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22.11.2007
 

EM-Desaster

England, deine Torhüter!

Von Frieder Pfeiffer und Benjamin Schulz

Englische Nationalspieler gelten als Weltklasse. Bis auf die zwischen den Pfosten. Scott Carson vergeigte das Schicksalsspiel gegen Kroatien und damit die EM-Teilnahme - und steht in einer einzigartigen Tradition von Pleiten, Pech und Pannen.

Er kniete. Er wusste, was kommen würde.

Scott Carson, 22, hatte gerade sieben Minuten seines zweiten Länderspiels hinter sich. Da war es schon gelaufen. Ein einfacher Weitschuss von Kroatiens Niko Kranjcar sprang vor ihm auf dem nassen Boden auf. Carson griff vorbei - der Ball landete im Netz.

0:1 nach wenigen Minuten. Die Szene zeigte Wirkung.

Am Ende stand es 2:3, und statt über mögliche Gruppengegner bei der EM zu sprechen, ist nach dem Qualifikations-Aus das neue, ewig alte Thema: Englands Torhüter sind ein Elend.

Zum Teil sogar im wahrsten Sinne des Wortes. David James, aktuell Torhüter des FC Portsmouth, heißt im öffentlichen Diskurs nur noch "Calamity James" ("Elend-James") - wegen seiner vielen Fehlgriffe, die er sich als Premier-League-Schlussmann und in seinen bislang 34 Länderspielen für die englische Nationalmannschaft leistete.

Englands Torhüter sind es inzwischen gewohnt, Zielscheibe des höhnischen Spotts zu werden. Von der Schuld sind sie damit allerdings nicht befreit. Mit Patzern und Pannen in wichtigen Spielen haben sie sich allzu oft ins schlechte Licht gerückt.

Seit der englischen Torhüter-Legende Gordon Banks, einer der Weltmeister von 1966 und laut Statistikervereinigung IFFHS zweitbester Torhüter des 20. Jahrhunderts, kam nicht viel Gutes nach. Zum Beispiel David Seaman. 1995, Finale des Europapokals der Pokalsieger zwischen dem FC Arsenal und Real Saragossa. Mittelfeldspieler Nayim überlistete den englischen Torhüter aus 40 Metern. Seaman machte dabei ebenso eine schwache Figur wie sieben Jahre später, als er im Viertelfinale der WM 2002 einen der ungefährlicheren Freistöße Ronaldinhos passieren ließ. Beide Male bedeutete der Lapsus die Niederlage.

2001 schenkte Seaman das letzte Tor im alten Wembley-Stadion dem Deutschen Dietmar Hamann geradezu. Außerdem stand der Engländer im Tor, als das schnellste Tor der WM-Qualifikations-Geschichte fiel: 1993 musste er nach 8,3 Sekunden bereits hinter sich greifen. Der Torschütze: Davide Gualtieri aus San Marino.

Sein Vorgänger im Nationaldress, Peter Shilton, selbst Nachfolger Banks', konnte sich zwar über eine Reihe nationaler Erfolge freuen. International blieb ihm der große Auftritt jedoch verwehrt. Die große Chance vergab er bei der WM 1990 im Halbfinale gegen Deutschland. Er konnte einem abgefälschten Freistoß von Andreas Brehme nur auf dem Hosenboden sitzend hinterherschauen.

Auch Scott Carsons direkter Vorgänger Paul Robinson (Spitzname "Misses Robinson") hatte Aussetzer. Im Freundschaftsspiel gegen die deutsche Elf im August wurde der Torhüter von Tottenham Hotspur in der Halbzeit beim Stand von 1:2 ausgewechselt - weil er zuvor zweimal gepatzt hatte. Auch im Hinspiel der EM-Qualifikation gegen Kroatien (0:2) machte er alles andere als eine gute Figur.

Damit haben schon alle drei aktuellen Nationaltorhüter ihre Pannentauglichkeit bewiesen. Der nächste Trainer wird allerdings kein neues Trio ins Rennen schicken können. Denn bessere Schlussmänner sind in England schlichtweg nicht zu bekommen. Neben James, Carson und Robinson spielen nur noch drei Landsleute regelmäßig in der heimischen Liga. 14 der 20 Stammtorhüter kommen aus dem Ausland.

Zum Vergleich: In der Bundesliga sind es nur 4 von 18. Diese Quantität schlägt sich auch in der Qualität nieder.

Wikipedia-Seite gesperrt

Die Gründe für die Misere sind offensichtlich, jedenfalls wenn es nach Englands Torwart-Trainer Ray Clemence geht: "Es gab zu lange kein spezielles Torwart-Training", sagte er dem "Kicker". Erst jetzt habe sich das geändert, "weil sie erkannt haben, dass es eine ganz spezielle Position ist".

Weil die englischen Clubs es sich leisten können, europäische Spitzen-Torhüter zu verpflichten, bleiben die englischen auf der Strecke. Bei der WM 2006 war sogar Robert Green im Kader, der Schlussmann des Zweitligisten Norwich City. Spielen durfte er nicht.

Vielleicht ist er darüber auch ganz froh. So blieb ihm vorerst die Erfahrung erspart, die Kollege Carson jetzt machen musste. Erste Vorkehrungen wurden übrigens schon getroffen, damit über den Torhüter nicht zu viel Häme hereinbricht: Wegen Vandalismus-Gefahr ist der Eintrag zu Carson auf der englischen Wikipedia-Seite bis 28. November für neue und nicht registrierte Benutzer gesperrt.

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