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20.05.2007
 

Stuttgart-Siegesfeier

Deutscher Meister auf der Love-Parade

Von Oliver Trust, Stuttgart

Was für ein Fest: 200.000 Stuttgarter feierten ihren VfB, machten die Schwaben-Hauptstadt zur Partymetropole. Mancher aus der Mannschaft konnte es gar nicht fassen, dass man wirklich Meister ist - jetzt will sich der Club verstärken.

Stuttgart - Da stand Roberto Hilbert, der scheue Franke, in einem Cabrio aus schwäbischer Produktion und staunte: "Ich wusste gar nicht, dass Stuttgart so viele Einwohner hat, der Wahnsinn." Mittlerweile war es kurz vor Mitternacht und der Zug der Sieger hatte sein Ziel, den Schlossplatz nach fast vier Stunden endlich erreicht. Dabei waren es nur überschaubare 5,9 Kilometer. Auf dem letzten Teilstück des Weges versuchte die Polizei, die Wagen mit den Spielern noch umzuleiten, um sie voran zu bringen. Es half nicht viel.

Rund 200.000 Menschen sollen es gewesen sein, die Stuttgart nach dem Gewinn des fünften deutschen Meistertitels im Fußball nach dem 2:1 über Energie Cottbus in eine Partystadt von unbekanntem Ausmaß verwandelten. Die Helden sahen mittlerweile angesichts ausbleibender Flüssigkeit und fester Nahrung leicht unterzuckert und blass aus, tanzten und sangen aber nichtsdestotrotz um die Wette.

"We will rock you" dröhnte es aus den Lautsprechern, "Wenn ich König von Deutschland wär'" und "We are the champions". In seiner Not schickte Ludovic Magnin eine SMS an Freunde, die "auf unsere Party warten". Die fand dann erst gegen Morgen in einer Nobeldiskothek am Killesberg statt. Auf dem Schlossplatz fingen derweil die Hip-Hoper der "Fantastischen Vier" an zu spielen, weil es ewig dauerte.

"Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Das hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet", sagte Armin Veh, als sich der langsamste Autokorso der Welt schneckengleich vorwärts quälte. Im Wagen des Präsidenten Erwin Staudt saß auch Kapitän Fernando Meira, der sich immer wieder gefährlich weit aus dem Gefährt lehnen musste, "weil diese Schale auch den Fans gehört". Und die wollten mit der elf Kilo schweren Schale ein bisschen kuscheln.

"Ich bin überwältigt, die Begeisterung ist so groß, dass wir nicht durchkommen", sagte Erwin Staudt, der zusammen mit Finanzchef Ulrich Ruf und den sportlichen Leitern Veh und Heldt (Manager) entscheiden muss, wie man die geschätzten 20 Millionen Euro ausgibt, die der Titel und der direkte Einzug in die Champions League in die Clubkassen spülen. Der VfB muss und will sich verstärken und mit dem Platz im europäischen Wettbewerb weiter aufholen, "damit wir näher an die großen Clubs heran kommen", sagte Staudt. Es wird mit dem Türken Yildiray Bastürk verhandelt, der Hertha BSC ablösefrei verlassen kann. Es wird zudem ein weiterer Stürmer gesucht.

Derweil machte Gomez "die Nacht zum Tag" und sagte: "Ich kann gar nicht begreifen, was hier abgeht." Während der Partie gegen Cottbus, als sie lange gelähmt von der Angst versucht hatten, ihre Tabellenführung zu verteidigen, waren die Straßen der baden-württembergischen Landeshauptstadt wie leergefegt. Jetzt musste man die Innenstadt sperren. Das Motto der schwäbischen Meisterfeier: "Wegen Überfüllung geschlossen".

Angst, am nächsten Samstag im Pokalfinale gegen die Nürnberger nur noch als schlaffer Sparringspartner dazustehen, hatte keiner. "Die Mannschaft wird rechtzeitig ihren Druck wieder aufbauen. Wir wollen jetzt das Double holen", sagte Heldt. Das scheint auch der innigste Wunsch von Timo Hildebrand zu sein. "Ich hatte den Traum, mit dem VfB deutscher Meister zu werden. Und jetzt ist er in Erfüllung gegangen" rief er ins Stadionmikrofon. Er geht nach zwölf Jahren weg vom VfB. Nach Valencia heißt es gerüchteweise. "Es ist Weltklasse, sich so zu verabschieden. Ich war kurz davor zu heulen, als ich im Stadion stand und noch ein paar Worte gesagt habe. Ich werde all das hier nie vergessen."

Das wird vielen so gehen, es dauerte und dauerte bis man endlich am Schlossplatz angekommen war. Und es war schon hell als die letzten Vertreter des neuen Meisters in ihre Betten krochen. "Die werden schon durch den Titel wieder Kraft und Rückenwind bekommen, um auch das Double zu holen", sagte Guido Buchwald, der Weltmeister von 1990 und zweimalige deutsche Meister 1984 und 1990.

Wie Buchwald wurden die Altstars der Stuttgarter wie Hansi Müller und Karl Allgöwer in Vertretung vor die Kameras gezerrt, die neuen Helden, die jüngste Elf der Liga, ließ auf sich warten. Da konnte auch die Prämie von 100.000 Euro, die jeder im Profibereich bekommen soll, nicht helfen. "Das ist hier ist eindeutig anstrengender als das Spiel, aber auch viel schöner", sagte Zugmitglied Marco Streller. "Heute hatten wir das erste Mal Druck, weil wir unseren ersten Platz verteidigen mussten, wir haben gemerkt, das ist ein besonderer Druck."

Mit dem werden sie nun in der nächsten Saison umgehen müssen, wenn neben Cottbus möglicherweise Barcelona und Mailand nach Stuttgart kommen. "Die große Stärke dieser Mannschaft ist ihre Geschlossenheit", sagte Heldt. Er wird zusammen mit Veh genau darauf achten müssen, das die "gewachsene Hierarchie", die Thomas Hitzlsperger entdeckt hat, keinen Schaden nimmt. "Das sind hier alles sehr erwachsene Menschen", sagte "Hitze". "Wir sind jetzt einfach glücklich und feiern. Schon der Pokal am Samstag, den wir natürlich gewinnen wollen, ist heute so weit weg. Wichtig ist die Freude unserer Fans in der ganzen Stadt".

Das musste auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger erfahren. Der wartete im Spätbarockbau bis spät in die Nacht auf die Kicker.

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