Von Stefan Osterhaus
Kämpferisch hatte man ihn sich vorgestellt, wütend, vielleicht sogar polternd - in jedem Fall nicht um diplomatische Fußnoten besorgt. Dass "die Ärzte büßen" würden, das hatte Ivan Klasnic der Bremer Clubführung via Boulevardmedien ausrichten lassen. Doch dann saß Klasnic im Fernsehstudio, an seiner Seite seine Ehefrau Patricia, ihm gegenüber sein Bruder Josip, daneben der Moderator Reinhold Beckmann.
Der Fußballprofi des SV Werder Bremen wirkte beinahe schüchtern, jedes Wort schien er sich mehrfach zu überlegen: als sei er zu dieser Runde gedrängt worden. Klasnic ist nicht unbedingt ein Mann der freien Rede; er schien froh darüber zu sein, dass manchmal seine Ehefrau das Wort ergriff.
Gesprochen wurde ausführlich, beinahe 45 Minuten lang. Es gab viel zu erzählen. Es ist ja eine einzigartige Geschichte, die außer dem Motiv der wundersamen Wiederkehr eines Abgeschriebenen auch eine tragische, vielleicht sogar skandalöse Note birgt - sofern sich die Darstellung von Klasnic bewahrheitet.
Am Freitag hat der Mittelstürmer Klage gegen zwei Mannschaftsärzte eingereicht. Es geht um Schmerzensgeld und Schadensersatz, rund 1,5 Millionen Euro stehen in Rede. Der Vorwurf von Klasnic: Über Jahre hinweg seien schlechte Nierenwerte in Untersuchungen ignoriert worden. Die gravierende Verschlechterung des Zustands sei billigend in Kauf genommen und durch Schmerzmittel sehr wahrscheinlich noch beschleunigt worden.
"Es war der blanke Horror"
Erst im Zuge einer Blinddarmoperation kam Klasnic zufolge die Wahrheit ans Licht. Die Nierenfunktion betrug nur noch 28 Prozent. Klasnic wurde in zwei Versuchen eine neue Niere implantiert; zunächst stieß der Körper das von der Mutter gespendete Organ ab. Dann gelang ein zweiter Versuch, diesmal mit einer Niere des Vaters.
Es folgte sein Comeback im Bremer Sturm. Auf dem Rasen wirkt der Kroate inzwischen, als hätte es keine Pause gegeben.
Beckmann weitete die Runde aus, mit dem Anwalt Matthias Teichner und dem Mediziner Mario Thevis, Experte für präventive Dopingforschung. Teichner bekräftigte die Vorwürfe gegen die Bremer Clubärzte. Auch die Gegenseite kam zu Wort. Eingespielt wurden Manager Klaus Allofs und Mannschaftsarzt Götz Dimanski, außerdem ein Mediziner, der die Nebenwirkungen des verabreichten Medikaments in Fällen wie dem von Klasnic erläuterte. Das konnte den Zuschauer zu später Stunde leicht überfordern, hinterließ aber ein Gefühl: Der Fall Klasnic wird kompliziert.
"Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich eingeschritten"
Beckmann trug nicht unbedingt zur Entwirrung bei. Die Vernehmung des ehemaligen Radsportidols Jan Ullrich vor einem Jahr zählte zu den hellsten Stunden des TV-Talkers. Die Leistung von damals vermochte er nun nicht zu wiederholen - dafür kamen aber immerhin interessante Details zutage.
Nach einer halben Stunde wandelte sich das Gespräch zu einer Diskussion über Schmerzstiller im Fußball. Ob Frau Klasnic, eine gelernte medizinisch-technische Assistentin, von der Menge der Medikamente gewusst habe, will Beckmann wissen. "Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich eingeschritten", sagt sie.
Beckmann stellt nun die richtigen Fragen. Ob ein Athlet nicht auch selber für seinen Körper verantwortlich sei, will der Talkmaster wissen. Die Essenz einer sehr langen Antwort von Klasnic besagt, dass er jetzt schlauer sei als damals.
Dass das Wort Doping im Zusammenhang mit den Schmerzmitteln fällt, ist nicht deplaziert, sondern folgerichtig. Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Leistungssteigerung sollte nicht allein den Leuten von der Welt-Anti-Doping-Agentur überlassen werden.
Klasnic selbst gab dem Ganzen das richtige Aroma, als er auf die Frage Beckmanns, ob er das Mittel noch einnehme, antwortete: "Man kann jetzt sagen: Ich bin clean." Ein paar Fakten illustrierten, wie viele Schmerzensmänner in der Bundesliga wohl über den Rasen humpeln.
So blieb am Ende ein aufklärerischer Eindruck beim Zuschauer - der nur zu gerne mehr darüber wüsste, was hinter den Kulissen dieses Sports wirklich geschieht.
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