Von Felix Meininghaus, Dortmund
Dortmund - Dieses Prickeln war schon morgens um elf zu spüren, als sich Heerscharen in schwarz-gelb und blau-weiß durch die Dortmunder Innenstadt bewegten. Voller Vorfreude auf jene Begegnung, die für sie seit jeher das Spiel der Spiele ist. Es ist ein in Deutschland einmaliges Faszinosum, dass es zwei Vereinen gelingt, eine ganze Region in Vibration zu versetzen. Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 – diese beiden Clubs spalten in zwei Lager und vereinen gleichzeitig in ihrer so hingebungsvoll gelebten Hassliebe.
81.000 Fans verfolgten die 129. Auflage des ewig jungen Klassikers im Dortmunder Stadion, rund 70.000 waren in der Schalker Arena dabei, als das Ruhrgebiet ein knappes Jahr nach der Weltmeisterschaft das Public Viewing wiederentdeckte. "Nur wer sich auf einer Mars-Mission befindet oder in der Koldewey-Forschungsstation an der Westküste Spitzbergens ausschließlich mit wissenschaftlichen Experimenten beschäftigt, hatte eine Chance, dem Ballyhoo rund um die Mutter aller Derbys zu entgehen", hieß es im Dortmunder Stadionheft.
De facto wurde eine ganz normale Bundesligapartie zu einem epochalen Ereignis auf WM-Niveau stilisiert. Dortmund gegen Schalke, dieses Spiel elektrisiert die Massen. 600 Medienvertreter waren akkreditiert, vor Spielbeginn verteilte der gastgebende Verein Handzettel, auf denen er mitteilte, dass für die Schalker eine zweite Mixed-Zone eingerichtet wurde, "weil sich diese Regelung bei Länderspielen und Champions-League-Spielen bewährt hat".
Nach dem Schlusspfiff war der Bereich, in dem sich die Schalker den Fragen der Journalisten stellten, wesentlich besser frequentiert als der, wo sich die BVB-Profis zur Lage äußerten. Durch das 0:2 (0:1) haben die Schalker einen Spieltag vor dem Saisonende ihre Tabellenführung an den VfB Stuttgart abgegeben. Auch im 49. Jahr nach der letzten Meisterschaft im Jahre 1958 droht der Traditionsclub mit leeren Händen dazustehen. "Wir hatten einen großen Traum", sagte Mirko Slomka nach dem Abpfiff, "doch nun sieht es so aus, als sollte er nicht in Erfüllung gehen". Es tue ihm "unheimlich leid für diese super Truppe", führte der sichtbar um Fassung ringende Trainer aus, "es wird sehr, sehr hart, die Jungs jetzt wieder aufzurichten".
Für die Fans muss es ein niederschmetterndes Erlebnis gewesen sein, mit anzusehen, wie ihre Helden in Dortmund in 90 Minuten leichtfertig den Lohn einer gesamten Saison aufs Spiel setzten. Jegliche Leidenschaft und Hingabe, die notwendig sind, um Großes zu vollbringen, waren aus den Köpfen und den Beinen der Schalker gewichen, stattdessen diktierte die Angst vor dem Scheitern den blutleeren Auftritt vor tosender Kulisse. "Das ist eine bittere Situation",sagte Slomka, "seit dem 20. Spieltag Erster zu sein und am vorletzten Spieltag die Tabellenführung zu verlieren".
Die Gründe für das Versagen hatten die Schalker nur bei sich zu suchen – bei niemandem sonst. Von der ersten Spielminute an wirkten sie unerklärlich gehemmt. Dabei hatten Trainer und Spieler nach der Niederlage in Bochum, als sich die Mannschaft schon einmal hasenfüßig präsentierte, immer wieder versichert, dass sich so etwas nicht wiederholen könne. Dieses Versprechen hat Schalke nicht gehalten. "Es kann nicht sein", haderte Slomka, "dass wir uns hier nicht einmal richtige Torchancen erspielen. Nur über Standards zu kommen, ist einfach zu wenig."
Der Protagonist des Schalker Scheiterns hieß Lincoln. Der Spielmacher, an guten Tagen der Spiritus Rector bei den Königsblauen, war ein Schatten seiner selbst und hätte eigentlich ausgewechselt werden müssen. "Wenn du einen hast, der das Spiel mit einem Pass entscheiden kann, hoffst du auf diesen Moment. Bis zum Ende", begründete Slomka seine Entscheidung, dies nicht zu tun. Die Hoffnung war eine trügerische, Lincoln enthielt den Schalkern an diesem deprimierenden Nachmittag seine Geistesblitze vor.
Auch seine Mitspieler verweigerten sich hartnäckig. Schalkes Außenverteidiger Christian Pander sagte mit einem gequälten Lächeln, sein Team habe "einen ganz großen Schritt gemacht, aber leider in die falsche Richtung". Und sein Kollege Gerald Asamoah gab zu, ihm fehlten die richtigen Worte, um das Dilemma zu beschreiben: "Wir haben einfach nicht gut gespielt, obwohl wir alles versucht haben."
Wenn das alles war, dann haben es die Schalker auch nicht verdient, die von ihren Anhängern so sehnlich herbeigewünschte Meisterschaft zu gewinnen. Wie wenig sich die Gäste an diesem Nachmittag, an dem ihnen die Schale aus den Händen glitt, zutrauten, verdeutlicht Panders Analyse: "Das Gegentor so kurz vor der Pause", sagte der 23-Jährige, "hat uns ein bisschen das Genick gebrochen." Wohlbemerkt, nach dem Rückstand, den der Schweizer Alexander Frei mit seinem 16. Saisontor nach feiner Vorarbeit des überragenden Christoph Metzelder erzielte, hatten die Schalker noch eine ganze Halbzeit, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu wenden. Es ist nicht gelungen, stattdessen sorgte Ebi Smolarek mit seinem Treffer fünf Minuten vor dem Abpfiff dafür, dass die Dortmunder eine Horrorsaison zu einem versöhnlichen Abschluss bringen konnten.
Was den Schalkern vor dem letzten Spiel gegen Bielefeld bleibt, ist die vage Aussicht, das Schicksal möge sich durch eine glückliche Fügung doch noch zum Guten wenden. Die Losung der Geschlagenen gab Kapitän Marcelo Bordon aus, der in einer zaghaften Truppe einer der wenigen Zupackenden gewesen war. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute für Verein, Fans und Familie", verkündete der Brasilianer mit reichlich Pathos. Das letzte Fünkchen Hoffnung speist sich aus der Vergangenheit: "Wir haben die Meisterschaft schon mal in der letzten Minute verloren", sagte Bordon, bevor er den Mannschaftsbus bestieg, "vielleicht gewinnen wir sie ja dieses Mal in der letzten Minute."
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