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24.01.2008
 

Ex-Stürmer Schatzschneider

"Tore trotz Disko und Currywurst"

Dieter Schatzschneider war in den achtziger Jahren als Stürmer gefürchtet - und ist bis heute Rekord-Torjäger der zweiten Liga. Mit dem Fußball-Magazin "11 FREUNDE" sprach er über fiese Tricks, Probleme der heutigen Spieler und die größte Sorge von Kevin Kuranyi.

Frage: Herr Schatzschneider, wer ist der beste Stürmer in der Geschichte des Fußballs?

Schatzschneider: Der beste wird immer Gerd Müller bleiben. Er war der perfekte Strafraumstürmer, mit seinen gewaltigen Oberschenkeln, seiner Hebelwirkung. Er war aber – und das wird oft verkannt – auch ein sehr guter Techniker. Leider konnte ich ihm nicht nacheifern, so sehr ich auch versucht habe, ihm etwas abzuschauen. Die Bewegungen, die er drauf hatte, waren einmalig.

Stürmer Schatzschneider (r.): "Boah, das war genial!"
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WITTERS

Stürmer Schatzschneider (r.): "Boah, das war genial!"

Frage: Müller war ein Wühler. Andere Stürmer wie zum Beispiel der Franzose Thierry Henry profitieren von ihrer Athletik. Wie würden Sie Ihren persönlichen Stil beschreiben?

Schatzschneider: Stimmt, Henry lebt von seiner Schnelligkeit und kommt aus dem Mittelfeld. Das lag mir weniger. Ich lauerte im Strafraum und lebte von meinem Durchsetzungsvermögen. Ich musste den Ball erobern und behaupten. Müller hingegen hatte eine so kurze Reaktionszeit, dass er immer als Erster am Ball war.

Frage: War es Ihnen auch wichtig, auf dem Platz elegant auszusehen?

Schatzschneider: Ich bin ungefähr so groß wie Thierry Henry. Mit dem Unterschied, dass 1,90 Meter bei mir immer furchtbar aussahen! Ich war also nie elegant, aber effektiv. Man muss dazu sagen, dass die Bundesliga ihre Angreifer immer selbst gemacht hat. Eine zeitlang waren große Mittelstürmer wie ich modern, auf einmal wurde ein kleines Schlitzohr wie Frank Mill zum Kult. Seit bei Borussia Dortmund Jan Koller stürmte und nun der FC Bayern Luca Toni geholt hat, ist der "Schatzschneider-Typ" wieder angesagt. Es ist also eine Frage der Mode.

Frage: Was zeichnet den "Schatzschneider-Typ" denn aus?

Schatzschneider: Bei mir kam alles aus dem Bauch. Einen Mittelstürmer zeichnet aus, dass er auch nach sechs Fehlversuchen noch mal das Gleiche macht – und dann ist der Ball drin. Viele Stürmer von heute lassen schon die Öhrchen hängen, wenn zwei Leute pfeifen. Das ist verkehrt!

Frage: Ist also die Psyche für einen Stürmer wichtiger als das technische Rüstzeug?

Schatzschneider: Absolut! Man braucht Selbstvertrauen auf einem hohen Niveau. Dann kann man auch Freitagabend in die Disko gehen und Samstagmittag noch eine Currywurst essen und zwei Liter Cola trinken – und macht trotzdem seine Buden! Dieses Selbstvertrauen zu bewahren, auch wenn die Medien auf einen einprügeln, die Fans pfeifen und der Trainer sauer ist, das ist allerdings der harte Weg.

Frage: Ein Stürmer wird mehr an Zahlen gemessen als jeder andere Spieler. Wie geht er damit um, wenn es heißt: "Jetzt ist er schon 951 Minuten ohne Tor"?

Schatzschneider: Viele zerbrechen daran. Auch ich, als ich bei Schalke 04 das Tor nicht mehr traf (10 Tore in 47 Bundesliga-Spielen, die Red). Man setzt sich selbst ab einem gewissen Zeitpunkt unter massiven Druck. Wenn man aber in ein Spiel geht und sagt: "Heute gebe ich einfach nur mein Bestes", dann geht auch mal ein Ball rein, und der Bann ist gebrochen. Man kann zehn Fehlpässe spielen – das ist sofort vergessen, wenn man nur einmal das Tor trifft.

Frage: Oder die Zuschauer mit Tricks begeistert wie Ronaldinho. Oft tun Stürmer Dinge, die scheinbar die Physik auf den Kopf stellen. Muss ein guter Angreifer auch ein Zauberer sein?

Schatzschneider: Ich denke schon. Zumal Fußball immer mehr zur Unterhaltung wird. Wenn die Tricks auf dem Platz wirklich reibungslos funktionieren, dann liebt einen das Volk. Gerade bei den modernen Stürmern kommt zum Torinstinkt, wie ihn auch Gerd Müller hatte, eine spielerische Klasse und Athletik hinzu. Das ist fantastisch! Dafür kommen die Leute ins Stadion.

Frage: Besteht dabei nicht die Gefahr, zu ballverliebt zu sein?

Schatzschneider: Klar, die Quittung bekommen die Jungs dann, wenn es nicht läuft. Aber ich glaube, das ist ihnen egal, weil sie genau wissen: Wenn etwas technisch Hochwertiges gelingt, dann stehen die Fans wieder auf ihren Sitzen.

Frage: Wie wichtig ist es, dass ein Tor schön ist?

Schatzschneider: Für mich war es egal. Hauptsache, die Kugel war drin. Heute als Fan freue ich mich natürlich, wenn ein Tor nicht nur fällt, sondern darüber hinaus auch besonders schön ist. Tore, bei denen ich sagen kann: "Boah, das war genial!" – die wünsche ich mir.

Frage: Was zählt in Stürmerkreisen eigentlich die Auszeichnung zum "Tor des Jahres"?

Schatzschneider: Ich war einmal Zweiter und habe mich nicht darüber geärgert, dass ich nicht gewonnen habe. Es hat ungefähr das gleiche Prestige, wie Torschützenkönig in der A-Jugend zu werden.

Frage: Also wenig. Und was gilt es, Torschützenkönig der Bundesliga zu werden?

Schatzschneider: Das war die große Herausforderung. Aber ich hatte es schwer, die Konkurrenz war groß: Frank Mill, Rudi Völler und wie sie alle heißen. Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt. Wenn heute einer über zehn Tore kommt, wird er sofort Nationalspieler. Das ist verkehrt!

Frage: Mal ehrlich, Herr Schatzschneider...

Schatzschneider: Ich bin immer ehrlich!

Frage: Kann ein Stürmer sich freuen, wenn seine Mannschaft 6:0 gewonnen hat, er selbst aber kein Tor erzielt hat?

Schatzschneider: Ganz ehrlich? Freuen schon, aber nicht so richtig. Dazu war ich zu selbstkritisch. Man hat ja Angst, dass ein anderer auf einmal der Torjäger ist!

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