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11.05.2007
 

Bayer Leverkusen

Das Zittern der Pillendreher

Von Daniel Theweleit

In Leverkusen herrscht Unruhe. Es gibt Gerüchte, die Bayer AG würde sich als Sponsor des Fußball-Bundesligisten zurückziehen. Zudem muss das Team nach zuletzt schwachen Spielen um die Teilnahme am Uefa-Cup bangen. Das Fußballmagazin "RUND" schaute sich in Leverkusen um.

Der Gedanke schmerzt. "Wenn die Bayer AG aussteigt, sind wir nicht mal dritte Liga, vielleicht vierte Liga", sagt Stefan Krause. Der 46-Jährige ist ein Fan der Fußballer von Bayer Leverkusen, seit 1973 liebt der Vertriebsleiter diesen Club. Er kennt noch die Zeit, als das Stadion nur dann halbwegs voll wurde, wenn der Gegner genügend Anhänger mitbrachte.

Gemeinsam mit Bayer ist Krause seither einen langen Weg gegangen, immer weiter nach oben, eine schöne Fanbiografie. Doch seit einiger Zeit verändert sich das Lebensgefühl hier in Leverkusen. Nicht, weil Reiner Calmund untersagt wurde, weiter mit seinen Millionenbeträgen zu jonglieren, nicht, weil die Bayer AG einen Zwang zur wirtschaftlichen Vernunft einführte, nein, es ist etwas anderes, etwas subtileres, das die Sorgen um die Existenz des Clubs nährt.

Leverkusen ist eine Stadt, die ausblutet. "Früher fühlte man sich hier geborgen wie in einer Familie", sagt Krause, "aber seit die Bayer AG immer neue Bereiche ausgliedert und Leute entlässt, sind hier viele nur noch entsetzt." In der 160.000-Einwohner-Stadt, die nur existiert, weil das Bayer-Werk hier steht, wurden in den vergangenen Jahren 16.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abgebaut.

Die 9600 im Besitz des Konzerns befindlichen Wohnungen wurden verkauft, Schwimmbäder und Eishallen dichtgemacht. Bald schließt sogar das einstige Symbol für Leverkusens Wohlstand: das Bayer-Kaufhaus. Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt sanken von 125 Millionen 2001 auf heute 40 Millionen. Logisch, dass auch die Rentabilität der Fußballabteilung auf dem Prüfstand der Konzernmanager steht, schließlich agiert Bayer in einer Welt der globalisierten Märkte.

Beruhigend ist nur, dass vor den Fußballern andere Bereiche zur Debatte stehen. "Eins ist klar", sagt Sportdirektor Rudi Völler, "bei allem Respekt vor den anderen Sportarten, die Fußballabteilung von Bayer Leverkusen ist das absolute Zugpferd, das weiß auch die Bayer AG." Dennoch schrieb die Tageszeitung "Welt" jüngst: "Es hält sich wacker das Gerücht: Bayer 04 wird abgewickelt."

Ein Gerücht eben, gespeist von einem Gefühl: Nichts ist mehr sicher. "Wenn irgendwelche Heuschrecken sagen, der Fußball sei Geldverschwendung, kann es schnell gehen", sagt Fan Krause. Die Bayer AG muss dem Willen ihrer Aktionäre folgen, und die wollen Rendite. Noch allerdings leuchten bei Nacht die Flutlichtmasten der Arena heller als das alte Wahrzeichen Leverkusens: das Bayer-Kreuz mit seinen 1710 Glühbirnen.

Bayer-Stürmer Kießling (r.): Einer der vielen jungen Hoffnungsträger
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Bayer-Stürmer Kießling (r.): Einer der vielen jungen Hoffnungsträger

Die Fußballer sind immer noch ziemlich erfolgreich. Sie sind zäh. Gerade hat der Konzern überraschend den schon lange geplanten Ausbau des Stadions von 22.500 auf 30.000 Zuschauer genehmigt - Kosten: 56 Millionen Euro. "Unsere Fußballmannschaft ist für uns ein wichtiger Imageträger im In- und Ausland", sagt der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Wenning.

Obwohl der Club in den vergangenen drei Jahren über 20 Millionen Euro Transferüberschüsse erzielen musste, um die Altlasten aus der Calmund-Ära abzutragen, spielt eine ambitionierte Mannschaft für Bayer. Der Prozess der Konsolidierung ist abgeschlossen. "Wir schreiben erstmals wieder schwarze Zahlen", sagt Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.

Das Team ist gut aufgestellt. Mittelfeldspieler Rolfes ist so einer, dem die Zukunft gehört. Neben dem 25-Jährigen gehören mit Barnetta, Castro, Adler, Kießling und Haggui sechs zur Stammelf, die ihre beste Zeit noch vor sich haben. Zur neuen Saison kommt noch der designierte Bundesliga-Torschützenkönig Theofanis Gekas aus Bochum nach Leverkusen, das in den vergangenen zehn Jahren neun Mal international spielte.

All das sind Fakten, die einem üblicherweise Anerkennung und Zuneigung bescheren müssten, doch was das Image betrifft, bleibt Bayer trotzdem so etwas wie das biedere Reihenhaus unter den mondänen Villen der Bundesliga (Bayern und Schalke), den Bruchbuden (Dortmund, Mönchengladbach, und Bochum) und den aufregenden Studenten-WGs (Mainz und Aachen).

"Als ich in den Achtzigern hier mit Bremen oder Offenbach gespielt habe, waren hier 5000 Leute. Damals war das wirklich ein Plastikclub oder eine graue Maus", sagt Völler. Heute sei das Stadion immer ausverkauft. "Hier hat sich richtig viel getan." In Leverkusen besitzen zehn Prozent der Einwohner eine Dauerkarte. Wenn Berlin auf einen solchen Schnitt kommen wollte, müssten die Hertha 350.000 Saisonabos absetzen.

So etwas wie echte Begeisterung des Fußballvolks gab es trotzdem nur für einen sehr kurzen Moment: 2002, als Leverkusen durch die Champions League wirbelte. Wie eine unwiderstehliche Schönheit verführten sie damals viele Menschen, nach dem überwältigenden One-Night-Stand war Bayer dann aber plötzlich dreifacher Vize und Abstiegskandidat. Entzaubert, ungeschminkt und gar nicht mehr attraktiv.

Viele Partien der Leverkusener sind auch jetzt noch aufregende Abenteuer, mit dem ebenso unterschätzten Genie Bernd Schneider haben sie den vielleicht größten Einzelkünstler der Liga. Neben Bremen ist Bayer der Club, der den technisch feinsten Kombinationsfußball spielt. Bisweilen lässt sich das Team vom eigenen Spiel berauschen. Gerät jedoch Sand ins feine Getriebe, ist keiner da, der die große Kurbel dreht.

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