Wenn Mirko Slomka über seine Mannschaft spricht, ist beim Trainer von Schalke sehr oft von Schnelligkeit die Rede. Das ist nicht nur ein zentraler Begriff in seiner Vorstellung von Fußball, sondern auch im Fußball von heute allgemein. Zweifellos verfügt Schalke auch über etliche rasend schnelle Spieler, aber so richtig in Schwung ist die Mannschaft schon seit Wochen nicht. Das hat einerseits mit Verletzungen zu tun - in Cottbus stimmte auch mal der Einsatz nicht - es gibt aber auch strukturelle Schwierigkeiten. "Schalke spielt sehr schnell und sauber aus der Abwehr, aber dann bricht man ab", sagt Christofer Clemens, Spielanalytiker der Düsseldorfer Firma Mastercoach.
Prototypisch dafür steht die Videosequenz aus dem Spiel in der Champions League (siehe Video links) beim FC Chelsea. Sie übersetzt das reale Spiel in eine grafische Darstellung, ist also eine echte Szene aus dem Spiel, wobei die bewegliche blaue Linie, die die Abstände der Schalker Viererkette anzeigt, hier unwichtig ist.
Nachdem dort der Angriff von Chelsea (in Blau, Spielrichtung nach rechts) abgefangen worden ist, spielen die Schalker (in Weiß, Spielrichtung nach links) schnell aus der eigenen Hälfte nach vorne. Nachdem Westermann (Rückennummer 2) und Bordon (5) in der Mitte geklärt haben, dauert es nur acht Sekunden, bis der Ball über Fabian Ernst (8) und Carlos Grossmüller (21) tief in die gegnerische Hälfte gespielt worden ist. So agiert Schalke gerne, oft auch mit langen Bällen, denn damit bringt sich die Mannschaft in den Vorteil. Sie verfügt nun über Platz in der gegnerischen Hälfte und stößt auf eine nicht komplette gegnerische Defensive.
Doch so gut das gemacht ist, so leicht wird anschließend der Vorteil wieder vergeben. Grossmüller spielt den Ball nach außen, wo Peter Lövenkrands (11) zum Dribbling ansetzt, nicht vorbeikommt und nach innen zieht. Längst ist der Gegner aufgerückt und es folgen nun erfolglose Versuche, eine Lücke in der nun wieder massiven Abwehr zu finden. Der Angriff verläppert schließlich in einem Zweikampf, bei dem Gerald Asamoah (14) sich der Übermacht von drei Gegnern beugen muss.
Solche Szenen hat es in dieser Saison viele gegeben und sie beweisen, dass bei Schalke vor allem der schnelle und präzise Pass in die Spitze fehlt. In London war der Mangel besonders eklatant, denn von elf Anspielen aus dem Mittelfeld in den Strafraum kamen nur zwei an. Beim Rückspiel in dieser Woche sah es schon deutlich besser aus, immerhin fünf von neun Anspielen aus dem Mittelfeld erreichten den Mitspieler im Strafraum. Das lag auch daran, dass Slomka mit Ivan Rakitic und Mesut Özil gleich zwei kreative Spieler einsetzte.
Leider kann diese Variante beim Spitzenspiel gegen den Hamburger SV (Samstag, 15.30 Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht weiter auf ihre Tauglichkeit überprüft werden, weil Özil ausfällt. Auch das legt die Vermutung nahe, dass es gegen den Tabellenzweiten eher wieder schematisch zugeht. "Ein gegnerischer Scout dürfte das Schalker Spiel für sehr übersichtlich halten", sagt Clemens. Wer nun aber "Lincoln" ruft hat Unrecht und Recht zugleich, denn der Brasilianer war wegen seiner Launen- und Divenhaftigkeit in der Mannschaft nicht mehr gut gelitten - seine Ideen fehlen dennoch. Außerdem war der nach Istanbul gewechselte Lincoln wegen seiner Ballverliebtheit nicht immer ein Schnellmacher. Trotzdem gilt: Schalkes Spiel ist bis zum Strafraum schnell, dann aber zu langsam - übrigens sowohl bei der Formation mit zwei als auch mit drei Spitzen.
Offensichtlich gibt es auch in der sportlichen Führung von Schalke durchaus die Überzeugung, dass die Mannschaft im Winter noch verstärkt werden müsste. Doch wo hakt es? Wird man einen Stürmer suchen, der mit mehr Geschick die neuralgischen Punkte der gegnerischen Abwehr offenbart? Auch weil die Quote der genutzten Torchancen weit unterdurchschnittlich ist (laut "Kicker" liegt sie als fünftschlechteste der Liga bei 20,7 Prozent)? Oder setzt man auf mehr Ideen aus dem Mittelfeld, wofür das angebliche Interesse am Brasilianer Ze Roberto II von Botafogo Rio de Janeiro spricht? Oder sucht man einen Angreifer und setzt zugleich auf Entwicklungsschübe der beiden sehr jungen Rakitic (19) und Özil (18).
An der Defensivarbeit gibt es abgesehen von persönlichen Schnitzern, wie sie etwa von Keeper Manuel Neuer zu sehen waren, wenig auszusetzen. Das schnelle Umschalten in den Angriff ist (auch dank des Torhüters) vorbildlich. Doch bislang klappte halt nur dieses halbe Spiel, und das ist zu wenig, um die hohen nationalen und internationalen Ziele zu erreichen.
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