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Noten für Fußballer Setzen, Sechs!

Franz Beckenbauer stand über ihnen, Lothar Matthäus las sie morgens nach der Disco, Maurizio Gaudino ärgerte sich über sie: die wöchentlichen Noten sind Topthema unter Fußballern. Das Magazin 11Freunde beschreibt, warum trotzdem kaum ein Profi darüber redet.

Als Dieter Schatzschneider 1983 zum Hamburger SV wechselte, kam er mit besten Referenzen. 197 Tore hatte der bullige Mittelstürmer in der 2. Fußball-Bundesliga für Hannover 96 und Fortuna Köln geschossen und galt als legitimer Nachfolger von Horst Hrubesch. Doch Schatzschneider kam in Hamburg nicht zurecht, spielte mäßig und dann war da auch noch diese Sache mit der "Bild"-Zeitung und ihrem Reporter Jürgen Schnitgerhans.

"Mit der 'Bild' hatte ich immer Zoff", sagt Schatzschneider heute. "Da hat der Schnitgerhans einmal zu mir gesagt: 'Egal, was du machst, Schatzschneider, wenn du aufläufst unter den ersten Elf, hast du automatisch ‘ne 6!' Und so war es dann auch. Ich konnte machen, was ich wollte, ich habe immer eine 6 bekommen." Immer eine 6.

Wie Dieter Schatzschneider könnte wohl jeder Profi, ob aktiv oder ehemalig, eine ähnliche kleine Geschichte erzählen. Über eine ungerechte Note im "Kicker", eine schlechte Beurteilung in der "Bild"-Zeitung. Aber nur wenige wollen überhaupt über die Noten reden. Wer sich in Spielerkreisen umhört, erlebt stets die gleiche Reaktion. Nicht wichtig seien die Noten, völlig subjektiv und nur eine Spielerei. Oder wie es Ex-Profi Thorsten Legat sieht: "Ob das jetzt der 'Kicker' ist oder die 'Bild' oder 'Reviersport' bei uns im Ruhrgebiet – ich weiß nicht, was die Redakteure sich bei diesen Noten denken. Vielleicht würfeln sie ja! Ich habe mich lieber darauf berufen, wie der Trainer mich beurteilt hat."

Die Realität sieht jedoch anders aus: "Die Noten sind absolutes Top-Thema bei den Spielern – auch wenn das kaum jemand zugibt", sagt Matthias Müller aus der Berliner "Bild"-Zentrale. Allenfalls zu erahnen durch Andeutungen, Boykottdrohungen wie der von St. Pauli-Profi Daniel Scheinhardt und gelegentlichen Interviews wie jenem in der "Süddeutschen Zeitung", in dem Nationalverteidiger Marcell Jansen ein bisschen zu ausführlich sein Leid über die Notengebung klagt: "Spielt der Außenverteidiger normal, kriegt er die Note 3, und wenn er eine einzige Flanke reinhaut und der Stürmer hat zufällig einen guten Tag und trifft, kriegt der Außenverteidiger eine 2. Wenn du aber die gleiche gute Flanke fünfmal schlägst und der Stürmer semmelt den Ball fünfmal drüber, kriegst du wieder eine 3. Weil’s kein Assist war!"

Ganz so einfach entstehen die Noten nicht, glaubt man "Bild"-Mann Müller. Er schildert im Gegenteil einen durchaus komplexen Schaffensprozess. "In die Note fließt die komplette Leistung ein, also Faktoren wie Tore, Vorlagen, gewonnene und verlorene Zweikämpfe", sagt Müller, schränkt aber ein: "Spielt ein Profi unterirdisch und verliert 99 Prozent seiner Zweikämpfe, schießt aber zwei Tore, bekommt er eine gute Note. Andersrum: Schießt er zwei Tore, fliegt aber wegen einer miesen Aktion wie Spucken vom Platz, bewegt er sich im Bereich Note 5 oder 6."

Beim "Kicker" wird, zumindest offiziell, ebenfalls sehr komplex addiert und gewichtet. Es gibt eiserne Regeln. So werden Spieler nur bewertet, wenn sie mindestens 30 Minuten auf dem Platz gestanden haben, und ein beschäftigungsloser Keeper erhält notgedrungen die Nichtnote 3. Eines ist allerdings überall gleich, bei "Kicker", "Bild" und den lokalen Zeitungen, die ebenfalls Noten vergeben. Müller: "Die Noten werden ausschließlich von den jeweiligen Club-Reportern in den Stadien gemacht. Anders ist eine gerechte Notengebung gar nicht möglich."

Die Frage der Gerechtigkeit ist so alt wie die Noten selbst. Seit am ersten Spieltag der neu gegründeten Bundesliga das "Sportmagazin" erstmals Kopfnoten an die Spieler verteilte, wurde über die Kriterien und Maßstäbe gestritten. Zunächst aber nur mit gebremstem Schaum, denn in der Zeitschrift, die später mit dem "Kicker" fusionierte, wurden die Fußballer nur auf einer Skala von 1 bis 4 bewertet, zudem wurde äußerst milde benotet. "Selbst wenn die Reporter das Spiel selbst als sehr mäßig beschrieben, mit guten Noten für die Spieler wurde damals nicht gegeizt", sagt Sporthistoriker Ulrich Merk.

Die öffentliche Wahrnehmung der Noten änderte sich erst, als auch die "Bild am Sonntag" am ersten Spieltag der Saison 1968/69 die Rubrik "Bundesliga auf einen Blick" einführte, mit Bewertungen für jeden Spieler, damals allerdings noch mit der Höchstnote 6 für eine herausragende Leistung. Die Noten auf dem Boulevard sorgten fortan für Diskussionsstoff, auch weil "Bild" die schlechteste Note bald mit dem erklärenden Zusatz "Hat das Geld nicht verdient" versah.

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