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08.12.2007
 

Bundesliga-Kommentar

Verlieren mit Stil

Von Peter Ahrens

Tore, Tore, Tore: Werder wirkt manchmal wie ein Team, das aus den rauschhaften siebziger Jahren des deutschen Ligafußballs übrig geblieben ist. Fußball ist Tore schießen und Tore kassieren, Fußball ist Show. Selbst wenn die Bremer am Ende dafür bestraft wurden.

So viel Stimmung war in meiner Fußballkneipe in dieser Saison noch nicht. Mein rotgesichtiger Tischnachbar kam aus dem Schnaufen gar nicht heraus, "Schieber", "Anfänger", "Heulsuse", "Penner" – das ganze Repertoire der qualifizierten Beschimpfung, unablässig von der ersten bis zur letzten Spielminute – und alles auf das Spiel Hannover 96 gegen Werder Bremen bezogen. Das war wieder ein typisches Werder-Spiel – die Bremer sind momentan die einzigen in der Liga, die verstehen, dass Fußball am Ende nichts als Entertainment bedeutet. Bremen ist denn auch das einzige Team, bei dem es zurzeit lohnt, Emotionen in die Bundesliga zu investieren.

Selbst wenn die Bremer verlieren wie gerade beim 3:4 in Hannover oder wie unter Garantie am kommenden Dienstag bei Olympiakos Piräus in der Champions League – sie tun es zumindest mit Stil. Eigentor, 1:3 im Hintertreffen, Ausgleich geschafft, dann doch noch verloren, Rot für Stürmer Hugo Almeida, eine Menge Zunder in den Schiedsrichterentscheidungen – wer zu Werder-Spielen geht, bekommt etwas zurück für sein Eintrittsgeld. Ein Umstand, den Trainer Schaaf und Manager Allofs durch die Spielweise des Teams und die Personalpolitik beim Zusammenstellen des Kaders seit Jahren bewusst fördern.

Werder wirkt manchmal wie ein Team, das aus den rauschhaften siebziger und frühen achtziger Jahren des deutschen Ligafußballs übrig geblieben ist. Fußball ist Tore schießen und Tore kassieren, Fußball ist Show. Das hat man hier begriffen. Typen wie Spielmacher Diego und Stürmer Boubacar Sanogo stehen für dieses Prinzip, selbst so vermeintlich graue Mitläufer wie Mittelfeldmann Daniel Jensen oder Verteidiger Petri Pasanen passen sich dieser Philosophie an, werden bei Werder beinahe zu Persönlichkeiten, schließen die Lücken, die Dauerverletzte wie die Mittelfeldspieler Tim Borowski und Torsten Frings oder Verteidiger Pierre Womé aufreißen.

Bremen ist und bleibt der norddeutsche Gegenentwurf zum FC Bayern. In München leisten sie sich ein mehr oder weniger unansehnliches 0:0 gegen den kommenden Absteiger Duisburg – und trotzdem bleibt der Abstand des Spitzenreiters zu den Teams dahinter gewahrt. Weil von Hamburg bis Schalke auch der Rest des sogenannten Verfolgerfeldes das Siegen verweigert. Bei Bremen – und darauf ist bis auf Ausnahmefälle Verlass – läuft es genau anders herum. Wenn es richtig ernst wird und Werder ganz nah davor ist, den ganz großen Coup zu landen, geht man am Ende als grandioser Verlierer vom Feld. Zwischendurch hat man zwar mal Real Madrid oder den FC Chelsea nach Hause geschickt, aber rausgeflogen oder die Meisterschaft verpasst hat man dennoch wieder einmal. Eine schöne Leich', heißt das wohl in Österreich.

So bleibt der Gewinner des Spieltages als einziges Team im Vorderfeld mit drei Punkten Hannover 96. Was zum einen gut ist, weil ich Angreifer Mike Hanke in meinem Kicker-Managerteam stürmen lasse, zum anderen, weil 96 auf dem Weg scheint, eine niedersächsische Kopie des Werder-Konzeptes zu erstellen. Dieter Hecking und Christian Hochstätter als Trainer beziehungsweise Manager – das wirkt ein wenig wie die zweite Besetzung von Schaaf und Allofs. Der trockene Analytiker auf dem Trainerstuhl, der emotionalere Ex-Profi auf dem Managersessel. Diese Arbeitsteilung ist eigentlich mit Trainer Ottmar Hitzfeld und Manager Uli Hoeneß für den FC Bayern reserviert. Aber da in München Clubführung und Team mittlerweile vor Hybris kaum noch laufen können, müssen eben andere, ruhigere, norddeutscher wirkendere Typen diese Funktion in der Liga übernehmen.

Auch bei 96 spielen ähnlich wie bei Werder Profis, die anderswo vielleicht schon abgeschrieben oder altes Eisen wären, noch einmal tragende Rollen. Verteidiger Michael Tarnat, der gegen Werder eine überragende erste Halbzeit ablieferte, ist ein gutes Beispiel. Mit Innenverteidiger Valerien Ismael als Verstärkung vom FC Bayern hat man für die Rückrunde bereits vorgesorgt. Trainer Hecking ist es sogar zuzutrauen, hinzubekommen, dass der ehemalige Nationalspieler Benjamin Lauth irgendwann wieder ein torgefährlicher Stürmer wird. Das wäre dann allerdings Heckings Meisterstück.

Hannover liegt nach fast der Hälfte der Spielzeit auf Platz fünf – vor Schalke, vor Stuttgart, vor Dortmund – vor all diesen Clubs, bei denen im Vorfeld der Saison der Mund größer war als der Magen. 96 ist noch keine Spitzenmannschaft, das ist auch sicher. Ein Team, das bei Hertha BSC verliert, ist noch nicht reif für höchste Weihen. Aber in Hannover wird ruhig weiter dran gearbeitet. Hier wird nicht nach drei Spielen ohne Niederlage gleich von der Champions League schwadronniert wie beim VW-Verein aus Wolfsburg. In Hannover gibt es zwar als potentiell tickende Zeitbombe noch den allmächtigen und zuweilen irrational entscheidenden Präsidenten Martin Kind – doch selbst der scheint seinen Altersfrieden gefunden zu haben.

Und die für norddeutsche Verhältnisse aufgeregte Presselandschaft der Stadt hat auch lange keine Unruhe im Verein geschürt. Die Zeichen stehen also gut für ein zweites Bremen im Norden. Ein spektakulärer 4:3-Bundesliga-Sieg über das Original ist da schon mal ein ordentlicher Anfang.

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