Von Daniel Theweleit
Vielleicht haben sie wirklich nicht geahnt, welch eine gewaltige emotionale Kraft so ein Champions-League-Achtelfinale entwickeln kann. Erst als das Werk vollbracht und Manuel Neuer sich vom Geschmähten in einen echten Helden verwandelt hatte, da dämmerte vielen Schalkern, dass dies ein Abend mit historischen Dimensionen war. Nach dem 4:1 im Elfmeterschießen (0:1 n.V.) darf sich der Traditionsclub erstmals zum Kreis der acht besten Teams in Europa zählen, schon das ist ein ehrwürdiger Aspekt. Doch dieser Abend hat außerdem einige unvergessliche Glücksmomente auf der Festplatte der ewigen Schalker Erinnerungen hinterlassen.
Wie Neuer nach 56 Minuten in den Kopfball des Stürmers Tarik Sektioui hinein flog, und den halbhohen Ball im Stile eines asiatischen Kampfkünstlers mit dem Fuß aus der Torecke kratzte, dürfte ebenso zur königsblauen Legende taugen wie einst die artistischen Fallrückzieher eines Klaus Fischer. Der Kick des Karate-Kids im Tor war eine Art psychologische Vorentscheidung. "Manuel war heute der Garant unseres Sieges, da kommt das Lachen zurück auf die Gesichter", sagte der merklich angefasste Trainer Mirko Slomka. Es handelt sich um eine Wendung von großer Symbolkraft, die sich in dieser Nacht von Porto ereignet hat.
Denn es war Neuer, dessen Leistungen die fragile Schalker Gefühlswelt der zurückliegenden Monate dokumentierten wie ein Seismograph die Bewegungen der eurasischen Platte. Der Neuer der laufenden Saison war nie jener Überflieger, der im November 2006 zur allgemeinen Überraschung den bisherigen Stammtorwart Frank Rost verdrängte und schnell zu einer Art Wunderkind im Tor avancierte. Er hatte seine Leichtigkeit verloren, ließ stabilen Auftritten immer wieder schlimme Aussetzer folgen, er suchte nach seinem Selbstvertrauen, haderte mit Erwartungen und machte viel zu viele Fehler. Exakt dasselbe lässt sich über die Schalker Mannschaft insgesamt sagen, die beständig zwischen Vorstellungen internationaler Klasse und mittelmäßigen Bundesliga-Auftritten hin- und hertaumelt.
Auch in dieser Nacht von Porto zeigte Neuer einige seiner Unsicherheiten. Gleich zu Beginn ließ er einen Fernschuss gefährlich abprallen, bei hohen Bällen irrte er bisweilen orientierungslos durch den Fünfmeterraum, doch ein Gegentor resultierte diesmal nicht daraus. Vielmehr war zu spüren, wie der Jugendnationalspieler sich mit seinen gelungenen Paraden in eine rauschhafte Leistung hineinpushte.
Stürmer unter Schock
Der unglaubliche Sprung aus der 56. Minute sei eine Maßnahme gewesen, "um den Stürmer zu erschrecken", sagte Neuer später – das ist ihm gelungen. Nach der Teufelstat des deutschen Torhüters wurde der Marokkaner Sektoui sofort ausgewechselt, noch 20 Minuten später saß er geschockt auf der Bank und wirkte so, als werde er für den Rest seines Lebens nicht glauben wollen, dass Neuer tatsächlich an seinen gut platzierten Ball herangekommen sein soll. "Wir haben heute durch einen sehr starken Torhüter gewonnen, der gezeigt hat, dass er einer der besten in Deutschland ist", sagte Kevin Kuranyi anerkennend, und Manager Andreas Müller sprach von einer "Weltklasseleistung".
Der in Gelsenkirchen-Buer, ein paar Blocks neben dem alten Schalker Parkstadion aufgewachsene Neuer verhinderte nicht nur gegnerische Treffer im halben Dutzend, sondern gab der Mannschaft das oft fehlende Selbstvertrauen wieder. "Wir wussten vor dem Elfmeterschießen, dass Manu einen super Tag hat und sicherlich einen oder zwei Elfmeter halten würde", sagte Mittelfeld-Abräumer Jermaine Jones. Genauso kam es.
Zwei Elfmeter parierte der Held, die Schalker Feldspieler trafen vier mal, es war eine eindeutige Angelegenheit. Und Neuer wusste auch sehr schnell, mit wem er dieses vielleicht schönste Schalker Erlebnis seit dem Uefa-Cup-Sieg von 1997 zu feiern hatte: mit den Fans.
"Ein Club, der sich selbst hinrichtet"
Auch an diesem Abend trug er unter seinem Trikot wieder das T-Shirt mit der Aufschrift "Buerschenschaft". Das ist ein Fanclub, dem er selber angehört, mit deren Mitgliedern er einst auf der Fantribüne stand und mitfieberte. "Selber dabei zu sein, ist natürlich ein anderes Gefühl", antwortete er auf die Frage, ob dies tatsächlich vergleichbar sei mit dem Europapokalerfolg von 1997, den er noch als Anhänger erlebt hatte. Doch es handle sich ja nur "um ein K.o.-Spiel, und kein Finale".
Gefühlt war dieser Erfolg nach einem Jahrzehnt voller schmerzlicher Erlebnisse in Europa aber vergleichbar mit dem zuvor größten Erfolg der Clubgeschichte. Sogar FC-Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, der Schalke zuvor als "Club, der sich selbst hinrichtet", kritisiert hatte, rannte nun mit einem beglückten Grinsen durch die VIP-Räume des Drachenstadions.
Nicht, dass Beckenbauer Unrecht hätte: Rückblickend wirkt es da wie der reine Wahnsinn, dass Josef Schnusenberg, der Schalker Präsident, und Clemens Tönnies, der Aufsichtsratschef, tatsächlich in den zehn Tagen vor diesem vielleicht schönsten Schalker Moment seit Ewigkeiten einen beispiellosen Selbstzerfleischungsprozess forciert haben.
Slomka, den Macher dieses Erfolges, werden sie nun wohl nicht mehr so schnell in Frage stellen können, selbst Kuranyi, der seinem Coach beim Auswechseln den Handschlag verweigert hatte, sagte: "Heute Abend hat der Trainer gezeigt, dass er sehr wichtig ist für unsere Mannschaft". Da hat er recht: Schließlich stünde ohne Slomka wahrscheinlich immer noch Rost im Schalker Tor. Umgekehrt säße Slomka ohne Neuer womöglich schon nicht mehr auf der Schalker Bank.
Der nächste Ärger droht allerdings: Obwohl Kuranyi später sagte, er habe Slomka bei seinem Abgang gar nicht wahrgenommen, fand der Trainer das Verhalten seines früheren Lieblingsspielers "nicht in Ordnung". Man werde noch darüber sprechen. Sanktionen, so war heute zu erfahren, soll es für Kuranyi aber nicht geben.
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