Von Johannes Lindenlaub, Leipzig
Vor dem Anpfiff gegen die zweite Mannschaft des FC Sachsen war Lok-Präsident Steffen Kubald recht optimistisch. Er hoffte, dass alles ruhig bleiben wird, dennoch "muss man abwarten, wie das Spiel verläuft". In der Vergangenheit war es bei den Partien beider Teams immer wieder zu Ausschreitungen gekommen. Kubalds Optimismus mischte sich daher mit Vorsicht. Die im vergangenen Dezember verübten Überfälle auf zwei Weihnachtsfeiern des FC Sachsen sorgten für zusätzlichen Zündstoff beim Sachsenderby.
Die Polizei war angesichts der Brisanz der Landesliga-Partie alarmiert. 15 Hundertschaften in der Stadt ließen erahnen, dass es sich hier nicht um ein ganz normales Fußballspiel handelt. Und nach der torlosen Partie schienen die Befürchtungen tatsächlich wahr zu werden: Zuschauer berichteten, dass bis zu 150 Fans des 1. FC Lok durch ein die Fangruppen trennendes Tor gestürmt seien und die gegnerischen Fans angriffen haben. Die Polizei mochte dies auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jedoch nicht bestätigen.
Anschließend kam es nach Augenzeugenberichten auf der Festwiese vor dem Zentralstadion zu Zusammenstößen, bei denen die Polizei kurzfristig desorientiert wirkte. Nach etwa zehn Minuten war die Situation wieder unter Kontrolle. Insgesamt gab es lediglich drei "freiheitsentziehende Maßnahmen", so die nüchterne Pressemitteilung der Polizei.
Das Spiel selbst verlief ruhig - von einzelnen Provokationen abgesehen. Aus dem Fanblock des FC Sachsen flogen drei Feuerwerkskörper, in der Kurve des 1. FC Lok explodierten einige Rauchbomben. Eine kurze Eskalation, bei der Bierbecher über den Fanzaun flogen, beendete die Polizei schnell. "Für ein Derby ist das ganz schön wenig", sagte Dirk Sander, Pressesprecher des 1. FC Lok, in der Halbzeitpause.
"Das darf keine Dauerlösung sein"
Alles in allem hatte sich Leipzig am Wochenende der Buchmesse auf Schlimmeres vorbereitet. Nach den Auseinandersetzungen im sogenannten "Discokrieg", der am vergangenen Wochenende ein Todesopfer forderte, sind Teile der Innenstadt bis auf weiteres zur Kontrollzone erklärt worden. Bis Donnerstag wurden zwei Messer, ein Schlagstock, ein Paar mit Quarz gefüllter Handschuhe und eine kleine Menge Rauschgift gefunden – so die Bilanz von Detlef Rahnefeld, Leiter der Sonderkommission "Disco".
Darüber hinaus hatte die NPD für Samstag eine Demonstration in der Innenstadt beantragt, die wegen Sicherheitsbedenken gerichtlich untersagt wurde. "Sehr froh und erleichtert" zeigte sich Oberbürgermeister Burkhard Jung darüber. Bei der Veranstaltung "Leipzig zeigt Courage" sprach er entspannt mit weiteren Teilnehmern. Wegen des Derbys machte er sich "angesichts der massiven Polizeipräsenz" keine Sorgen. Damit sollte er im Großen und Ganzen Recht behalten. Dann jedoch fügte er hinzu: "Das darf keine Dauerlösung sein."
Und in der Tat: Bisher war Leipzig keine Stadt, in der man Angst haben muss, auf die Straße zu gehen. Allein schon aufgrund der jede Ecke und jede Straße überwachenden Staatsmacht fühlten sich die Leipziger in der vergangenen Woche jedoch wie im Ausnahmezustand. Für den Moment mag dieses Vorgehen gerechtfertigt, vielleicht auch notwendig sein. Um die Probleme der Stadt zu lösen, bedarf es in Zukunft jedoch dringend anderer Maßnahmen.
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