 3:2-Endspielsieg über das argentinische Team um Zanetti, Ayala und Crespo war eine Demonstration bedingungsloser Offensive. Bonfrere ließ mit drei, zeitweise vier Stürmern spielen. "Wir hatten ein einfaches Ziel", sagte er später, "Tore machen. Ein Gegentreffer warf uns nicht um." Auch im Finale lag Nigeria zweimal zurück, Amunike erzielte kurz vor dem Abpfiff den Siegtreffer.

Dabei hatte es Bonfrere unter der Militärregierung Nigerias nicht immer leicht. Die Offiziellen versuchten ihn zu gängeln und schoben ihm oft Zettel mit Mannschaftsaufstellungen zu. "Ich ignorierte sie, wir gewannen trotzdem", erinnert sich Bonfrere. Der Coach musste Bälle aufpumpen, die er zuvor selbst gekauft hatte. Bonfrere buchte zudem Flüge und besorgte Videos vom Gegner.

Der heute 60-Jährige wollte den afrikanischen Fußball unbedingt international konkurrenzfähig zu machen. Auf Dauer gelang dies leider nicht. Die WM 2006 verpasste Nigeria, 2002 war das Aus in der Vorrunde gekommen. Vier Jahre zuvor hatten die Dänen im Achtelfinale die Afrikaner 4:1 vorgeführt. Inzwischen sitzt ein anderer Europäer auf der Trainerbank: der Deutsche Berti Vogts.

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