Frage: Herr Rangnick, für viele ist Fußball immer noch das einfachste und banalste Spiel der Welt. Ist es das wirklich?
Rangnick: Vielleicht empfindet es die Allgemeinheit aufgrund der recht simplen Regeln so. Vielleicht liegt diese These auch darin begründet, dass viele Menschen in Deutschland mit Fußball groß werden – in Sportvereinen oder auch in der Schule – und daraus ableiten, dass sie das Spiel en détail verstehen. Frage: Sie würden demnach sagen, die Fanperspektive ist eine ganz andere als die des Trainers?
Rangnick: Ja. Ich glaube jedenfalls nicht, dass der normale Fernsehzuschauer die ganze Komplexität eines Fußballspiels fassen kann. In Deutschland haben wir einen riesigen Nachholbedarf auf dem Gebiet der Taktiklehre. Deutsche Trainer – auch wenn Herberger seine kleinen Geheimnisse hatte – waren nie als große Taktik-Strategen bekannt. Die gewonnenen Weltmeisterschaften basieren auf Kampfkraft und dem individuellen Können der Spieler.
Frage: Wann begann man, diesen Nachholbedarf abzuarbeiten?
Rangnick: Als wir 1999 mit dem SSV Ulm aufgestiegen sind, gab es in beiden Bundesligen gerade mal eine Handvoll Mannschaften, die mit kompletter Raumdeckung und Viererkette spielten. Dabei waren andere Länder schon 1999 auf dem Stand, auf dem wir heute sind. In Italien, Spanien, England, Frankreich oder selbst der Schweiz hätte mein "Sportstudio"-Auftritt vor zehn Jahren jedenfalls nur ein gelangweiltes Gähnen verursacht.
Frage: Meinen Sie, dass die Veränderungen im Taktikbereich, die sich in den folgenden Jahren vollzogen, für ältere Trainer wie Erich Ribbeck, Werner Lorant oder Horst Köppel das Aus bedeuteten?
Rangnick: Nicht unbedingt. Otto Rehhagel ist für mich das beste Beispiel: Er hatte immer ein exzellentes Verhältnis zu seinen Spielern. Er ist vielleicht nicht der große Systematiker oder der Vordenker einer neuen Taktikschule, doch er hat ein ganz klares Bild, wie sein Spiel aussehen soll. Bei seinen Spielern hat man nie das Gefühl, dass sie nur den Spruch "Geht raus und spielt Fußball" mit auf den Weg bekommen, sondern dass sie einen richtigen Plan in der Tasche haben.
Frage: Auf welcher Position haben Sie als Aktiver gespielt?
Rangnick: Ich habe damals auf der "Sechs" gespielt, aber als Sonderbewacher der alten Schule. Mit aktivem Fußballspielen hatte das oft wenig zu tun. Der Trainer in mir spürte damals schon, dass es das nicht sein kann.
Frage: Gab es für Sie damals ein Trainer-Idol?
Rangnick: Es gab Vereine, für die ich mich sehr interessiert habe, Dynamo Kiew mit Valeri Lobanovsky etwa. Dann kam die Zeit von Arrigo Sacchi beim AC Milan. Ich habe mir fast jedes Spiel von Milan angeschaut. Aber ich habe nicht nur auf die großen Mannschaften geschaut. Als ich 1991 in Südtirol Urlaub machte, fand ich heraus, dass die Mannschaft von US Foggia, die gerade in die Serie A aufgestiegen war, ihr Trainingslager in einem nahe gelegenen Bergdorf abhielt. Foggia trainierte damals unter dem Tschechen Zdenek Zeman, der ebenfalls ein Vorreiter des Pressings und kompletter Raumdeckung auf dem Platz war. Ich bin jeden Nachmittag – sehr zum Leidwesen meiner Frau – in dieses Bergdorf hochgefahren, um mir die Trainingseinheiten anzuschauen.
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