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11.10.2007
 

"Sportschau" am Samstag

Destillat des puren Bundesliga-Glücks

Von Frieder Pfeiffer

Leo Kirch will wieder mitmischen im großen Bundesliga-Geschäft. So steht die ARD-"Sportschau" ein weiteres Mal vor dem Aus. Diesmal könnte es wirklich eng werden. Was wir ohne den Dinosaurier der Bundesliga-Berichterstattung vermissen würden - und was nicht.

Sie hatten Angriff um Angriff abgewehrt. Jahr um Jahr, Verhandlung um Verhandlung hatte der Gegner aus dem Pay-TV an der samstäglichen "Sportschau" gerüttelt. Doch die ARD hatte ihr liebstes Kind abgeschirmt wie der Bremer Zauberer Diego den Ball. Sie fühlten sich sicher. Die Konkurrenz hatte zuletzt die Angriffslust verloren. Premiere war nach der Arena-Saison froh, der zahlenden Kundschaft Bundesliga-Fußball endlich wieder live servieren zu dürfen – die ARD hatte den scheinbar größten Gegner der "Sportschau" gezähmt.

Und den allergrößten vergessen.

Moderatorin Lierhaus: Sportjournalistische Kompetenz bewiesen
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DPA

Moderatorin Lierhaus: Sportjournalistische Kompetenz bewiesen

So liegt er nun da, der Dinosaurier der Bundesliga-Berichterstattung, getroffen aus dem Hinterhalt – von einem zuckerkranken 80-Jährigen. Leo Kirch ist nach seiner Sieben-Milliarden-Pleite zurück und hat mit seinem prall gefüllten Geldkoffer das Eurozeichen in die Augen der Verantwortlichen der Deutschen-Fußball-Liga (DFL) und einem Großteil der Bundesliga-Manager gezaubert. Mit rund 3,45 Milliarden Euro Einnahmen aus TV-Rechten rechnet die DFL zwischen 2009 und 2015. Zum Vergleich: In der laufenden, dreijährigen Rechteperiode sind es rund 1,3 Milliarden Euro.

Kirch kauft, um zu verkaufen - also muss er sein Produkt ins Trainingslager schicken, es flott machen. Wahrscheinliches Ergebnis: weniger zeitnahe Berichterstattung im frei empfangbaren Fernsehen. Die "Sportschau", Inbegriff des schnellen Nachrichtentransports von samstäglichen Bundesliga-Partien, steht vor dem Aus.

Der endgültige Abpfiff hätte einige schlimme, wenige erfreuliche Folgen: Der ARD-Zuschauer würde die erste Liga nurmehr aus der dritten Reihe erleben (schade), 18.10 Uhr wäre nur noch die Minute zwischen 18.09 und 18.11 Uhr (sehr schade) und Reinhold Beckmann würde sich schon am Wochenende auf seine Talkshow am Montagabend vorbereiten können (sehr gut).

Was bliebe, wäre eine Lücke. Eine Lücke für gestresste Wochenendväter, denen der Raum für den Rückzug genommen wird. Eine Lücke, in die der Stadionbesucher fällt, der zurück auf dem Sofa die schönsten Stunden der Woche noch einmal Revue passieren lassen möchte. Was bliebe, wären sinnlose 105 Minuten am Samstagabend.

Wir werden uns fragen müssen, wer uns dann die Fußballspiele zeigt, als Zuschauer noch neben dem Tor standen und Hüte trugen? Wer erinnert uns jede Woche an Zeiten, in denen der 1. FC Nürnberg noch Rekordmeister war und das Bild so schlecht, dass nicht einmal Kirch dafür bezahlt hätte?

Wie würden wir das "Tor des Monats" vermissen, das 60-Sekunden-Destillat des puren Bundesliga-Glücks, den konservativ gekleideten Vorreiter des modernen Sportschauens: Zeitlose Bestenliste trifft Top-Five-Video auf YouTube. Jeder will es sehen, jeder kann es schießen. Wo sonst kann sich ein sechzigjähriger Bezirksliga-Libero über einen halb so alten Nationalstürmer erheben? Wo sonst ist ein gestandener Profi nahbarer als in den Berichten, in denen er bei einem Spaziergang im heimischen Vorort die Münzschatulle für das "Tor des Monats" gerührt entgegennimmt?

Sicherlich, für all das ist auch in einer sonntäglichen "Sportschau" Platz. Aber haben wir dann Zeit? Wollen wir eine Nacht darüber schlafen? Nein, wir wollen unsere Gewohnheiten nicht ändern. Ohne gesehen zu haben, mit welcher spielerischen Dominanz der eigene Verein den Lokalrivalen an die Wand gespielt, wie der Lieblingsstürmer traumhafte Kombinationen spektakulär vollendet hat, ist an ein reibungsloses Einschlafen nicht zu denken.

Auch können wir nicht auf die vielen Werbepausen verzichten, auf die wir den Ex- und Import von Flüssigkeiten angepasst haben. Und wo bekommt der sportgeneigte Fernsehzuschauer sonst die 19-Uhr-"Tagesschau" zu sehen zwischen Hertha gegen BVB oder VfB Stuttgart gegen Karlsruher SC?

Monica Lierhaus würde uns fehlen, das weibliche Gesicht des Moderatoren-Triumvirats, deren sportjournalistische Kompetenz ihre modische deutlich übersteigt – was sie im Vergleich zu Kollege Beckmann ehrt, bei dem sich dieses Verhältnis umkehrt.

Wir haben uns sogar an das Tänzeln der Moderatoren von Monitor zu Monitor gewöhnt, an Steffen Simons durchdringendes Kommentieren und an Spielberichte, deren kurze Entstehungszeit nicht alles entschuldigen kann.

Dennoch wäre die Bundesliga nicht mehr dieselbe. Totengräber Kirch wird sich einiges anhören dürfen. Er sollte sich besser wieder zurückziehen. Nicht nur am Samstagabend.

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