Von Mike Glindmeier
Damit kein falsches Bild entsteht: In den vergangenen Jahren kam es auch in anderen west- und ostdeutschen Städten zu rassistischen Übergriffen und Attacken von Hooligans. Doch das Beispiel Rostock zeigt besonders deutlich, dass Vereine ohne Fanprojekte immer wieder Probleme bekommen. Seit 1993 fordert und fördert der DFB Fanprojekte, um auf Anhänger einwirken zu können. In Rostock gibt es bis heute kein unabhängiges sozialpädagogisches Fanprojekt. Lediglich eine Abteilung im Verein kümmerte sich seit dem 1. Juli 2006 um die logistischen Belange der Anhänger. Mal scheiterte die Einrichtung an fehlendem Geld, mal an der Bereitschaft des Clubs. Doch die Rostocker sind damit nicht allein: Nach Angaben der Koordinationsstelle für Fanprojekte (Kos) in Frankfurt verfügten Anfang 2007 drei Erstliga- und zehn Zweitligastandorte über kein sozialpräventives Projekt.
"Die Verantwortlichen vor Ort haben das lange nicht für nötig gehalten", sagt Michael Gabriel von Kos. Dreimal habe die Koordinationsstelle in den vergangenen Jahren beim Verein vorgesprochen, bislang ohne Erfolg. Doch nach den neuerlichen Ausschreitungen in diesem Jahr tut sich was in der Hansestadt. Verein, Stadt und Land arbeiten in diesen Tagen an der Einrichtung eines pädagogisch arbeitenden Fanprojektes auf der Grundlage des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS). Dies sieht vor, dass Kommune und Land zwei Drittel der Gelder für Fanprojekte bewilligen. Das weitere Drittel kommt dann vom DFB.
"Die Landesregierung hat dem Konzept bereits zugestimmt, lediglich bei der Stadt gibt es noch kleine Fragezeichen. Aber auch dort ist man sehr positiv auf die Gründung dieser Einrichtung zu sprechen", sagt Axel Klingbeil. Rostocks Fanbeauftragter sieht die Ursachen für die hohe Gewaltbereitschaft der Hansa-Anhänger hauptsächlich in der Politik: "Die Aggression wird durch gesellschaftliche Probleme wie fehlendem Respekt und mangelndem Integrationsvermögen geschürt", so Klingbeil. Dabei nimmt er auch seinen Club, den er seit 1982 begleitet, in die Verantwortung: "In Sachen Fanarbeit ist in den vergangenen Jahren einiges aneinander vorbei gelaufen", so der 41-Jährige.
"Da war es vorbei mit der Solidarität"
Klingbeil spricht im Hinblick auf die Vorfälle der vergangenen beiden Jahre von einer "Entwicklung in der Fanszene, auf die der Verein reagieren musste und reagiert hat". Das Feuer auf der Tribüne in Essen sei ein Wendepunkt in der Szene gewesen: "Da war es dann vorbei mit der Solidarität innerhalb des Auswärtsblockes", erinnert sich Klingbeil. Der gelernte Schlosser setzt auf Beteiligung und Gruppendynamik: "Wir werden die Fans in Arbeitsgruppen aktiv am Vereinsgeschehen teilhaben lassen", beschreibt er das Konzept, das Rostock wieder aus den Negativschlagzeilen führen soll: "Die friedlichen Anhänger müssen ein deutliches Zeichen gegen die Gewalttäter setzen", so sein Wunsch. Das weiß auch Gabriel, der die Bemühungen um ein Fanprojekt in Rostock sehr begrüßt, schließlich sollen damit jene Anhänger unterstützt werden, die sich gegen Gewalt und Rassismus engagieren. "Generell gilt es, ein ausgewogenes Verhältnis von Prävention und Repression zu finden", so Gabriel, der von einem speziellen Ostproblem nichts wissen will. Generell habe sich die Situation in den Fankurven im Vergleich zu den neunziger Jahren stark verbessert: "Viele Fanszenen, auch im Osten, engagieren sich zudem gegen Rassismus", sagt Gabriel.
Der Fanbeauftragte Klingbeil geht optimistisch in die neue Saison - in der Verein und Fans in der ersten Liga noch schärfer unter Beobachtung steht als bisher: "Unsere Fans haben begriffen, dass sie sich gegen die auflehnen müssen, die dem Verein durch ihr Verhalten schaden", so Klingbeil. Immerhin muss der FC Hansa Rostock durch den Bundesliga-Aufstieg einen potenziellen Brandherd weniger fürchten: Ein Spiel gegen die in die zweite Liga aufgestiegenen St.-Paulianer wird es frühestens in der übernächsten Saison geben ... es sei denn, beide Teams werden im DFB-Pokal einander zugelost.
Mitarbeit: Alasdair Thompson
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