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22.05.2008
 

Fit für die EM

Feintuning für Deutschlands Hightech-Kicker

Aus Palma de Mallorca berichtet Christian Gödecke

Matratzen mit Fernbedienung, Herzfrequenzen auf dem Laptop, Wackelplattformen, Atemgeräte: Mit Hightech bereitet sich die Nationalmannschaft auf die EM vor. Die Fitnesscoaches sind nicht nur Schleifer - sie wollen auch Philosophen im Trainingsanzug sein.

Die Wände in der Turnhalle sind mit weißen Vorhängen abgehängt, auf denen Plakate mit jubelnden Nationalspielern hängen. In der Mitte prangt der EM-Pokal. Die Trophäe ist hier überall präsent, im Fitnessraum des Stadions von Real Mallorca, so, als hätte der DFB Angst, seine Kicker könnten das Ziel aus den Augen verlieren.

An einer Säule sind sie zur Fahndung ausgeschrieben: "Gesucht: Ballermänner. Belohnung: der EM-Pokal." Gleich vorn bei den Hometrainern steht einsam ein Laptop mit dem Programm "Team-Manager, Version 2.2.0". Status: not connected.

Die Spieler sind noch nicht da, draußen hat die Laufbahn den Regen aufgesaugt, und drinnen steht Mark Verstegen und will zunächst über die Philosophie sprechen.

Verstegen, mit der Figur und Frisur eines Drillsergeants, ist der Chef des DFB-Fitnessteams, das aus US-Amerikanern und dem Deutschen Oliver Schmidtlein besteht. Seine "Philosophy" ist das Teamwork - und was er darunter versteht, ahnt man, wenn er für seine Arbeit das Bild einer Autoschmiede benutzt, die für das Veredeln ohnehin hochwertiger Modelle zuständig ist. "Wir bringen sie zu AMG und tunen die Spieler", sagt Verstegen, dann lächelt er.

"Function Movement Screen", "Sportboard", "Spiro Tiger"

Es werden noch viele solcher Vergleiche folgen. Einfache Slogans wie der, dass Fitness keine Spiele gewinnen könne, "aber fehlende Fitness verliert sie". Es ist die Sprache von Motivatoren und Psychologen. Bisweilen fragt man sich, ob diese Botschaften auch bei allen ankommen. Blickt man hinter einen der Vorhänge, entdeckt man Bierkisten.

Dann ist Schmidtlein dran, und er fragt seine Kollegen zunächst, ob er deutsch sprechen dürfe. Verstegen nickt, Chad Forsythe steht da mit gespreizten Beinen und den Händen auf dem Rücken.

Das Wichtigste sei natürlich das Training auf dem Platz, sagt Schmidtlein, und dann spricht er von einem "Function Movement Screen", einer Art Eingangstest, den die Spieler vor zwei Tagen absolvieren mussten. Auch der Deutsche kommt nicht ohne Englisch aus.

Schmidtlein geht zu einem Gerät, das aussieht wie eine Waage, dann zeigt er auf den Boden, auf dem Matten liegen. Das Training der Spieler beginne mit Übungen auf dem Boden, sagt Schmidtlein. Dann steigt er auf die Waage, die "Sportboard" heißt und schaltet sie ein.

Die Plattform beginnt hin und her zu schwingen, der Mann im Trainingsanzug breitet die Arme aus und steht dann auf einem Bein und wippt. Das mobilisiere die Becken- und Hüftgegend, erklärt Schmidtlein, dann steigt er herunter und öffnet einen Koffer, auf dem "Spiro Tiger" steht, ein Atemgerät. Die Waage schwingt weiter.

"Wir wollen einen Rennwagen, keinen Show-Wagen"

Dann ist Forsythe dran. Er hat seine Hab-Acht-Stellung verlassen, er steht jetzt locker da und hat eine viel weichere Stimme als erwartet. Forsythe ist der Mann für die Energie, er soll für Effizienz sorgen und dafür, dass die Spieler sich richtig bewegen. "Die Bewegungen sind das Wichtigste", sagt Forsythe. Auf dem Platz gebe es Ausdauer- und explosive Phasen, "und wir sorgen für die Effizienz der Bewegungen".

Die aufgewendete Energie soll bestmöglich umgesetzt werden, das ist die Theorie. Der DFB-Kicker als Energiesparmodell. Verstegen sagt, große Muskeln seien nicht das Ziel, "wir wollen einen Rennwagen, keinen Show-Wagen". Kraft pro Kilo, Mercedes statt Porsche. Das freut auch den Sponsor.

An diesem Tag im Fitness-Tempel bekommt man einen guten Eindruck, was mit ganzheitlicher Betreuung gemeint ist.

Jeder medizinische Wert der Spieler ist erfasst, es gibt Ernährungspläne, Herzfrequenzbänder senden während des Trainings pausenlos Daten drahtlos auf Laptops. Den Zufall kann man nicht ins Abseits stellen oder abgrätschen, man muss ihn mit Hightech ausschalten. In der Kabine werden die wertvollen Kickerbeine in kaltes Wasser gestellt, das Auslaufen hat man abgeschafft. "Keine guten Bewegungsmuster", sagt Schmidtlein. Dann kommt die Matratze.

Schlecht gelaunte Spieler sind "auch schlecht für uns"

Regeneration sei wichtig, erklärt der deutsche Physio, der ab der kommenden Saison wieder unter Jürgen Klinsmann bei Bayern München arbeiten wird. "Und der Schlaf ist das Wichtigste für die Regeneration." Damit der Schlaf keinen Ärger macht, hat man auch ihn unter Kontrolle.

Der Reißverschluss der Matratze ist geöffnet, das Innenleben hat mit Federn oder Schaumstoff nicht mehr viel zu tun. Es ist eine individuell einstellbare Matratze, weich oder hart, wie es die Spieler eben wollen, sagt Schmidtlein. Und wie? Schmidtlein hält eine Fernbedienung hoch, dann sagt er noch, dass schlecht gelaunte Spieler "auch schlecht für uns sind".

Die Führung ist vorbei. Verstegen, Forsythe und Schmidtlein haben sich wieder nebeneinander aufgestellt, und Schmidtlein weist darauf hin, dass man nur die bestmöglichen Voraussetzungen für den Erfolg schaffen könne. "Wir vertrauen dann auf die richtige Taktik und das Glück."

Das Glück ist wohl das einzige, was man nicht kontrollieren kann.

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