Montag, 23. November 2009

Sport



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02.02.2008
 

Bundesliga-Kommentar

Gegenentwurf zu Klinsmanns Bayern

Von Peter Unfried

Was kann man vom Hamburger SV in der Rückrunde erwarten? Hochspannung. Die Club-Führung hat in den kommenden Wochen entscheidende Fragen zu beantworten. Ein potentieller Nachfolger von Trainer Huub Stevens könnte helfen, den HSV zu einem Großclub der Herzen aufzubauen.

Dass der HSV deutscher Meister wird, kann nun wirklich niemand verlangen. Insofern sollte man das mühsame 1:1 gegen Hannover 96 zum Rückrundenauftakt nicht als Ausstieg aus dem Titelrennen interpretieren. Bitte: Der Hamburger SV topplatziert – und das in drei Wettbewerben. Immerhin der DFB-Pokal könnte tatsächlich am Ende rausspringen. Es wäre der erste Titel seit 1987. Dafür müßte man zunächst das Viertelfinale beim VfL Wolfsburg gewinnen. Unternehmerisch entscheidender ist eine Qualifikation für die (Qualifikation für die) Champions League.

HSV-Trainer Stevens: "Ohne Leidenschaft"
DDP

HSV-Trainer Stevens: "Ohne Leidenschaft"

Das Spiel bei den punktgleichen Leverkusenern am Wochenende wird Indizien liefern, wie erfolgreich die Abschiedsrunde von Trainer Huub Stevens und Kapitän Rafael van der Vaart werden wird. Stevens übernahm ja vor einem Jahr als Nachfolger von Thomas Doll auf Position 18. Am Ende war man Siebter. Und Stevens hat den als schwierig geltenden Kader im Griff. Alles pariert. Bisher. Er kann aber halt auch wirklich böse gucken, wenn er es drauf anlegt.

Zwei Dinge werden neben dem Parieren entscheidend sein. Erstens: Das Team spielt ja nun nicht mehr den schönen Tempofußball des herausragenden Doll-Jahres 2006, ist aber gut organisiert, diszipliniert und dadurch hinten sehr stabil. Das muss so bleiben. Zweitens: Van der Vaart muss eine gute Rückrunde spielen. Die HSV-Offensive ist extrem abhängig vom Kapitän – die Vorarbeit zu Olic' Ausgleichstreffer gegen 96 war sein vierter Assist. Dazu kommen neun Tore. Stevens tut alles, damit sein niederländischer Landsmann als Heldenfußballer glänzen kann. Diesmal gelang das nicht. Der HSV verbuchte eine schwache erste Halbzeit und musste für Stevens' Verhältnisse nach der Pause Vabanque spielen – also mit zwei Stürmern. "Wenn man ohne Leidenschaft spielt", knurrte Stevens hinterher, "kann es sein, dass man mit einem Unentschieden zufrieden sein muss." Und Platz vier plötzlich als Problem gilt.

ZUR PERSON

Peter Unfried, 44, ist stellvertretender Chefredakteur der taz.
Als der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann im Februar 2003 anfing, war man "totales Mittelmaß" - und das, bis auf eine gute Saison, seit 1988. Und heute? Die Abschlussplatzierungen geben die Entwicklung nur unzureichend wieder (4/8/8/3/7). Der "Kernmarkt" Hamburg, wie Hoffmann das nennt, funktioniert prächtig. Der HSV ist wieder ein identitäts- und selbstbewusstseinstiftendes Moment für viele Hamburger. Das Stadion war auch gegen Hannover (!) ausverkauft. Der HSV hat andere Traditionsclubs von ähnlichem historischen und infrastrukturellen Kaliber wie den 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt abgehängt. Der Umsatz des Unternehmens hat sich in den fünf Arbeitsjahren Hoffmanns mehr als verdoppelt (auf 137 Millionen Euro), das ist europäische Top 20. Selbstverständlich hat man weiter Schulden, aber 2007 blieb ein nicht kleiner Gewinn (knapp sechs Millionen Euro) hängen.

Die Club-Führung mit Hoffmann, dem Sport-Manager Dietmar Beiersdorfer und Katja Kraus ist anders als die der Konkurrenz. Um es simpel zu sagen: Hoffmann ist ein Kaufmann, der in Werbeslogans redet und den Club als "Freudeherstellungskonzern" definiert. Beiersdorfer ist ein Fußball-Intellektueller, der leise spricht und sich kaum inszeniert. Und Kraus ist total anders – nämlich eine Frau. Wie weit kann man es mit dieser Kombination bringen? Auch das ist eine spannende Frage.

Hoffmann sieht die entscheidende Weiche in der Entscheidung über eine Ausgliederung des Profifußballs aus dem Gesamtverein. Dafür braucht er eine Zweidrittel-Mehrheit der über 50.000 Mitglieder. Im Frühjahr will er nochmal dafür werben, nachdem er bereits einmal, im Juni 2005, gescheitert ist. Schwierigkeiten bereiteten der Vereinsführung dabei immer wieder die organisierten HSV-Fans (Supporters Club), etwa mit einem Eklat bei der Mitgliederversammlung im Dezember 2006.

Daneben ist die Stevens-Nachfolge die interessanteste Frage der nächsten Wochen. Wer nicht prioritär an das Wohl des FSV Mainz 05 denkt, der muss jetzt schreien: Jürgen Klopp! Erstens hat der Mann fachliche Qualitäten zur Genüge nachgewiesen, zweitens hat ihn Uli Hoeneß persönlich geadelt, als er Klinsmann den "anderen Jürgen" nannte – was ja nichts anderes heißt, als das Klopp der "eigentliche Jürgen" ist. Drittens weisen die Spin-Doktoren mittlerweile gerne daraufhin, dass Klopp entgegen romantischer Vorstellungen ein "autoritärer" Trainer sei – also mehr Stevens und weniger Doll – und damit geeignet, den schwierigen Kader zu händeln. Viertens ist die Zeit reif für Klopp, den nächsten Schritt zu tun. Fünftens will man doch sehen, ob oder wie er es schafft. Sechstens könnte Klopp den Hamburger SV national popularisieren wie kein Zweiter.

Das nämlich ist die entscheidende Lücke, in die Hoffmann stoßen könnte – der Aufbau eines Großclubs der Herzen als Gegenentwurf zu Klinsmanns FC Bayern. Für all jene Fach-, Fernseh- und Unterhaltungskundschaft, denen Werder auf Dauer dann doch zu fad ist, Schalke zu prollig und zu Gazprom, der VfB Stuttgart zu schwäbisch. Und 1899 Hoffenheim zu wenig 1899.

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