ThemaFußball-BundesligaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.12.2007
 

DFB-Fitmacher Schmidtlein

Wie qualvoll Fußball wirklich ist

Kicker jammern über ihre Belastung, Trainer protestieren: Ist Fußball zu hart geworden? DFB-Coach Schmidtlein spricht im Magazin "11 FREUNDE" über die Fitnessprobleme der Stars - und die Frage, ob man angesichts von Millionengehältern nicht trotzdem zwei, drei Spiele pro Woche erwarten darf.

Frage: Herr Schmidtlein, der frühere dänische Nationalspieler Sören Lerby hat erzählt, dass er 1985 innerhalb von sechs Stunden in zwei Ländern für zwei Mannschaften auf dem Platz stand. Ist so etwas heute noch denkbar?

Schmidtlein: Wenn es sein muss, warum nicht? Aus physiologischer Sicht kann man sich in dieser kurzen Zeit nicht erholen. Eine solche Entscheidung hängt also nur von der Wichtigkeit und Position des Spielers ab.

Frage: Lerby sagte, er habe damals "gute Beine" gehabt und die Spiele innerhalb der kurzen Zeit als Herausforderung gesehen. Heute beschweren sich die Profis über zu enge Zeitpläne. Haben sich die Belastungen für Fußballprofis erhöht?

Schmidtlein: Ich denke schon. Unsere Scouts bei der Nationalmannschaft haben frühere Videobilder mit denen von heute verglichen. Früher dauerte es schon mal acht bis zehn Sekunden, bis der ballführende Spieler von einem Gegenspieler attackiert wurde, heute sind es unter zwei Sekunden. Die Gesamtlaufstrecke war ähnlich lang wie heute, doch es passierte alles langsamer.

Frage: Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld schimpft über den Zwei-Tages-Rhythmus der Spielansetzungen, es sei keine Zeit mehr, um richtig zu regenerieren. Teilen Sie die Kritik?

Schmidtlein: Ja, wenn die gegnerische Mannschaft zum Beispiel zwei Tage mehr Zeit hat, sich zu erholen.

Frage: Am Stammtisch wird aber gefragt: Kann man angesichts der Millionengehälter nicht von den Bundesliga-Stars erwarten, dass sie zwei oder drei Mal in der Woche spielen?

Schmidtlein: Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem Geld und der Leistungsbereitschaft. Es ist ja auch nicht so, dass der, der das meiste Geld bekommt, auch am schnellsten läuft. Man muss jedoch erwarten dürfen, dass die Profis hoch motiviert sind.

Frage: Was wäre Ihrer Meinung nach ein angemessener Spiel-Rhythmus für einen Profi-Fußballer?

Schmidtlein: Vier Spiele in zwei Wochen sind hart, aber sechs in einem Monat wären okay.

Frage: Womit lässt sich die Belastung von 90 Minuten Profifußball am besten vergleichen?

Schmidtlein: Mit einer strammen Wanderung, bei der man immer wieder bergauf sprinten muss. Die Pulsfrequenzen eines Spielers bewegen sich über ein Spiel hinweg immer zwischen 140 und 185. Wenn man eine Treppe schnell hochgeht, ist der Puls auch bei 150 - und das hat ein Fußballer das ganze Spiel hindurch.

Frage: Der Erholung wird immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Wie lange dauert die Regeneration nach einem Spiel?

Schmidtlein: Bis zur vollen Regeneration zweieinhalb Tage, wobei sich diese Zeit je nach Körperstruktur und -größe immer noch unterscheidet.

Frage: Und wie kann man diese Zeit möglichst kurz halten?

Schmidtlein: Viele Profis nehmen noch in der Kabine warmes Essen zu sich. Nach dem Spiel oder Training ist das Ernährungsfenster eines Spielers weit geöffnet und schließt sich innerhalb der nächsten 120 Minuten immer mehr. Wenn die ersten Nährstoffe, mit denen der Speicher wieder aufgefüllt werden soll, erst zwei Stunden nach dem Spiel zu sich genommen würden, bräuchte die Aufnahme durch den Körper sechs bis sieben Stunden länger. Darüber hinaus gibt es Massagen, die direkt nach dem Wettkampf angewendet werden oder am Tag danach.

Frage: Am nächsten Tag wird doch trainiert.

Schmidtlein: Es gibt auch Trainingsmethoden, die den Regenerationsprozess positiv beeinflussen, indem man den Stoffwechsel mild belastet. Beim Fußballer eignet sich dafür ein kurzes Krafttraining für den Oberkörper sehr gut.

Frage: Der FC Bayern verkabelt seine Spieler nach jedem Europapokalspiel mit dem Sportdiagnostik-Programm Omega-Wave, um zu überprüfen, wer der Belastung zwei oder drei Tage später in der Bundesliga am ehesten gewachsen ist. Schenkt man Geräten mehr Vertrauen als der inneren Stimme des Spielers?

Schmidtlein: Das Gerät ist nichts anderes als ein speziell ausgewertetes EKG, es misst zusätzlich noch den Atemrhythmus und den Gehirnstrom des Spielers. Es werden physikalische Daten des Körpers aufgenommen und mathematisch berechnet. Es ist kein Ersatz für Leistungsdiagnostik. Man kann mit diesem Hilfsmittel aber definitiv vermeiden, dass Fußballer ins Übertraining kommen, was leider immer noch der Fall ist. Im Fußball sieht man das bei manchen Vereinen sogar flächendeckend. In dem einen Jahr bringen sie unglaubliche Leistungen, und im nächsten spielen sie gegen den Abstieg. Das große Problem ist, dass viele Vereine im Fitnessbereich personell unterbesetzt sind.

Frage: Sprengt ein großer Betreuerstab, wie ihn der DFB hat, nicht den finanziellen Rahmen eines Clubs?

Schmidtlein: Da lache ich mich kaputt. Wenn man überlegt, was ein durchschnittlicher Spieler heute für ein Gehalt haben soll und was das Personal kostet, das sich um ihn kümmert. Wahnsinn! Für einen Spieler, der im Kader vielleicht an Nummer 23 oder 24 steht, könnte sich jeder durchschnittliche Profiverein in Deutschland zwei bis drei Betreuer mehr leisten. Im Ausland beschäftigen die professionellsten Clubs einen Stab von teilweise weit über zehn Leuten.

Die Fragen stellte Benjamin Apitius

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 58 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
27.12.2007 von mika1710:

Bei einigen Ex-Profis merkt man, dass es auch im Kopf nicht mehr so stimmt. mehr...

25.12.2007 von Miguel:

sie scheinen den sinn einer diskussion nicht wirklich zu erfassen. wo macht ihre aussage einen unterschied ? oder weshalb ist es wichtig innerhalb eines threads der die frage erörtert, ob profifussball krank macht, andere [...] mehr...

23.02.2007 von tomtom43:

"Meine Mutter ist 63, war und ist eine Weltklasse-Hausfrau, Mutter und Ehefrau, seit 41 Jahren verheiratet, hat so gut wie keinen Sport betrieben (ausser Pflicht-Schulsport und mal bisschen Radfahren...) und hat auch ein [...] mehr...

23.02.2007 von tomandcherry:

Das ist eine ganz nette ;-) Aber Vorschriften würde sie sich ganz sicher keine machen lassen... mehr...

23.02.2007 von Umberto:

Ich will Ihrer Mutter keine Vorschriften machen, was sie auf welche Frage zu antworten hat. Lassen wir's dabei, dass ich die Antwort Ihrer Mutter in diesem Fall für nicht ganz den Tatsachen entsprechend halte. ;-) Nein, [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles aus der Rubrik Fußball
alles zum Thema Fußball-Bundesliga

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote

Spielrhythmus

Bundesliga, Länderspiele, Europacup: Sind Fußball-Profis überarbeitet?

Die Abstimmung ist beendet. Klicken Sie hier, um das Ergebnis zu sehen.







TOP



TOP