Von Cathrin Gilbert, Palma de Mallorca
Das Highlight für die Fans der deutschen Nationalmannschaft auf Mallorca ist der Mannschaftsbus. Auf dem 300.000 Euro teuren Gefährt zwinkern Michael Ballack und Per Mertesacker ihren Anhängern in Lebensgröße zu. Ein Phänomen, das die Fans in der ersten Vorbereitungswoche der DFB-Auswahl auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel nicht beobachten können.
Denn wenn die deutsche Nationalmannschaft ihr Luxus-Ressort verlässt, wird es ganz schnell einsam. Auf dem Weg vom noblen "Arabella Sheraton Son Vida", rund zehn Minuten vom berüchtigten Ballermann entfernt, zum Trainingsgelände, verstecken sich die Spieler wie Gespenster hinter den abgedunkelten Scheiben.
Von dieser unvergessenen Euphorie ist 18 Tage vor dem EM-Auftakt des WM-Dritten gegen Polen in Klagenfurt noch nichts zu spüren. Die Nationalmannschaft ist seit Montag zu Gast auf Mallorca – aber wirklich mitbekommen darf das hier keiner.
"Es ist zurzeit nicht geplant, dass wir das Training für Zuschauer öffnen. Aber wir überlegen, den Fans Autogramme zu geben", sagt Teammanager Oliver Bierhoff. "Unsere Aufgabe ist es nicht, die Fans beim Training zufriedenzustellen, sondern beim Turnier. Wir haben im Voraus gesagt, dass wir kein öffentliches Training machen werden. Wir brauchen das erstmal, um unsere Sicherheit zu finden", begründet Löw diese unpopuläre Maßnahme.
Kein Autogramm für Jürgen Drews Tochter
So müssen sich die Fans, die vor dem wie eine Festung abgeschotteten Teamhotel und Trainingsgelände ausharren, mit dem Konterfei der Nationalspieler auf dem neuen Teambus zufriedengeben. Autogramme gab es nämlich bislang nicht. Auch Schlagerkönig Jürgen Drews, der die DFB-Auswahl bei der Ankunft am Montag spontan vor dem Teamquartier empfing, musste auf eine Unterschrift verzichten. "Meine Tochter ist ein großer Schweinsteiger-Fan. Sie hätte gerne ein Autogramm von ihm gehabt. Aber das ist hier offenbar nicht möglich."
Nicht nur der selbsternannte "König von Mallorca" und die Fans vermissen während der Vorbereitungsphase die Souveränität, die der Alleinherrscher Klinsmann als Bundestrainer vor zwei Jahren mit seinem kalifornischen Lächeln vermittelte. Auch bei den Spielern ist von der gewünschten Entspannung trotz der Anwesenheit von insgesamt 17 Frauen und acht Kindern nicht viel zu spüren. Bierhoff ist trotzdem zufrieden: "Wir haben alle im Hotel zusammengesessen, mit den Frauen, mit den Kindern. Da hat sich bereits eine familiäre Atmosphäre gebildet, wie sie für ein solches Turnier wichtig ist."
Doch im Gegensatz zur Vorbereitung auf Sardinien vor zwei Jahren sorgt der auf 26 Profis aufgeblähte Kader zwangsläufig für Unruhe. Jermaine Jones, der wie Marko Marin oder Patrick Helmes noch um einen Platz unter den 23 EM-Spielern kämpft, hatte stellvertretend für alle Wackelkandidaten gesagt: "Ich werde alles dafür geben, die Trainer zu beeindrucken." Das gilt für die Trainingseinheiten am Morgen, genauso wie für die als Entspannung vorgesehenen Basketball- und Tennismatches am Nachmittag.
Verkrampfte Idylle
Dass die nächsten Tage auf Mallorca nicht nur nach außen eine verkrampfte Idylle werden, weiß auch Löw: "Keiner kann nachlassen und sagen: Ich bin ein bisschen angeschlagen, ich muss jetzt mal drei Tage pausieren. Keiner kann sich eine Auszeit erlauben." Am Ende zähle nicht die Qualität, sondern eine Art Momentaufnahme der Verfassung jedes einzelnen Spielers.
Vielleicht gelingt es Kapitän Michael Ballack, durch seine Erfahrung dem Phantom von Mallorca ein Gesicht zu verleihen. Er stößt erst vor dem Vorbereitungsspiel gegen Weißrussland am Montag in Kaiserslautern zur Mannschaft. "Michael hat die letzten beiden Jahre so viel dazugelernt, seine Qualitäten als Leader weiterentwickelt. Ich bin mir sicher, dass er die Mannschaft nach vorne pushen wird", sagt Oliver Bierhoff.
Bleibt nur zu hoffen, dass er sich beim Champions-League-Finale am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht verletzt und mit Chelsea gegen Manchester United den Titel holt.
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