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10.04.2008
 

Antisemitismus im Fußball

Clubs vor Gericht - Kritik am Verband

Von Christoph Ruf

Das Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes urteilt am heutigen Donnerstag über die "Juden-Jena"-Rufe beim Halleschen FC. Derweil wird Ärger über die Funktionäre laut. Die hätten in der Vergangenheit bei vergleichbaren Vorkommnissen weggehört.

Am heutigen Donnerstag wird vor dem Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes über die Hallenser "Juden Jena"-Rufe verhandelt. Neben dem Halleschen FC, dem schwere Versäumnisse vorgeworfen werden, sitzt dabei überraschenderweise der Adressat der antisemitischen Schmähungen mit auf der Anklagebank. Denn der Nordostdeutsche Fußball Verband (NOFV) hat neben dem Halleschen FC auch Carl Zeiss Jena als Beklagten benannt. Der Protest der Thüringer blieb offenbar erfolglos, mit Präsidiumsmitglied Hans-Heinrich Tamme fährt ein Vertreter des Clubs zur Verhandlung nach Leipzig. "Wir werden damit mit den Rufern aus dem HFC-Fanblock in einen Topf geworfen", klagt Jenas Vizepräsident Peter Voss.

Ernst-Abbe-Sportfeld Jena: Spiele gegen den HFC wurden hier schon oft abgebrochen
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DPA

Ernst-Abbe-Sportfeld Jena: Spiele gegen den HFC wurden hier schon oft abgebrochen

Formaljuristisch ist der NOFV dabei auf der sicheren Seite, doch das Signal, das dabei ausgesendet wird, ist verheerend. Der Verband beruft sich auf Paragraph 16, Absatz 8 der Spielordnung. Danach sind "die Gastvereine verpflichtet ..., im Rahmen von Vereinbarungen oder Absprachen zur Gewährleistung von Ordnung und Sicherheit, sowie zur Unterstützung des Ordnungsdienstes im Stadion beizutragen". Mit anderen Worten: Carl-Zeiss-Offizielle hätten die Hallenser Ordner darauf aufmerksam machen sollen, dass antisemitische Rufe aus der Kurve erklingen. Schieds- und Linienrichter, die die Rufe achtmal - die Kollegen vom Onlineportal "Halle-Forum" haben genau mitgezählt - überhörten, sind übrigens nicht als Beklagte vor Ort.

Peter Voss, Vizepräsident von Carl Zeiss Jena, protestierte umgehend schriftlich gegen die Vorladung durch den NOFV. Man sei sich keiner Schuld bewusst, so der Jurist zu SPIEGEL ONLINE. Überhaupt sei schwer zu verstehen, dass Schiedsrichter, Linienrichter, Schiedsrichterbetreuer und die Offiziellen des Vereins und des NOFV nichts von den Rufen gehört haben, "da können ja eigentlich nicht nur Taube gesessen haben". Umso unverständlicher sei es, dass man "jetzt uns den Schwarzen Peter zuschiebt," so Tamme. "Das ist schon unfassbar."

Offenbar hätte der NOFV Grund, auch selbstkritisch mit der eigenen Rolle umzugehen: Bereits bei vergangenen Aufeinandertreffen zwischen den beiden Vereinen soll es regelmäßig zu antisemitisch motivierten Schmähungen seitens einiger Hallenser Fans gekommen sein. In den Jahren 2003 und 2004 ließ der Schiedsrichter jeweils das Spiel unterbrechen. Bei den anschließenden Sportgerichtsverhandlungen sei jedoch nur über den Einsatz von Feuerwerkskörpern gestritten worden, berichtet Matthias Stein vom Jenenser Fanprojekt. "Die Hallenser haben schon damals 'Juden-Jena' skandiert und das 'U-Bahn-Lied' ("eine U-Bahn bauen wir, von Jena bis nach Auschwitz") angestimmt, interessiert hat das beim NOFV aber nie jemanden." Erst durch die breite mediale Berichterstattung in den vergangenen Tagen werde der Verband nun aktiv, so Stein. Auch bei Spielen von Germania Halberstadt sei es zu "Juden-Jena"-Rufen gekommen. Beim NOFV wiederum bestätigt man auf Nachfrage, dass es bis zum heutigen Tag noch keine Sportgerichtsverhandlungen im Zusammenhang mit antisemitischen Parolen gegeben habe.

Auf Seiten des HFC hat man unterdessen kurz nach Bekanntwerden der Ereignisse einen kompletten Medienboykott beschlossen. Bei der Sitzung des Sportausschusses der Stadt Halle wurde am Dienstag der Verein dafür gerügt. Eberhard Doege, CDU-Obmann im Sportausschuss, äußerte die Ansicht, dass die Vereinsführung "unglücklich agiert" habe. Er kritisierte, dass sich der Verein wegducke und nicht von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht habe. Sein Parteikollege Milad el-Khalil, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, hingegen sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir werden nicht zulassen, dass der Verein von drei Dutzend Idioten kaputt gemacht wird."

In der Tat drohen dem HFC bei der heutigen Sportgerichtsverhandlung drakonische Strafen. Vom Ausschluss aus der Spielklasse bis zu einem Geisterspiel reichen hierbei die Sanktionsmöglichkeiten. Strafmildernd könnte sich heute Nachmittag auswirken, dass der Verein offenbar mittlerweile eingesehen hat, dass er ein Problem nicht dadurch in den Griff bekommt, dass er es totschweigt. So distanzierten sich Spieler und Fans vergangenes Wochenende mit einem Transparent von "Antisemitismus und Rassismus". Außerdem wandte sich der gegenüber den Medien nach wie vor sprachlose Club an den DFB, um gemeinsam mit dem Verband über die Probleme mit der eigenen Klientel zu beraten: "Der Verein ist auf uns zugekommen mit der Bitte, ihm mit Rat und Tipps zu helfen", sagt Helmut Spahn, der Sicherheitsbeauftragte des DFB.

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