Von Christian Gödecke, Frankfurt am Main
Sehr viele Menschen sind sehr verantwortlich für den Aufschwung des deutschen Fußballs. Es gibt einen Bundes-, einen Assistenz- und einen Torwarttrainer, einen Psychologen, diverse Fitnesscoaches, einen Internisten, einen Busfahrer, dazu einen Chefscout und einen Teammanager. Die Frage, ob das vielleicht immer noch zu wenige sein könnten, wirkt eigentlich deplatziert, dabei wäre gerade vor dem letzten Europameisterschafts-Qualifikationsspiel eine weitere Stellenausschreibung durchaus sinnvoll: für einen Mathematiker.
Dieser Eindruck entsteht zumindest angesichts der Hysterie, die derzeit um ein paar Zahlen herrscht und von denen offenbar das Wohl und Wehe einer ganzen Fußballnation hängt. Es geht um den Uefa-Koeffizienten, der nach dem kommenden Mittwoch darüber entscheidet, welches Land bei der EM-Auslosung am 2. Dezember in welchem Topf landet. Koeffizienten-Tabellenführer sind derzeit die Niederlande, ihr Wert (gebildet aus den Punkten in WM- und EM-Qualifikation geteilt durch die Anzahl der Spiele) ist 2,522. Dahinter liegen Kroatien (2,381) und eben Deutschland (2,364).
Das bedeutet im Moment einen Platz in Topf zwei für Löw und seine Spieler, denn in die erste Schüssel kommt neben den gesetzten Gastgebern Schweiz und Österreich sowie Titelverteidiger Griechenland nur das Team mit dem besten Koeffizienten. Es braucht aber nicht mal den neuen DFB-Mathematiker, um die Deutschen an diese Stelle zu schreiben - das erledigen gerade die Hobbyrechner in den Redaktionen: Bei einem deutschen Sieg morgen gegen Wales (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), einer Niederlage der Holländer in Weißrussland und einem Unentschieden der Kroaten in England wäre der vermeintliche GAU nämlich perfekt - und Deutschland topgesetzt.
Das Gute daran: Es lässt sich in diesem Fall herrlich mit martialischen Superlativen durch die Gegend werfen. "Todesgruppen" und "Monstergegner" warten demnach auf die arme deutsche Mannschaft, denn immerhin könnten die Gegner in der Vorrunde Italien, England und Frankreich heißen.
Nicht viel besser ist die Situation in Topf zwei. Auch hier könnten England und Frankreich auf Deutschland treffen, dazu käme als - nennen wir sie im gerade vorherrschenden Duktus mal "Horroroption" - die Holländer. Man fragt sich fast, ob das DFB-Reisebüro bei derlei Aussichten schon vorsorglich Tickets für die vorzeitige Abfahrt buchen sollte.
Und man fragt sich natürlich auch, was das alles soll.
16 Mannschaften qualifizieren sich für die Europameisterschaft im kommenden Juni, alle haben viele Spiele absolviert, einige haben sich souverän durchgesetzt (Griechenland, Deutschland, Tschechien), andere überraschend (Rumänien, Polen) und wiederum andere, vermeintliche Favoriten erst nach langem Kampf (Holland, Frankreich, Italien, wahrscheinlich England). Ausgerechnet die Monster also mühten sich.
Gerade das zeigt, wie sinnlos die Diskussion um Gruppenköpfe und Setzlisten zum jetzigen Zeitpunkt ist. Länder schon ein halbes Jahr vor EM-Start zum Fallobst zu deklarieren und andere zu Turnierfavoriten, macht ungefähr so viel Sinn wie die Kaufempfehlung für Agraraktien im Winter. Es könnte ja ein toller Sommer werden.
Genauso gut könnte man eine - mögliche - Gruppe mit Portugal, Kroatien und Rumänien als gefährlich für Deutschland bezeichnen, rein geschichtlich: Bei der EM 2000 schied das Ribbeck-Team in der Vorrunde gegen Rumänien und Portugal aus.
Bundestrainer Joachim Löw geht mit dem Thema auf seine eigene Art und Weise um: nämlich gar nicht. Er spricht von einem Sieg gegen Wales, "mit allem anderen beschäftige ich mich nicht". Oliver Bierhoff kritisierte vor Wochen in Dublin zwar die Uefa für die Tatsache, dass Österreich und die Schweiz gesetzt seien, aber seither scheint sich auch beim Teammanager das Unrechtsempfinden in Gelassenheit verwandelt zu haben. "Taktieren wollen wir nicht, sondern gewinnen."
Die Zurückhaltung passt ohnehin besser zur Führung des DFB-Teams, das mit der Rundumbetreuung der Spieler (Videoschulungen, Fitnesscoaches, Mentaltrainer, Datenanalyse) lieber den Erfolg planbar machen will statt sich mit Konjunktiven aufzuhalten. Entscheidend ist die Position im Topf und die Gruppe ohnehin nur für eines: den Spielort.
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