Aus Shanghai berichtet Katrin Weber-Klüver
Man könnte es Ordnung gegen Chaos, Disziplin gegen Spontaneität, Strategie gegen Kreativität nennen. Auch Birgit Prinz im Kollektiv gegen Marta mit Entourage. Letzteres ist ein klein wenig ungerecht, denn auch bei den Brasilianerinnen ist Fußball immer noch ein Mannschaftssport. Und doch: der Brasilianische Frauenfußball dieser Tage, der Gewinn der Panamerikanischen Spiele im Juli, das erstmalige Erreichen eines WM-Endspiels in China – das alles ist im Rahmen eines Ensembles spielfreudiger Individualisten eine einzige große Marta-Show.
Nicht zuletzt wegen ihr verspricht daher das WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien am Sonntag in Shanghai (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) spannend, spektakulär – und unkalkulierbar zu werden. Und womöglich sogar in Brasilien ein Ereignis, auch wenn das Spiel in Südamerika in die frühen Morgenstunden fällt. Lange hat Fußball, von Frauen gespielt, in Brasilien ein kümmerliches Dasein gefristet. Wie das so ist in den großen Fußballnationen, in denen Männer meinen, dass nur das Fußball ist, was sie selbst spielen. Inzwischen verbeugt sich sogar Ronaldo vor Marta und ihren Mitspielerinnen.
Marta und ihr Team interpretieren Fußball anders als die Strategen aus den USA und Europa. Wo bei denen Systemtreue und eingespielte Abläufe vorherrschen, erwecken die Brasilianerinnen den Eindruck, als falle ihnen die Hälfte ihrer Aktionen gerade mal so ein. Im Halbfinale haben sie mit diesem verspielten und zugleich zielgerichteten Fußball die (bis auf eine Niederlage im Elfmeterschießen) seit 50 Spielen unbesiegten US-Amerikanerinnen deklassiert, wie es den zweifachen Weltmeistern noch nie widerfahren ist. Das 4:0 war zwar begünstigt durch ein Eigentor und einen unberechtigten Platzverweis. Aber es war ein Spiel, bei dem nie der Eindruck entstand, dass es ohne diese Faktoren wesentlich anders verlaufen wäre.
Weil sie zugleich athletisch sind, schnell in ihren Aktionen und dabei leichtfüßig – wie soll man sagen: brasilianisch eben – sieht das Spiel bei allen gut und bei vielen elegant aus. Wenig überraschend sind sie auch technisch eine Augenweide.
Deshalb nun festzustellen, Marta sei technisch beschlagen, wäre ungefähr so hilfreich wie über Rachmaninow zu sagen, seine Tonleitern seien so hübsch anzuhören. Marta spielt Fußball in einer anderen Dimension. Sie macht Dinge, die keine andere Fußballerin vermag, und von denen auch die meisten Fußballer nur träumen können. Sie düpiert ihre Gegnerinnen mal durch schiere Energie, Schnelligkeit und Schusskraft wie beim 2:0 gegen die USA. Aber noch faszinierender ist, wie sie Gegnerinnen Betonpfosten gleich ausspielen kann, den Ball auf die eine Seite, selbst auf die andere, wie sie Haken schlägt und Drehungen vollführt und anschließend noch den Ball platziert ins Netz drischt. Ihr Treffer zum 4:0 gegen die USA war eine solche Demonstration.
So sie nicht eine früh Vollendete ist, ist noch einiges zu erwarten. Manches davon am Sonntag.
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