Aus Palma de Mallorca berichtet Christian Gödecke
Bisher war nicht bekannt, dass es Miroslav Klose zweimal gibt. Die Bayern hatten vor einem Jahr nur einen Klose verpflichtet, Uli Hoeneß könnte das anhand von Überweisungsbelegen ganz sicher bestätigen. Und auch Joachim Löw würde unter Eid aussagen, dass er nur einen kenne. Den Klose nämlich, der viele Tore schießt, aber nicht im Verdacht steht, ein Humorist zu sein. Der introvertiert ist und bei dem man manchmal fürchten muss, dass er jeden Moment in Lethargie verfällt.
Aber wer ist dann dieser Mann, der dort unter dem großen Sonnenschirm sitzt? An seinem Stuhl klebt ein Zettel, auf dem ganz groß "Miroslav Klose" steht. Der Mann mit dem weißen Shirt und der schwarzen Hose ist überhaupt nicht in sich gekehrt. Er lächelt, er schaut nicht oft auf den Boden. Und er scherzt, ohne dass es gleich Galgenhumor ist.
"Der Bundestrainer hat gesagt, Ihnen tue die Luftveränderung gut. Empfinden Sie das auch so?"
"Ja, das Wetter war ja bisher schön."
Eigentlich war ein anderer Klimawechsel gemeint. Die Pause von den Bayern, bei denen Klose zwar wegen der gewonnenen Titeln erfolgreich war, aber persönlich enttäuscht, von sich. Nur zehn Tore, dafür ein Nasenbeinbruch und viele Spiele trotz fehlender Fitness. "Ich war körperlich nicht so fit, wie ich es hätte sein müssen, um alle drei Tage auf hohem Niveau zu spielen. Ich war oft angeschlagen und habe trotzdem versucht zu spielen. Aber das hat die Vergangenheit schon mehrfach gezeigt, dass ich mir damit keinen Gefallen tue", sagt Klose.
Man merkt in diesen Momenten, wie sehr er die Rückkehr zur Nationalmannschaft genießt, das Training auf den Punkt, die Regeneration - und "den Zusammenhalt", den Klose so lobt. "Viele Spieler treffen sich abends im Hotel – das war auch so, als unsere Frauen noch hier waren. Die Frauen haben in der einen Ecke gesessen, und wir Spieler waren zusammen. Daran merkt man, dass wir eine Einheit sind."
Es ist manchmal schon verwunderlich, was diese Nationalmannschaft mit den Spielern macht. Die kommen aus ihren Vereinen zur Vorbereitung, manche mit Titeln, andere mit Tränen oder angeschlagen, die meisten erschöpft. Und plötzlich, nach ein paar Tagen, sieht man sie lachend über den Platz laufen - oder entspannt auf einem Stuhl sitzen und scherzen.
Nächstes Beispiel: "Müssen Sie auch um Ihren Platz als Führungsspieler im Sturm fürchten?"
"Glauben Sie das?"
"Nein."
"Dann sind wir uns ja einig."
Einige Wegbegleiter, die Klose schon lange kennen, nehmen solche Sätze als Beleg dafür, dass es eine gute EM werden wird für den Stürmer. Er ist voller Selbstvertrauen, auch das fehlte ihm neben der Fitness in der Rückrunde beim FC Bayern öfter. "Die Rückrunde war ganz schlecht. Das war absolut nicht auf meinem Niveau", sagt er. Für die EM hat er mit seinem Vereinskollegen Luca Toni eine Wette abgeschlossen, dass er mehr Tore schießt. "Es wird langsam wieder Zeit, das zu zeigen, was ich kann. Die Hauptsache ist, dass ich mit mir selbst klar komme." Wie er das sagt, klingt es so, als müsse sich der Italiener Sorgen machen.
Andere sind optimistisch, weil sie auf die Vergangenheit und Parallelen verweisen. Joachim Löw zum Beispiel, der sagt, dass Klose noch "viel aufholen" müsse. Wie vor der WM 2006, als er nach einer kräftezehrenden - und mit 25 Toren überragenden - Saison mit Werder Bremen dank der gezielten Vorbereitung im Turnier so fit war, als habe er erst eine Handvoll Spiele absolviert. Zur Belohnung wurde er mit fünf Treffern WM-Torschützenkönig.
Vor zwei Jahren sagte Klose, er sei nach Verletzungen immer stärker zurückgekommen. Da hatte er zwei Metallplatten im Gesicht von einem Jochbeinbruch. Der Nasenbeinbruch mit anschließender Operation liegt noch gar nicht so lange zurück. Wenn man so will, ist auch das eine Parallele. Angst vor Zweikämpfen habe er jedenfalls nicht mehr, sagt der 30-Jährige. Er meint die auf dem Platz.
Auch neben dem Spielfeld muss er keine Konkurrenz fürchten. Der Bayern-Profi gilt als gesetzt, Christoph Metzelder nennt Klose ungefragt einen Führungsspieler, der Bundestrainer attestiert ihm immer wieder Weltklasse. Bei den beiden Siegen 2008 in Österreich (3:0) und der Schweiz (4:0) traf er je einmal, 38 Tore hat er insgesamt erzielt in 74 Länderspielen, das bedeutet Platz sieben in der ewigen Torschützenliste des Verbandes. Vor ihm liegen nur noch Uwe Seeler, Karl-Heinz Rummenigge, Jürgen Klinsmann, Rudi Völler, Joachim Streich und Gerd Müller. Legenden.
Miroslav Klose wird noch eine weitere Wette abschließen, auf Mallorca. Mit sich selbst. Er wird sich ein Ziel setzen, wie viele Tore er schießen will bei der EM, verraten wird die Zahl aber nicht. "Das ist intern", sagt Klose. "Bei der WM wollte ich mindestens fünf Tore machen, weil ich vier Jahre zuvor auch fünf Tore geschossen habe. Aber ich kann jetzt nicht die letzte EM als Maßstab nehmen – da habe ich ja gar nicht getroffen." Es wäre eine Parallele, die selbst diesem anderen Klose die gute Laune verderben würde.
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