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01.03.2008
 

Krise auf Schalke

Slomka vor dem Rauswurf

Von Daniel Theweleit, Gelsenkirchen

Es wird eng für Schalke-Trainer Mirko Slomka. Durch die Niederlage gegen den FC Bayern ist die Meisterschaft endgültig gelaufen. Die Clubführung scheint kurz davor, die Notbremse zu ziehen und den Coach zu entlassen. Einzig der Manager steht noch zu Slomka.

Für einen kurzen Moment lag der Ausdruck tiefer Traurigkeit in den Gesichtszügen des Mirko Slomka. Der heftig kritisierte Trainer von Schalke 04 saß nach der 0:1-Niederlage seines Teams gegen Bayern München auf dem Podium des Presseraumes, die Augen gerötet, ein Finger strich vorsichtig über die Tränensäcke. Der Mann war sichtlich gerührt. Vielleicht war dies sein letztes Spiel auf Schalke, denn wenn seine Mannschaft am Mittwoch im Rückspiel beim FC Porto (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE / Hinspiel 1:0) aus der Champions Leauge ausscheidet, dann wird er wohl entlassen. Das jedenfalls scheint die Schalker Clubführung beschlossen zu haben. Präsident Josef Schnusenberg hatte in den vergangenen Tagen keine Gelegenheit ausgelassen, seinem Trainer klar zu machen, dass sein Job am seidenen Faden hängt, noch unmittelbar vor der Partie hatte Schnusenberg gesagt, "wenn die nächsten zwei Spiele in die Hose gehen, dann wir der Druck von außen so groß, dass Handlungsbedarf besteht". Am Tag nach dem Spiel sprach Schnusenberg unter vier Augen mit Slomka. Anschließend erklärte der Präsident: "Es gab und gibt keinerlei Ultimatum für den Trainer."

Die dunkle Drohung Schnusenbergs lag dennoch über der Arena wie die Ausläufer des Sturms "Emma", und tatsächlich wirkte die Mannschaft wie ein Patient, der dringend neue Behandlungsmethoden benötigt. Schalke spielte verunsichert, war zwar optisch überlegen, hatte mehr Ballbesitz (56 Prozent), gewann mehr Zweikämpfe (52 Prozent), aber es fehlten Präzision, Tempo, Überzeugungskraft und Sicherheit. Kapitän Marcelo Bordon verkündete hinterher schwer deprimiert: "Das ist nicht mein Schalke!"

Die frühe Führung durch Stürmer Miroslav Klose (14.) hatte die Münchner in die komfortable Lage versetzt, aus einer gut sortierten Defensive zu kontern, während Schalke anrannte, Standards erarbeitete, aber einfach nicht effektiv genug war. "Wir müssen wieder mit Überzeugung, mit Entschlusskraft spielen und mit Konsequenz unsere Chancen zu nutzen", sagte Manager Andreas Müller hinterher. All diese Tugenden hatte er vermisst gegen diese kühl und routiniert spielenden Bayern.

Der Tabellenführer lieferte an diesem Nachmittag eine Demonstration der Stärke seines Kaders ab. Die Nationalspieler Phillipp Lahm und Lukas Podolski waren nach dem langen Pokalabend vom Mittwoch in München geblieben. Der Brasilianer Zé Roberto saß nur auf der Bank, dafür spielten Bastian Schweinsteiger und Martin Demichelis eine blitzsaubere Partie im zentralen Mittelfeld, und Marcell Jansen ersetzte Lahm links in der Viererkette. "Das hat uns eine unglaubliche Stabilität gebracht", sagte Bayern-Manager Uli Hoeneß, der so zufrieden wirkte wie selten nach einem Fußballspiel seines Teams. "Das ist wie zehn kleine Negerlein, Schalke ist raus aus dem Meisterschaftskampf, jetzt sind es nur noch drei außer uns", so der Manager nach dem ersten Münchner Sieg in Gelsenkirchen seit 1998. Dass die Meisterschaft nun nicht mehr zu gewinnen ist, wissen natürlich auch die Schalker. "Wir wollen immer noch in die Champions League", sagte Müller daher mit dünner Stimme, doch das Erreichen dieses Zieles ist nach drei Niederlagen in Folge und dem immer größer werdenden Gebirge blau-weißer Probleme akut gefährdet. Denn langsam scheinen die Schäden der wuchernden Trainerdiskussion irreparabel, das Verhältnis zwischen Trainer und Clubführung scheint völlig zerstört.

ZUR PERSON

Daniel Theweleit, vor 31 Jahren in Freiburg im Breisgau geboren und auf den Fußballplätzen groß geworden, kam nicht umhin, Fan des SC Freiburg zu werden. Seit zehn Jahren lebt er in Köln und schreibt über Fußball.
Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hatte heute in der "Bild"-Zeitung bekräftigt, er stehe voll hinter Schnusenbergs Linie des wachsenden Druckes auf Slomka. "Er trainiert eine der stärksten Schalker Mannschaften aller Zeiten. Da dürfen wir fordern, dass die Ergebnisse und auch die fußballerischen Fortschritte stimmen", wird Tönnies zitiert. In ihrer Gesamtheit lesen sich Aussagen des Aufsichtsratschefs wie eine Freigabe zum Abschuss.

Diese öffentliche Demontage solle die Funktion eines "Weckrufes" für die Mannschaft erfüllen, wiederholte Müller noch einmal, eine Theorie, die die Spieler nur müde lächeln lässt. "Wir versuchen diese Trainerdiskussion als Mannschaft nicht anzunehmen", sagte Angreifer Kevin Kuranyi, der immer noch hofft, auch am kommenden Samstag gegen Arminia Bielefeld "mit Mirko Slomka auf der Bank" spielen zu können. Doch die Situation scheint zu verworren, als dass sie sich wieder entflechten ließe.

Er denke "jetzt nur an Porto", verkündete Müller angesichts der ersten Trainerentlassung, die er als Manager möglicherweise vollziehen muss und behauptete: "Wir sprechen intern nicht über den Trainer, sondern nur mit dem Trainer." Der Manager scheint den Coach im Gegensatz zum Präsidenten und dem Aufsichtsratschef noch nicht ganz aufgegeben zu haben.

Allerdings wäre es angesichts der Situation ziemlich unprofessionell, keine Alternativen zu generieren, schließlich ist es Müller, der gegebenenfalls einen Nachfolger finden muss. Irgendwann sagte er daher, "ich habe mich noch nie zu Spekulationen geäußert, welcher Spieler kommen wird, genauso halte ich es auch mit Trainern". Diese rasante Dynamik spürt natürlich auch Mirko Slomka, es wäre daher durchaus verständlich wenn er in einer einsamen Minute dieses womöglich letzten Abends in der Arena auf Schalke tatsächlich ein paar Tränen verdrückt hätte.

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