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29.04.2008
 

Medikamente im Fußball

Wie die Flasche Bier auf dem Bau

Von Udo Ludwig und Michael Wulzinger

Voltaren oder Ibuprofen: Starke Schmerzmittel sind ein Renner unter Fußballprofis. Dabei besitzen die Pillen schwere Nebenwirkungen - der Fall Klasnic beweist es. Viele Profis greifen sogar ohne ärztliche Diagnose zur Tablette, und nur wenige wollen darüber sprechen.

Ivan Klasnic von Werder Bremen ist kein Einzelfall - Schmerzmittel, allen voran Voltaren, sind im Profifußball so weit verbreitet wie die Flasche Bier auf dem Bau.

Früherer Frankfurter Profi Jones (2007): "Vor jedem Training eine"
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DPA

Früherer Frankfurter Profi Jones (2007): "Vor jedem Training eine"

Das Medikament des Pharmariesen Novartis verheißt den Berufssportlern gleich einen doppelten Effekt: Einerseits lindern die Pillen sehr schnell auch starke Schmerzen, andererseits wirken sie entzündungshemmend - scheinbar die idealen Begleiter, um im zermürbenden Berufsalltag nicht vorzeitig schlapp zu machen.

Gravierende Nebenwirkungen wie Leber-, Nieren- oder Magenbeschwerden verdrängen die meisten Fußballer genauso wie den dringenden ärztlichen Rat, die Pillen nach spätestens acht Wochen abzusetzen. Dahinter steckt ein systembedingtes Kalkül: Wer im Kampf um Prämien und Positionen zu früh auf die Alarmsignale seines Körpers hört, droht schnell den Anschluss zu verlieren oder gilt als verweichlicht – ein Makel, den sich niemand nachsagen lassen möchte.

Nur wenige Profis wollen sich zu ihrem Voltaren-Konsum äußern. So bekannte der Mittelfeldspieler Jermaine Jones, heute bei Schalke 04 unter Vertrag, dass er in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt nach einem Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein monatelang Schmerztabletten geschluckt habe: "Vor jedem Training eine, an den Spieltagen zwei – und manchmal auch mehr."

Der Mannschaftsarzt eines Zweitligisten berichtete dem SPIEGEL, es sei gängige Praxis, dass Spieler über die Clubapotheke an die verschreibungspflichtigen Medikamente gelangen – ohne dass ihre Namen jemals erfasst werden.

Im italienischen Profifußball, das hat eine Untersuchung des Turiner Staatsanwalts Raffaele Guariniello im Oktober vorigen Jahres offenbart, gaben 80 Prozent der Spieler zu, sehr oft zu Schmerztabletten zu greifen.

Über die Dunkelziffer bei deutschen Clubs lässt sich nur spekulieren. "Die Vereine lassen sich nur widerwillig in die Karten gucken", sagt der Schmerzforscher Toni Graf-Baumann aus dem südbadischen Teningen, der Mitglied der Sportmedizinischen Kommission der Fifa ist.

Im spanischen und englischen Profifußball, wo die Auskunftbereitschaft der Vereinsärzte wesentlich ausgeprägter ist, bereitet Graf-Baumann mit der Deutschen Sporthochschule Köln derzeit eine umfangreiche Studie über den "Gebrauch und Missbrauch von Analgetika und nicht steroidalen Antirheumatika" vor – Branchenrennern wie den Mitteln Diclofenac, Ibuprofen oder Voltaren.

Graf-Baumann hatte die Protokolle der Dopingproben bei der Fußball-WM in Deutschland ausgewertet, auf denen die Kicker angeben mussten, welche Pillen, Spritzen und Salben ihnen in den letzten 72 Stunden verabreicht worden waren. Das Resultat habe ihn "mehr als stutzig gemacht", sagt er: "Darunter fanden sich ungeheure Mengen an Schmerzmitteln – und das ohne jegliche Form der Diagnostik."

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