Mittwoch, 10. Februar 2010

Sport



Fußball-Bundesliga

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.08.2007
 

KSC gegen VfB

Mobilmachung vor dem Hassduell

Von Christoph Ries

Vergessen Sie Schalke und Dortmund, Bayern und Löwen. Nur im Südwesten hasst man aus tiefster Seele. Das Magazin "11 FREUNDE" erklärt, warum Karlsruhes Fans für den VfB Stuttgart solche Verachtung empfinden. Am Sonntag messen sich die Rivalen, die Polizei ist alarmiert.

Die Stimmung auf dem Balkon schwappte über. Spieler Maik Franz hatte sich das Mikrofon geschnappt und Tausende Anhänger warteten, welchen der üblichen Choräle Franz nun anstimmen würde. Stattdessen grölte der Kicker bei der Aufstiegsfeier Ende April dieses Jahres den Gassenhauer "Stuttgarter Arschlöcher" ins Mikrofon. Spontan stiegen die Teamkollegen Timo Staffeldt und Sebastian Freis ein, schließlich auch die Fans, live übertragen durch den Südwestfunk. Die Aufregung war beträchtlich, später versuchte sich der Club in Schadensbegrenzung und schrieb einen Offenen Brief an den VfB: "Im Rahmen unserer Feierlichkeiten auf dem Karlsruher Rathausbalkon kam es durch Akteure unseres Teams im Rahmen der sogenannten 'Humba' zu Beschimpfungen in Richtung des VfB Stuttgart und unserer Landeshauptstadt. Dies lag nicht in unserem Interesse."

KSC-Spieler Franz (r.) und Kies: Deutliche Worte Richtung Stuttgart
Zur Großansicht
Getty Images

KSC-Spieler Franz (r.) und Kies: Deutliche Worte Richtung Stuttgart

Doch so schnell sich auch die allseitige Aufregung legte, so nachhaltig blieb der Eindruck: Für die Blau-Weißen aus Karlsruhe ist das ständige Reiben am schwäbischen Erzrivalen eine echte Herzensangelegenheit. Egal welche Farben den Gästeblock im Wildpark zuletzt dominierten, in der Gunst der Fans war jeder Gegner so "scheiße wie der VfB". Das obligatorische "Humba", das der Fanblock nach jedem Heimsieg mit der Mannschaft zelebrierte, wurde ebenfalls neu vertextet: Auf "Stuttgarter ..." folgt nun stets ein tausendkehliges "... Arschlöcher". Selbst in der Regionalliga-Saison des KSC ließen es sich die Fans nicht nehmen, herzhaft über Ausrutscher des VfB in der Bundesliga zu lachen. Traditionen überdauern eben auch magere Zeiten.

Jetzt treffen die baden-württembergischen Clubs erstmals wieder in der Bundesliga aufeinander. Am Sonntag empfängt der KSC den VfB (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Die Polizei hat sich schon gerüstet, es die höchste Sicherheitsstufe. Rund 500 Beamte werden am Sonntag im Einsatz sein, normalerweise sind es zwischen 70 und 200. "Es gibt feindschaftliche Beziehungen zwischen einigen Fangruppen beider Clubs", erklärte die Polizei, "wir werden keinerlei Toleranz gegenüber Krawallmachern zeigen." Einige Anhänger des VfB und des KSC haben von den Behörden für den Sonntag ein Stadionverbot erhalten.

Die Verhöhnung der schwäbischen Landesbrüder ist eine badische Tradition, die bis in die frühe Nachkriegszeit zurückreicht: Kurz nach Gründung der Bundesrepublik stießen Badener und Schwaben zum ersten Mal aufeinander. In einer Urabstimmung 1951 sollten beide Landesteile über die Entstehung eines gemeinsamen Bundeslandes entscheiden. Um das Risiko des Scheiterns zu minimieren, teilte der spätere Ministerpräsident Reinhold Maier, ein Frontschwabe à la bonheur, das Land in vier Wahlbezirke: Nordwürttemberg, Südwürttemberg-Hohenzollern, Nord- und Südbaden.

Nach der Wahl stellte Maier trocken fest: "Drei von vier Bezirken votierten für die Entstehung eines gemeinsamen Staates, damit ist die Vereinigung beschlossene Sache." Nur Südbaden hatte gegen die Fusion gestimmt (62 Prozent). Wäre Baden als Ganzes gezählt worden, hätte es eine Mehrheit von 52 Prozent gegen die Vereinigung gegeben. Maier war's recht, und die Badener, vor allem die im Südteil, sannen zum ersten Mal auf Rache. Zu Helden wurden dabei stets jene, die es schafften, den übermächtigen Schwaben eins auszuwischen. Der frühere KSC-Coach Winnie Schäfer ist so ein Fall.

Die Blondlocke verdiente sich ihren Kultstatus in Baden gleich auf doppeltem Weg: Erst führte Schäfer den KSC im Uefa-Cup zu internationalen Ehren, dann scheiterte er auf solch grandiose Art und Weise als Trainer des VfB Stuttgart, dass man ihm fast schon Absicht unterstellen könnte. 2003 verdiente sich Schäfer dafür den Titel "Badener des Jahres".

Sein Nachfolger auf diesem Posten könnte Maik Franz sein, seine Gesangseinlage hat viele KSC-Fans schwer beeindruckt. Dass die Beteiligten unter erhöhtem Alkoholeinfluss standen und dass sich der Club so wortreich entschuldigte, kümmert die Anhänger dabei wenig. Dem Deutschen Fußball-Bund hingegen stieß die verbale Attacke auf, der Verband leitete flugs Ermittlungen ein und machte die Profis endgültig zu unfreiwilligen Helden im Badenland.

11 FREUNDE.DE@SPIEGEL ONLINE

11 FREUNDE.de
Das Magazin für Fußball- Kultur im Internet

Überhaupt: Mit dem Gewinn der Zweitliga-Meisterschaft in der vergangenen Saison erreichte das badische Selbstbewusstsein eine neue Qualität. Manch ein Badener spricht sogar von der erfolgreichsten Saison bislang, schließlich feierten die KSC-Fans in der vergangenen Spielzeit eine Art "Double" - der KSC wurde Zweitligameister und der VfB nicht DFB-Pokalsieger. Seither hoffen alle Fans auf die Tilgung der letzten Schmach gegen die Schwaben aus dem Jahr 1998. Damals besiegten die Badener den VfB zwar 4:2, am Ende aber lachten doch wieder die Stuttgarter: Diese erreichten den Uefa-Cup, der KSC stieg ab.

Das Existenzielle dieser Hassliebe ist leicht zu erklären: Ähnlich wie sich die KSC-Fans im Abstiegskampf an die legendäre Europapokalzeit klammerten, so hielt auch die schwelende Rivalität zum VfB die Hoffnung auf bessere Zeiten am Leben. Man möchte fast meinen, die Badener verlieren lieber, wenn dann auch der VfB verliert, anstatt zu gewinnen, wenn dann auch der VfB gewinnt. Ob sich die Fans diese Einstellung bei einem Mini-Etat von 13 Millionen Euro pro Saison erlauben können, ist eine andere Frage. Eindeutige Vorstellungen von einem perfekten Saisonverlauf haben sie jedenfalls alle: Zweimal Stuttgart schlagen und mit Glück nicht absteigen. Das wär's doch.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



VOTE

Fußball-Bundesliga: Welche Chance hat Aufsteiger Karlsruhe, die Klasse zu halten?











Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern