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03.03.2008
 

Kaiserslautern-Krise

Eiszeit in der Hölle

Von Dirk Gieselmann, Benjamin Apitius und Tim Jürgens

Bibbern auf dem Betzenberg: Der 1. FC Kaiserslautern taumelt Richtung dritte Liga. Seit zehn Jahren fällt der Traditionsclub fast nur noch durch sportliche Inkompetenz, Intrigen und Misswirtschaft auf. Der Niedergang der Roten Teufel – ein Rückblick der "11 FREUNDE".

Fritz Walter ahnte, was ihm blühen würde. Warum sonst nötigte er sich und den anderen Pfälzern aus dem WM-Team von 1954 diesen heiligen Schwur ab? Walter, sein Bruder Ottmar, Werner Liebrich, Walter Kohlmeyer und Horst Eckel gaben sich noch in den Sechzigern beim Schoppen Wein das Ehrenwort: Keiner solle jemals nach der aktiven Laufbahn beim 1. FC Kaiserlautern in eine verantwortliche Position rücken. Zu groß würde die Gefahr für jeden einzelnen in der Gruppe, die Bedeutung als Idol der Nachkriegsgeneration aufs Spiel zu setzen. Ein Eid, der auch über den Tod von Fritz Walter, Liebrich und Kohlmeyer hinaus Bestand hat.

FCK-Profis Weigelt, Reinert: "Leute verlieren ihre Identifikationsfläche"
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FCK-Profis Weigelt, Reinert: "Leute verlieren ihre Identifikationsfläche"

Die Alten haben gut daran getan, ihren Ruf beim FCK nicht zu riskieren. Seit nunmehr einem Jahrzehnt befindet sich der Pfälzer Renommier-Club auf einer sportlichen wie wirtschaftlichen Talfahrt. Horst Eckel, Teil der legendären FCK-Mannschaft, die 1951 und 1953 Meister wurde und als "Walter-Elf" Legendenstatus erreichte, fällt nicht viel ein, wenn er sein Team mit dem heutigen vergleichen soll. "Nur der Name ist noch derselbe", sagt der Veteran traurig.

Als die Pfälzer 1998 zum letzten Mal Meister wurden, zählte der Club mit seinem Etat noch zu den Top 5 der Bundesliga. Jetzt droht der Absturz in die Regionalliga. Am vergangenen Wochenende erzitterte man sich ein 0:0 beim SC Paderborn - und bleibt auf Platz 16 mit fünf Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Der großzügige Hauptsponsor, die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), gab schon einen Vorschuss auf die Rate für kommende Saison, damit noch letzte Verstärkungen für den finalen Kampf um den Klassenerhalt geholt werden können. Ein anonymer Privat-Investor wurde um ein Darlehen von einer Million Euro angepumpt, damit beim FCK nicht die Lichter ausgehen.

Vorstandssprecher Hans-Artur Bauckhage übt sich in Zweckoptimismus: "Ich beschäftige mich erst mit dem Abstieg, wenn er besiegelt ist. Dann holen wir ein weißes Blatt Papier hervor und schreiben alle Zahlen drauf, die uns die neue Geschäftsgrundlage bietet." Nicht nur der Verein hat also ein Problem bei einem sportlichen Niedergang, sondern ganz Kaiserslautern. Stefan Kuntz, der Kapitän des Meisterteams von 1991, fasst zusammen: "Wenn der Verein absteigt, verlieren die Leute ihre Identifikationsfläche."

Mit Ach und Krach schleppte sich der Verein mehr als 30 Jahre durch die Bundesliga. Noch 1991 war der Mannschaft eine Reminiszenz an die Goldene Ära der fünfziger Jahre gelungen: In der Vorsaison akut abstiegsbedroht, wurde der FCK sensationell Meister. Kuntz brachte Fritz Walter die Schale, es war die Vermählung der Gegenwart mit der Vergangenheit. Kuntz: "Den alten Helden das Geschenk machen zu können, dass ihr Verein wieder ganz oben ist – das ist mit Worten nicht zu beschreiben."

Bis heute herrscht in der Pfalz der Glaube vor, der Abstieg des FCK sei ein Ding der Unmöglichkeit. Wie der Mensch im Mittelalter sich nicht vorstellen konnte, dass die Erde eine Kugel sei, über die er freihändig stolzierte, glauben die Pfälzer so lange nicht, dass ihr Club absteigt – bis er wirklich abgestiegen ist. Dabei sind sie doch längst gebrannte Kinder. Norbert Thines, Präsident des FCK beim ersten Bundesliga-Abstieg 1996, erklärt: "Bei uns stirbt die Hoffnung ganz zum Schluss. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein."

Erste Risse bekam das Denkmal FCK nach dem Abgang von Stefan Kuntz 1995. Es gelang den Verantwortlichen nicht mehr wie vorher, Spieler aufzubauen, die das Erbe hätten weiter tragen können. In der Saison 1995/96 war die Mannschaft in Grüppchen zerfallen. Der FCK stieg ab, weil er in der Saison 18 Mal unentschieden spielte, angeblich weil auf dem "Betze" der Rasen zu schlecht war – und er sich einen Abstieg offenkundig bis zum Schluss nicht vorstellen konnte.

Axel Roos war dabei. Kein Spieler hat länger als er für den FCK gespielt – 22 Jahre am Stück. Er sitzt im "Café Extrablatt" und nippt melancholisch an einem Cappuccino. Roos ist keiner dieser sprichwörtlichen "Pfälzer Krischer", einem Menschenschlag, den man hier häufig antrifft, den ein übersteigertes Selbstbewusstsein und sein lautstarkes Auftreten charakterisiert. Er ist so, wie er als Spieler war: unauffällig, zuverlässig, ehrlich. Nach 328 Spielen für seinen Club – zwei Meistertiteln und zwei Pokalsiegen – wurde er 2001 ausgebootet. Er verabschiedete sich mit den Worten von den Fans: "Ich muss gehen, um wiederzukommen."

Die Rückkehr wird ihm nicht leicht gemacht. Gemeinsam mit Demir Hotic und Jürgen Groh hat er dem gegenwärtigen Vorstand um Erwin Göbel vor einem Jahr angeboten, als Scouting-Kommando auszuhelfen. In den vergangenen fünf Jahren hat der Verein rund 90 Spieler verpflichtet, von denen nur ein Bruchteil die Erwartungen erfüllen konnte. Doch der Vorstand lehnte ab. Begründung: Die Trias um Roos habe allein über die Transfers bestimmen wollen und somit vorgehabt, einen Staat im Staate zu gründen. Roos fühlt sich von seinem Club allein gelassen: "Warum werden bei Bayern die Ex-Spieler integriert und ausgerechnet bei uns ausgegrenzt?"

Es ist auffällig, wie viele alte FCK-Veteranen in den Planspielen des Vorstandes keinen Platz finden, unabhängig davon, wer in der Führungsetage herrscht: Stefan Kuntz wurde sich 2003 mit René Jäggi nicht einig, weil der Vorstand seine Kompetenzen in der Arbeitsplatzbeschreibung zu sehr beschnitt. Heute wirkt er recht erfolgreich als Manager beim VfL Bochum. Hans-Peter Briegel scheiterte 1998 an der Hegemonie von Otto Rehhagel und später als Aufsichtsrat am mächtigen Jäggi, dem die sportliche Kompetenz der einstigen "Walz aus der Pfalz" offensichtlich suspekt war.

Im Herbst 2007 warf auch FCK-Rekordtorschütze Klaus Toppmöller nach wenigen Wochen im Amt des ehrenamtlichen Sportdirektors wieder hin. Angeblich, weil der Vorstand ihm nicht die Spieler zubilligte, die er gerne verpflichtet hätte. Derzeit versucht der 66-jährige Ex-FCK-Profi Fritz Fuchs, die sportlichen Belange des Vereins zu managen. Präsident Erwin Göbel, langjähriger Controller des Vereins und dem Vernehmen nach Fan von Eintracht Frankfurt, setzte die fragwürdige Tradition seines Vorgängers Jäggi fort und führt ohne Fortune und sportliches Geschick. Axel Roos sagt: "Wenn ich als Spieler fünf Spiele in Folge schlecht war, saß ich auf der Bank, wenn ein Vorstand fünf Jahre schlecht arbeitet, passiert nichts."

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