Von Peter Unfried
Wenn Oliver Kahn seinen Philosophen-Blick bekommt, dann weiß man: Gleich wird es bedeutungsschwer. "Diese ominöse 90. Minute", sagte der Kapitän des frischgekürten Pokalsiegers FC Bayern München mit seinen berühmten halbgeschlossenen Augen, "die verfolgt mich nun schon seit, ja, 20 Jahren." Die Szene würde man ausnahmsweise gerne nochmal in der Version von Oliver Pocher sehen. Und nur herzenskalte Ignoranten sollten einwerfen, dass es beim Fußball halt so ist, dass ein Spiel erst mit dem Schlusspfiff zu Ende ist undsoweiter.
Der Satz ging dann übrigens noch weiter. Kahn öffnete die Augen wieder und sprach: "Aber wenn man so viel erlebt hat, wird man robust und es geht einfach weiter." Und am Ende gewinnt Bayern zum 14. Mal den DFB-Pokal, und Kahn ist alleiniger deutscher Rekordpokalsieger (6 Titel). Da steckt alles drin, was Kahn, 38, ist, sein möchte und was gerade bei und um ihn herum passiert.
Der Mann sucht den ihm zustehenden, also den größtmöglichen Abgang - und geschichtsbewusste Medienschaffende und Beteiligte tun pflichtbewusst alles, um jede Bewegung seines Berufsalltags zu einem emphatischen oder historischen Ereignis aufzuwerten, am besten beides. Weil es ja seine letzte sein könnte oder tatsächlich war. In diesem Zusammenhang sollte man auch den Schuss des Dortmunders Florian Kringe in der Verlängerung sehen (100.), einen der wenigen, die Kahn tatsächlich in diesem Spiel parieren musste. Er machte seinen Job. Eine Jahrhundertparade indes, wie manche hinterher taten, war das nun beileibe nicht.
Das 2:1 n.V. der Bayern gegen Borussia Dortmund war kein gutes Spiel. Wenn man ehrlich ist, wird selbst die emotionale Zuspitzung durch den späten Ausgleich von Petric (90.+2) relativiert durch die letztlich erwartbaren Fakten: Bayern gewinnt durch zwei Tore von Luca Toni (11., 103.). Auch dass Tonis erster Treffer durch einen Haken von Ribéry und über links vorbereitet wurde, ist nicht völlig überraschend. Letztlich wird damit die Einkaufspolitik von Manager Uli Hoeneß auch in einem Titelspiel bestätigt. Ein Spitzenspiel war es nicht, auch wenn sich die meisten Beteiligten redlich bemühten, eins daraus zu machen, speziell selbstverständlich der Dortmunder Trainer Thomas Doll.
Manchmal ist es fast wohltuend, dass es Franz Beckenbauer gibt. "Bayern hat gut begonnen, aber nach einer halben Stunde den Spielbetrieb eingestellt", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende der FC Bayern AG. Genau so war es. Er habe sich "über weite Strecken nicht vorstellen können, warum man das Spiel so aus der Hand gegeben hat". Genau das fragte man sich.
Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld sagt, das habe auch am Gegner gelegen. Letztlich darf man vermuten, dass es hauptsächlich Effizienzkalkulation war, die auf Geringschätzung der Dortmunder basierte. Der BVB agierte 30 Minuten wie ein verängstigter Drittligist, der einmal im Leben gegen die Bayern ran darf. Die Bayern planten daher offenbar ihren Gegnern auf dem Platz und an den Fernsehgeräten die Höchststrafe zu erteilen: Ein 1:0 mit Minimalaufwand und Minimalemotion; die kommenden Titelziele (Meisterschaft, Uefa-Pokal) bereits fest im Blick.
So fand Dortmund mit einfachen Mitteln (sechs Gelbe Karten, eine Gelb-Rote) einigermaßen ins Spiel, auch weil man die rechte Deckungsseite - und damit Ribéry - in der zweiten Hälfte in den Griff bekam, und speziell Dede und Kringe gute Aktionen hatten. Der zwischenzeitliche Ausgleich durch Petric entsprang allerdings einer nicht zu kalkulierenden Aneinanderreihung von Zufälligkeiten. Weil es beim Fußball stets zwei Sichtweisen gibt, fluchen die Dortmunder nun aber über Tonis Siegtreffer. Ein "Duseltor" sei es gewesen, sagte Mladen Petric, der offenbar eher nicht glaubt, dass Toni den Schuss des eingewechselten Podolski aus Genialität ablenkte.
Es war der 35. Pflichtspieltreffer des italienischen Mittelstürmers. Das ist kein Dusel, das sind Gerd-Müller-Dimensionen, von denen ja zumindest die Älteren in diesem Land nachhaltig geprägt sind. "Toni hat halt den ausgeprägten Instinkt", sagte Ottmar Hitzfeld. Toni ist zumindest in diesem Jahr der perfekte Einkauf, von dem Hoeneß sein Managerleben lang geträumt hat - und genau die Lebensversicherung, die Hitzfeld gesucht hat.
Thomas Doll, der Dortmunder Trainer, hat inzwischen "erhobenen Hauptes" Berlin verlassen. Die Spekulationen um seine vorzeitige Ablösung waren am vergangenen Samstag noch einmal intensiviert worden. "Keine Ahnung, woher das kam", sagte Doll und kritisierte "die heutige Medienlandschaft". Im Gegensatz zu anderswo sei das in Deutschland halt so. "Ich finde das respektlos, aber ich muss damit leben."
Ottmar Hitzfeld tut das auch. Bei ihm ist klar, dass sein Weg noch maximal acht Spiele beinhaltet, das erste davon ist das Uefa-Pokal-Halbfinale am kommenden Donnerstag gegen St. Petersburg. Alle Bayern machen den Eindruck, als gingen sie davon aus, dass das Triple geschafft wird. Ob die großen emotionalen Momente mit dem Sieg von Berlin bei ihm womöglich für immer vorbei seien, fragte man Oliver Kahn. "Ha", antwortete Kahn. Das glaube er nicht.
Falls einer nun denkt, Kahn solle über diese Saison hinaus sein Lebenswerk ausbauen? Ottmar Hitzfeld rät ab: "Kahn hört zum richtigen Zeitpunkt auf", sagt er. Bis es aber im Mai soweit ist, kommt noch einiges auf ihn zu. Und auf uns auch.
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