Mittwoch, 10. Februar 2010

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28.11.2007
 

Fall Ivan Klasnic

Wirbel um Ärzte-Pfusch, Vorwürfe und Dementis

Von Mike Glindmeier

Es geht um eine Profikarriere und damit um mehrere Millionen Euro: Haben Ärzte bei der Behandlung des nierenkranken Bremer Stürmers Ivan Klasnic geschlampt? Ein renommierter Mediziner hat scharfe Vorwürfe erhoben - und sie gleich wieder relativiert. Warum?

Der Fall Ivan Klasnic wird immer mysteriöser. Zu Beginn des Jahres war dem Stürmer eine Niere transplantiert worden. Am vergangenen Samstag gab der bei Werder Bremen unter Vertrag stehende kroatische Nationalspieler dann sein Comeback in der Bundesliga - dies war vorher noch keinem Profifußballer mit einer solchen Erkrankung gelungen. Doch Klasnic sorgte über das Wochenende hinaus für Schlagzeilen. Sein behandelnder Mediziner Arno-Ekkehard Lison kritisierte Werder Bremens Mannschaftsarzt und andere betreuende Spezialisten scharf.

"Es ist von heute an gerechnet sechs Jahre her, dass sichere medizinische Signale da waren, die darauf hingewiesen haben, dass Klasnic nierenkrank ist. Die sind nicht beachtet worden", sagte Lison laut der Homepage von Radio Bremen. Und weiter, so der Direktor des Zentrums für Innere Medizin am Klinikum Bremen-Mitte: "Eigentlich muss das jeder normale Hausarzt erkennen."

Werder Bremen reagierte erstaunlich verhalten auf Lisons schwere Anschuldigungen. Erst gestern Nachmittag gab der Bundesligist eine kurze Stellungnahme heraus. "Wir sind überrascht", wurde Bremens Manager Klaus Allofs zitiert. Auch Werder-Arzt Götz Dimanski bezog inhaltlich keine Stellung und kritisierte lediglich die Art und Weise von Lisons Vorgehens. "Ich kann nicht glauben, dass sich ein Arzt dazu hinreißen lässt, so etwas zu publizieren", sagte Dimanski der "Kreiszeitung Syke".

Gestern Abend meldete sich dann Lison erneut zu Wort. "Am Montag hat Radio Bremen entgegen mehrerer ausdrücklicher Willenserklärungen meinerseits einen Beitrag gesendet, in dem scheinbar negative Äußerungen von mir über Werder Bremen vermittelt wurden", heißt es in seiner Erklärung.

"Keine versteckte Kamera"

Der Sender lässt diesen Vorwurf nicht gelten. "Es war klar, dass es sich um ein Interview handelt. Herr Lison wusste dies. Wir sind nicht mit einer versteckten Kamera reingegangen", teilte Radio Bremen SPIEGEL ONLINE auf Anfrage mit. Lison war es in seiner schriftlichen Erklärung besonders wichtig, die Bremer Vereinsärzte zu entlasten: "Ich bedaure ausdrücklich, dass in dem Beitrag der Eindruck entstanden ist, meine Worte hätten sich gegen Werder Bremen und dessen Mannschaftsarzt Dr. Götz Dimanski gerichtet. Dies ist falsch."

Dass Lisons Rückzug auf Drängen des Clubs zustande gekommen ist, wollte Werder-Mediendirektor Tino Polster nicht kommentieren: "Ich war in diesem Fall nur ausführendes Organ, daher kann ich dazu nichts sagen." Polster verwies auf Manager Allofs, der jedoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war. Lison will sich nicht mehr zu dem Fall äußern. "Wir sagen seit gestern gar nichts mehr dazu", war in dessen Sekretariat zu erfahren.

Es bleiben somit etliche Fragen offen. Wer ist für eventuelle Behandlungsfehler verantwortlich? Hat Klasnic Anrecht auf Schadenersatz? Während seiner Leidenszeit - der Fußballer musste fast ein Jahr aussetzen - hatte er große Gehaltseinbußen. Zudem wird Klasnic bei künftigen Verträgen weniger verdienen, da er wegen seiner Nierenerkrankung als Spieler mit einem erhöhten Risiko gilt. Und welche Rolle spielt Werder Bremen in dem dubiosen Fall?

Bereits Anfang November hatte die "Bild"-Zeitung über vermeintlichen Ärzte-Pfusch berichtet. Klasnic läge ein Gutachten vor, das "Schlamperei" beweist. "Angeblich haben gleich zwei Fachärzte 2005 bei Klasnic einen deutlich erhöhten Kreatinin-Wert im Blut (Maß für die Nierenfunktion, Anm. d. Red) festgestellt, ihn aber als unbedenklich eingestuft." Erst anlässlich einer Blinddarm-Operation am 3. November 2005 habe Lison dann das wirkliche Ausmaß der Erkrankung erkannt. Die Transplantation im Januar dieses Jahres sei aber nicht mehr zu verhindern gewesen.

Abfindungen in Millionenhöhe

Nach Lisons Angaben hätte die Nierenerkrankung bei den regelmäßigen sportmedizinischen Untersuchungen des Clubs auffallen müssen. "Dort werden Blutuntersuchungen verlangt und körperliche Tests", so Lison, "und in diesen war, wenn ich es jetzt richtig zitiere, 2001 schon nachweisbar, dass schwerwiegende Schäden sich abspielen und keine gezielte Maßnahme ergriffen wurde, um dort einzugreifen." Zu dem Zeitpunkt seien bei Klasnic bereits 70 Prozent der Nierenfunktion verloren gewesen. Es hätte gehandelt werden müssen, urteilte Lison, doch dies unterblieb.

Laut "Bild"-Zeitung will Klasnic eine außergerichtliche Einigung mit der Haftpflicht-Versicherung der betroffenen Mediziner erreichen, darunter ist auch der für Werder freiberuflich tätige Dimanski. Dabei gehe es um eine Abfindung in Millionenhöhe. Werder habe, so "Bild", nach internen Debatten auf eine Schadenersatzklage verzichtet. Dies verwundert, denn schließlich ist ein gesunder Spieler für einen Club erheblich mehr wert als ein kranker.

Doch offenbar war und ist Werder nicht daran interessiert, dass Details des Falls Klasnic an die Öffentlichkeit dringen. Dazu passt, dass der Club seinem Spieler trotz dessen gesundheitlicher Probleme im März 2007 nach der zweiten Nierentransplantation eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages anbot - zu gleichen Konditionen (geschätzte 1,5 Millionen Euro Gehalt pro Jahr).

Statt das Friedensangebot anzunehmen, legten sich Klasnic und dessen Ehefrau öffentlich mit dem Werder-Manager an. Sie warfen Allofs vor, dass nur "Knüppelschläge" kämen. Erst Ende Juni unterschrieb Klasnic den neuen bis zum Sommer 2008 laufenden Vertrag. Zu der jüngsten Entwicklung will sich der Spieler nicht äußern. Anfragen von SPIEGEL ONLINE beantwortete er nicht. Auf einen Manager, der Auskunft geben könnte, verzichtet er.

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