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17.06.2007
 

Kölsche Liebe

Der FC und das verdammte Double von '78

Von Marc Schürmann

In der zweiten Liga spielen und sich für Real Madrid halten: Der 1. FC Köln macht es seinen Anhängern nicht einfach. Doch die geben die Hoffnung auf glorreiche Zeiten trotz Wolfgang Overath nicht auf - und glauben fest an den Champions-League-Sieg 2010.

Zunächst möchte ich etwas klarstellen: Wann immer ich Anhänger des FC Bayern München sehe, begegne ich ihnen mit Stolz. Weil ich nicht mit einer Mannschaft juble, die immer gewinnt. Weil ich für meine Vereinstreue leiden muss. Weil ich also der bessere Fan bin. Klarstellen möchte ich, dass das alles Quatsch ist. Natürlich wäre ich viel lieber Fan des FC Bayern München. Die gewinnen ja immer. Dass ich stattdessen zum 1. FC Köln halte, ist kein heldenhaftes Verdienst, sondern meine eigene Schuld.

Trainer Daum: Overaths Verzweiflung
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Trainer Daum: Overaths Verzweiflung

Mir ist also klar, dass die meisten Ideen, die ein junger Mensch haben kann, besser sind als die, Fan des 1. FC Köln zu werden. Einmal habe ich auch versucht, von ihm wegzukommen. Es war Mitte der neunziger Jahre, Köln gurkte irgendwo in Reichweite der Uefa-Cup-Plätze herum (das empfand ich damals als Herumgurken), und ich entschied mich, künftig, wenn schon nicht für den FC Bayern, dann immerhin für den Karlsruher SC zu sein. Also schaltete ich die Sportschau ein, der KSC gewann, in mir passierte nichts, Köln verlor, mein Herz war in Aufruhr. Es ist eine Binsenweisheit, dass man seine Frau, seinen Beruf und sein Land verlassen kann, nur seinen Verein nicht. Ich habe es wenigstens probiert.

Warum trotz allem der FC? Ich war acht, mein Bruder hatte sich den FC ausgesucht, und da mein Bruder größer und stärker war als ich, machte ich das auch. Außerdem fand ich Pierre Littbarski super. Tja, so einfach war das. Jetzt wollen Sie bestimmt noch Lobgesänge auf Poldi, Sinke und Helmes lesen, also schön, Poldi, Sinke und Helmes sind super, der Dom ist auch ein tolles Gebäude, aber damit, dass ich den 1. FC Köln liebe, hat all das nicht das Geringste zu tun. Jemand wie Helmes ist ein gutes Argument, aber eine Liebe, die Argumente braucht, ist keine Liebe, sondern eine Kooperation. In diesem Fall würde ich dem ein Ende machen, denn zwar kooperiere ich mit dem FC (siehe meine jährlichen Überweisungen in Höhe von 61 Euro unter der Mitgliedsnummer 24702), aber er kooperiert nicht mit mir (siehe aktuelle Tabelle).

Dabei ist es ja nicht einmal so, dass man als Kölner Fan besonders viel leiden müsste. Das wäre ein verquerer Grund für die Liebe zum Verein, aber immerhin wäre es einer. Schön, da waren vier Abstiege, Holger Gaißmayer, Uwe Rapolder und so, aber was soll ein Verehrer des SC Preußen Münster sagen, dessen Verein nie irgendwas reißt? Einer des VfL Wolfsburg, dessen Verein außerhalb der Werkskantine niemanden interessiert? Oder der Hertha, die einen Lizenzentzug, den Absturz in den Amateurfußball und Dieter Hoeneß erlitten hat? Kölner Fans vergießen Luxustränen.

Glaubensbekenntnis

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Glaube, Liebe, Hoffnung: Seinen Partner kann man wechseln, seinen Fußballverein nicht. Bei SPIEGEL ONLINE bekennen sich Autoren in der Serie "Glaubensbekenntnis" zu ihren geliebten Clubs.
Das liegt an der Kölner Maßeinheit. Sie beträgt ein Double, genauer: das Double von 1978. Wir wollen zudem nicht vergessen, dass der FC zu Gründungszeiten der Bundesliga – der FC Bayern München war ein rein lokales Phänomen – als das Real Madrid der Bundesliga galt, uneinholbar auf viele Jahre. So kommt es, dass ein Kölner auch einen 8:1-Heimsieg gegen Wacker Burghausen schön, aber nicht wunderschön findet, denn dieses Ergebnis liegt bestenfalls bei 0,01 Double.

Wolfgang Overath, der schwächste Präsident, den ich bewusst erlebt habe, steht genau für diesen Anspruch. Deswegen hat er einst Marcel Koller entlassen, eine grobe Dummheit gleich als erste Handlung seiner Amtszeit, und letzthin Christoph Daum geholt, eine Tat der Verzweiflung. Aber was soll ich mich über Overath beschweren? Auch mir kann man zu jeder halben und vollen Stunde den Kopf vor die Tabelle knallen und ins Ohr brüllen, dass Köln um nichts, um nichts anders oder besser als all die anderen Vereine ist, die zu schlecht für die Bundesliga und zu gut für die zweite Liga sind und die Jahr für Jahr ihre größten Talente hergeben müssen, weil diese berechtigterweise ihre Karriere nicht für ein beliebiges, wenig erfolgversprechendes Wirtschaftsunternehmen opfern wollen: Ich werde es nie einsehen. Klar, ich schreibe es gerade, aber das heißt nicht, dass ich es begreife.

Das Gute daran, dass man sich als Kölner Fan selbst das Leiden schafft, ist die Leidenschaft. Man ist immer beleidigt, enttäuscht, bockig, und vor allem: Immer hofft man. Auf die Erlösung. Kölner Fans sind die Zeugen Jehovas des deutschen Profifußballs. So wie die Zeugen Jehovas es nicht unter der Apokalypse machen, beansprucht der Kölner Fan den Sieg in der Champions League. So hat er immer etwas, worauf er warten kann. Wohlgemerkt: Wir Kölner warten auf die Champions League nicht so, wie man auf den Lottogewinn oder die wahre Liebe wartet. Wir warten darauf so, wie man auf den Bus wartet. Und sehen nach jeder Saison verärgert auf die Uhr.

Eigentlich sollte ich hier eine Liebeserklärung an den 1. FC Köln schreiben. Ich merke gerade, dass ich mich eigentlich nur beklage. Das liegt daran, dass ich so bin wie er. Irgendwie nie zufrieden, weder mit dem FC noch mit sonst irgendwas; fühle mich wie der FC verkannt und unterschätzt; will wie der FC dauernd gefeiert werden und kann es doch nicht genießen, wenn ich es werde; glaube an den großen Durchbruch und an den Neubeginn. Die Frage ist nur: Wurde ich so, indem ich 23 Jahre lang mit diesem verdammten Verein fieberte? Oder war ich immer schon so und verliebte mich deswegen in den FC? Und: Will ich das wirklich wissen?

So oder so – ich habe es nicht anders verdient. Das ist der Grund. Deswegen bin ich Fan des 1. FC Köln. Aber sparen Sie sich Ihr Mitgefühl. Wir sprechen uns im Sommer 2010, nach dem Finale der Champions League. Das ist der Tag, an dem ich tatsächlich lieber FC-Fan als Bayern-Fan sein werde.

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