Von Ronny Blaschke
Tuvia Schlesinger formuliert seine Kritik als Frage, nicht als Aussage, er hat schließlich genug Ärger gehabt. "Wir sind lange gegen eine Mauer gerannt, werden wir etwa so behandelt, weil wir ein Verein mit jüdischen Wurzeln sind?" Schlesinger ist Präsident des Berliner Amateurclubs TuS Makkabi, gemeinsam mit seinen Kollegen hat er in diesen Tagen für ein Novum gesorgt, das den deutschen Fußball nachhaltig verändern könnte. Durch eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Berlin hat der Club die vorläufige Versetzung in die nächst höhere Liga erwirkt, in die Kreisliga A. Folglich ist eine der wichtigste Forderungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) missachtet worden: Statt Probleme intern zu lösen, also im Verbandsgericht des Berliner Fußball-Verbandes (BFV), wurde externe Hilfe beansprucht.
Bereits am Ende der vergangenen Woche hatte TuS Makkabi per Eilantrag die einstweilige Verfügung beantragt, schon einen Tag später wurde diese von einer Richterin in der 35. Kammer des Landgerichts bestätigt. "Die ordentliche Gerichtsbarkeit muss eingreifen, wenn es in der Sportgerichtsbarkeit krasse Verfahrensfehler gegeben hat", sagt Nathan Gelbart, Rechtsanwalt von Makkabi, zu SPIEGEL ONLINE. Vergleichbare Fälle hat es im Berliner Fußball kaum gegeben, bestätigte eine Sprecherin des Landgerichts. Gelbart orientierte sich an den Prozessen um die ehemaligen Leichtathleten Dieter Baumann und Katrin Krabbe, die in den neunziger Jahren ebenfalls die Sportgerichtsbarkeit verlassen hatten.
Der Berliner Fußball-Verband sieht nun seine Autorität in Gefahr und will Rechtsmittel gegen die Verfügung von Makkabi einlegen. "Das können wir so nicht akzeptieren", sagt Bernd Schultz, Präsident des BFV auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Als Eskalation möchte er den Rechtsstreit nicht bezeichnen. Dabei muss nun in einem Prozess, der mehrere Monate dauern kann, entschieden werden, ob Makkabi die Saison in der Kreisliga A beenden darf, oder zurück muss in die Kreisliga B. Unabhängig davon kann dieser Vorgang Folgen für die Sportgerichtsbarkeit haben. Sollte Makkabi Recht bekommen, hätte dies womöglich eine Vorbildfunktion für andere Vereine. Funktionäre, die sich hintergangen fühlen, könnten schnell die Grenzen des Sports verlassen, Chaos wäre programmiert.
"Wir prüfen diesen Vorgang genau"
Ausgangspunkt dieser schier unendlichen Geschichte war der 29. September 2006. Die zweite Mannschaft des TuS Makkabi hatte ein Punktspiel bei der VSG Altglienicke II vorzeitig beendet, weil sie von einer Gruppe angetrunkener Neonazis lange antisemitisch beschimpft worden war. Das Sportgericht bestrafte Altglienicke unter anderem mit zwei Heimspielen ohne Zuschauer. Alle Parteien legten Einspruch ein: Makkabi, Altglienicke und der Schiedsrichter. Einzig dem Unparteischen, der zunächst auf Lebenszeit gesperrt worden war, wurde in zweiter Instanz stattgegeben. Wegen eines Formfehlers, da er in der Verhandlung kein rechtliches Gehör erhalten hatte. Doch damit war der Fall längst nicht erledigt.
Das erste Wiederholungsspiel zwischen Altglienicke und Makkabi wurde beim Stand von 0:2 abermals abgebrochen, dieses Mal wegen schlechter Witterung. Im zweiten Versuch siegte Altglienicke 4:1. Bei diesem Erfolg wurden allerdings Spieler aus der ersten Mannschaft eingesetzt. Makkabi legte Einspruch ein, das Sportgericht wertete das Spiel 6:0 für Makkabi, der Club stieg als Tabellendritter in die Kreisliga A auf. Vorläufig. In zweiter Instanz lehnte das Sportgericht den Einspruch von Makkabi jedoch ab. Makkabi, jetzt Vierter in der Tabelle, verpasste den Aufstieg.
Wiederum beging das Sportgericht einen Formfehler. Makkabi wurde nicht gehört und statt nach spätestens 18 Tagen wurde der Verein erst nach gut zwei Monaten über das Urteil informiert. Das Verbandsgericht gab die Verfahrensfehler in einer Wiederaufnahme des Verfahrens offen zu, eine Aufstockung der Kreisliga A lehnte es jedoch ab.
Dass sich nun das Landgericht Berlin der Angelegenheit annimmt eröffnet eine neue Debatte um die Gerichtsbarkeit der Fußballverbände. Skepsis löste diese Nachricht auch in der DFB-Zentrale in Frankfurt aus. "Wir prüfen diesen Vorgang genau", sagt Mediendirektor Harald Stenger zu SPIEGEL ONLINE. Verbandspräsident Theo Zwanziger bezeichnet die Rechtssprechung der regionalen Verbände derweil als große Herausforderung: "In den unteren Klassen haben wir es mit Menschen zu tun, die sich für Fußball interessieren, die aber oft nicht die juristische Ausbildung haben, um solche sensiblen Maßnahmen durchführen zu können. Da haben wir Fortbildungsbedarf."
Anders als in Kontrollausschuss und Sportgericht des DFB, in denen Richter und Anwälte sitzen, entscheiden in den Amateurklassen oftmals Laien. Im Verbandsgericht des Berliner Fußball-Verbandes sind von elf Mitgliedern nur drei ausgebildete Juristen. Verbandschef Bernd Schultz relativiert: "Experten, die ehrenamtlich arbeiten, sind nicht leicht zu finden." Seit langem suchen DFB und der Weltverband Fifa nach einer einheitlichen Lösung. Ob sie eine finden, bevor der Fall um Makkabi geklärt sein wird, darf bezweifelt werden.
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Die Verbände versuchen nach Kräften, sich an der fortschreitenden Kommerzialisierung des Sports ihr kleines Scheibchen abzuschneiden. Da werden sie es denn wohl aushalten müssen, daß der Kommerz ihnen mehr und mehr die Spielregeln [...] mehr...
Zum Ausgangsfall: Mich würden mal die Hintergründe des zweiten Urteils interessieren. Ich kenne aus meiner Sportart (Hockey) im Prinzip nur zwei Möglichkeiten, entweder ist ein eingesetzter Spieler spielberechtigt oder er ist [...] mehr...
Hallo Madmind, ich habe bei meinem Post nur die recht allgemein gehaltene Fragestellung dieses Threads versucht zu berücksichtigen. Den angesprochenen Fall habe ich völlig ausßer acht gelassen, da ich keine weiteren Einzelheiten [...] mehr...
Welche rechtlichen Auswirkungen haben Sportgerichtsurteile? Sind von diesen Gerichten verhängte "Geldstrafen" eintreibbar? Und:bildete sich hier nicht eine Paralleljustiz,deren rechtliche Legitimation doch ziemlich [...] mehr...
Hallo Littlejon, ich will mich zwar jetzt nicht auf sie einschießen, aber ihre Argumentation hinkt im aktuellen Fall doch deutlich. Man kann wohl mit Sicherheit ausschließen, dass es in diesem Fall um den großen Reibach ging. [...] mehr...
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