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16.11.2007
 

Nationaltorwart Lehmann

Paradoxon zwischen den Pfosten

Von Christian Gödecke, Hannover

Verkehrte Fußballwelt: Bei Arsenal sitzt Jens Lehmann auf der Bank, in der DFB-Elf ist er die Nummer eins. Aber wie lange noch? Bis Januar müsse sich die Situation ändern, sagt Torwarttrainer Köpke. Aber Lehmann erwägt in London zu bleiben, selbst wenn er damit die EM-Teilnahme aufs Spiel setzt.

Hannover - So richtig erklären kann es Andreas Köpke auch nicht. Es ist ein fußballerisches Parodoxon, mit dem der Bundestorwarttrainer konfrontiert ist. Lehmann sitzt regelmäßig bei seinem englischen Arbeitgeber FC Arsenal auf der Bank, aber in der deutschen Nationalmannschaft steht er regelmäßig zwischen den Pfosten. "Ja", sagt Köpke bei der Pressekonferenz der Nationalmannschaft, "das ist schwer nachzuvollziehen. Aber ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass er bei Arsenal wieder spielen wird."

Torwart Lehmann: Gutes Verhältnis zu Wenger
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REUTERS

Torwart Lehmann: Gutes Verhältnis zu Wenger

Man hat diese Worte monatelang von Lehmann selbst so oft gehört, dass man fast glaubte, der 38-Jährige habe sie heimlich auf Band gesprochen und nur noch seine Lippen dazu bewegt. Am Tag vor seinem 50. Länderspiel aber gibt sich der Keeper überraschend kleinlaut. Er spricht von einem guten Verhältnis zu seinem Trainer Arséne Wenger, "abseits von diesem Thema". Der Coach mache ihm Mut, dass er durchaus wieder spielen könne, "aber das würde ich als Trainer wohl genauso machen".

Das klingt schon fast, als habe er Verständnis.

Natürlich ist Jens Lehmann weit davon entfernt, seine Situation beim Premier-League-Club aus London zu akzeptieren. Innerlich wird es brodeln in dem Mann, der nach seinem Selbstverständnis immer noch einer der besten Torhüter der Welt ist. Aber nach außen zeigt er den Frust nicht mehr, er scheint es leid, ständig öffentlich Gründe für die Entscheidung eines anderen finden zu müssen. "Es läuft alles auf eine Frage hinaus: Ist der Torwart, der jetzt spielt, besser als ich? Wenn nein, warum spielt er und nicht ich?"

Mehr als diesen kleinen Ausbruch erlaubt er sich nicht. Denn vielleicht hat Lehmann begriffen, dass es auf dieses Warum Antworten gibt, die gar nichts mit mangelnder Qualität des Deutschen zu tun haben: Arsenal verliert auch mit dem spanischen Lehmann-Ersatz und als Fliegenfänger verschrieenen Manuel Almunia nicht, Almunia patzt auch nicht öfter als Lehmann, ein Torwart-Wechsel käme ohne Not. Auch Interventionen der DFB-Führung wie die Reisen von Löw und Köpke nach London im vergangenen Jahr und ins Trainingslager Arsenals änderten Wengers Einstellung nicht. "Nach meiner bisherigen Erfahrung ist der Nutzen eher gering", räumt Lehmann ein.

Bisher konnte der Torhüter die DFB-Trainer noch mit der Ankündigung beruhigen, bald wieder im Arsenal-Tor zu stehen, nun bringt ihn jede weitere Woche ohne Clubeinsatz auch in der Nationalmannschaft in Beweisnot. Zwar verweist Köpke darauf, dass Lehmann gezeigt habe, "dass er trotz fünf oder sechs Wochen ohne Spielpraxis eine Topleistung wie in Dublin (beim 0:0 in Irland; die Red.) bringen kann". Aber verdächtig oft betont der Torwarttrainer auch, wie wichtig eben diese Spielpraxis ist. "Jens weiß das auch, es geht um den Rhythmus", erläutert Köpke. Bis Januar, also bis zur nächsten Transferperiode, will er sich aber "nicht mit dem Thema beschäftigen" - sagt er.

Sollte Lehmann auch dann noch nicht regelmäßig spielen, müsse man sich jedoch zusammensetzen, so Köpke, "um die bestmögliche Lösung auch für Jens zu finden". Denn ein Torwart ohne Stammplatz, der weiterhin die Nummer eins in der Nationalmannschaft für sich reklamiert, würde Löw und Co. schnell in Erklärungsnöte bringen - vor allem gegenüber den anderen Nationalkeepern und ihren Clubs. Lehmanns Argumentation, die verletzten Michael Ballack und Torsten Frings ("die haben ja noch weniger Spiele gemacht als ich") würden ja nach langer Pause auch wieder spielen, hinkt, denn die Situation der beiden Feldspieler ist mit der des Torwarts nicht vergleichbar.

Vereinswechsel als einzige Lösung

Wenn er nicht rasch den Stammplatz bei Arsenal zurückerobert, gibt es nur eine Lösung: den Verein zu wechseln. Es gebe bereits Interessenten, so Lehmann. In die Zweite Liga, wie er kürzlich im "Kicker" angedeutet hatte, würde ein solcher Transfer den Deutschen aber wohl nicht führen. "Wenn er sagt, dass er gehen will, wird es genug Angebote von Topclubs gehen", vermutet Torwartcoach Köpke.

Eine zweite Lösung, den Job als erster deutscher Torwart zu behalten, gibt es nicht. Lehmann räumt aber erstmals ein, dass er sich auch vorstellen könne, bis zum Sommer bei Arsenal zu bleiben, ganz gleich, ob er zum Einsatz kommt oder nicht. Er habe eine Verantwortung seiner Familie gegenüber, "vor allem den Kindern", die er "nicht für ein paar Monate aus der Schule nehmen und irgendwo anders hin verfrachten" wolle. Auf die Nachfrage, ob ihm die Familie also wichtiger sei als die Nummer eins in der DFB-Elf, erwidert Lehmann: "Diese Frage will ich nicht mit Nein beantworten."

Viel lieber wäre es ihm sicher, die Familie könnte in London bleiben und er selbst ins Tor des FC Arsenal zurückkehren. Zeit hat er dafür aber nur noch bis Januar.

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