Frage: Kann ein Stürmer ein Spiel tatsächlich allein entscheiden?
Schatzschneider: Ich glaube schon. Ich sage oft zu Mirko Slomka (Trainer von Schalke 04, die Red.): "Was dir fehlt, das ist keine rechte Seite, kein Abwehrspieler – du hast einfach keinen Stürmer, der das 1:0 macht!" Denn wenn dieser Mannschaft die Führung gelingt, dann hat sie aufgrund ihrer Zusammenstellung die Möglichkeit, total dicht zu machen: Kristajic, Bordon, Ernst, Jones, Neuer im Tor! Aber der Stürmer, der dieses 1:0 macht, so wie Luca Toni bei den Bayern, der fehlt den Schalkern. Kuranyi kommt mir immer so vor, als wenn er 90 Minuten nur Probleme mit seinen Haaren hat. Im besten Fall macht er das 2:0 oder 3:0.
Frage: Kommt hier wieder die Psyche ins Spiel?
Schatzschneider: Absolut! Kuranyi ist ein guter Fußballer, aber er ist hochsensibel. Das siehst du an seiner Körpersprache, wenn er ein paar Mal nicht getroffen hat. Du musst es einfach immer wieder versuchen – dazu gehört auch eine Art von Verbissenheit und Beklopptheit.
Frage: Zu Ihrer aktiven Zeit in den 70ern und 80ern gab es noch eine klare Hierarchie. Der Mittelstürmer war der Platzhirsch. Waren die Defensivspieler manchmal eifersüchtig auf Sie?
Schatzschneider: Aber klar! Das gab es pausenlos. Dann musste der Trainer ein Machtwort sprechen: "Der Lange macht vorne die Tore, du hältst hinten den Laden zusammen – und so verdienen wir gemeinsam unsere Kohle!" Später fingen die Trainer an und wollten mir auch Defensivaufgaben übertragen. Aber ich bin schön an der Mittellinie stehen geblieben und habe gedacht: "Die sind doch sowieso drei mehr!" Der Trainer schrie: "Langer, zurück!" Und ich habe geantwortet: "Lauf doch selber hinterher, ich schieß lieber Tore!"
Frage: Das klingt sehr altmodisch.
Schatzschneider: Das sehe ich heute noch so. Was könnte allein Mike Hanke hier bei uns in Hannover für Tore schießen, wenn der nicht soviel keulen müsste!
Frage: Ein guter Stürmer braucht sowohl Routine und Athletik. Im Laufe der Karriere nimmt das eine zu, das andere ab. Wann ist der Stürmer auf seinem Zenit?
Schatzschneider: Es gibt eine Phase, in der man das Gefühl hat, dass man unverwüstlich ist, so mit 26, 27 Jahren. Mit 30 bekommt man schon Schwierigkeiten, an den Gegenspielern vorbeizukommen. Und wenn man dann den Biss nicht mehr hat – so wie ich am Ende meiner Karriere –, dann droht die Blamage. Dann sollte man besser aufhören.
Frage: Mit welchen Tricks widersetzt man sich den Gegenspielern?
Schatzschneider: Mit allem, was Sie sich in Ihren schlimmsten Alpträumen vorstellen! Wenn es damals schon so viele Kameras im Stadion gegeben hätte, dann wäre ich wohl in einem Jahr acht Monate gesperrt gewesen.
Frage: Auf der anderen Seite muss man sich dann nicht wundern, wenn die Verteidiger sich wehren - und es vielleicht auch mal übertreiben.
Schatzschneider: Diese Tage gibt es. Wenn du fünf-, sechsmal von hinten umgetreten wirst, willst du deinen Gegenspieler erwürgen.
Frage: Müssen daher kreative Spieler, wie Bayern-Manager Uli Hoeneß gefordert hat, besser geschützt werden?
Schatzschneider: Diese Forderung ist absoluter Quatsch! Ribéry oder auch Diego wissen sich selbst zu schützen, so wie jeder überragender Spieler. Von außen braucht sich da niemand Sorgen zu machen.
Frage: Das Spiel wird immer defensiver, die Torquote sinkt – trotzdem steigt das Interesse immer weiter. Sind Stürmer am Ende gar nicht die Hauptattraktion?
Schatzschneider: Der Fußball hat aufgepasst – mehr als andere Sportarten. Die Stadien sind ein Ausflugsziel für Familien und eine Businessstätte für Geschäftsleute geworden. Der Komfort wächst – und in einem hat Uli Hoeneß natürlich Recht: Wer möchte denn noch im Olympiastadion auf der Gegengerade im Schnee stehen? Niemand! Im Leben nicht! Aber das Wichtigste ist und bleibt das Spiel, und die Tore sind immer noch das Salz in der Suppe. Und wer schießt die Tore? Die Stürmer!
Die Fragen stellte Dirk Gieselmann.
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