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28.05.2008
 

Unentschieden gegen Weißrussland

Schockstart für Löws EM-Elite

Von Christian Gödecke, Kaiserslautern

Deutschland schafft gegen Weißrussland nur ein 2:2 - und ausgerechnet die EM-Wackelkandidaten in Löws Team überzeugten. Im Gegensatz zu den Erfahrenen Metzelder und Lehmann. Die Entscheidung über den endgültigen Kader, die bis zum Mittag fallen soll, wird schwierig.

Es kursiert ein ominöses Drehbuch beim DFB, verfasst von den Autoren Joachim Löw und seinen Helfern. Es ist der Weg zum EM-Titel, der dort auf ein paar Seiten skizziert wurde, ein perfekt ausgearbeiteter Vorbereitungsplan, ließ Assistent Hans Flick vor einigen Tagen wissen und verkündete: "Wir haben seit Januar an unserem Drehbuch gearbeitet." Danach witzelte er sogar herum, dass man zum Beispiel schon genau wisse, was am 6. Juni alles passieren wird. (Einem Tag, an dem laut EM-Agenda eigentlich gar nichts passieren wird.)

Das Problem ist, dass sich manche Darsteller nicht immer an ihre Rollen im Drehbuch halten. So zu bestaunen am gestrigen Dienstagabend in Kaiserslautern, im Spiel gegen Weißrussland.

In der 25. Minute des Spiels gegen Weißrussland setzt Wjatscheslaw Hleb zu einem Schuss an, der kein harter wird, aber ein plazierter. Der Ball bewegt sich direkt auf Jens Lehmann zu, der gleich die Hände heben wird, um ihn zu fangen. Doch der Ball flattert, und dann entgleitet er den Handschuhen des Torhüters. Das sieht nicht sonderlich glücklich aus, und Lehmann wirkt in diesem Moment wie ein Hobbykoch, dem eine zu heiße Kartoffel auf den Boden fällt.

Eine Minute später läuft eben jener Wjatscheslaw Hleb, der weniger prominente Bruder des weißrussischen Kapitäns und Arsenal-Profis Aljaksandr, auf Verteidiger Christoph Metzelder zu. Hleb dreht sich und ist nach dieser einfachen Bewegung plötzlich an seinem Gegenspieler vorbei. Metzelder eilt hinterher und wirkt doch langsam dabei. Danach wird ihm Hleb noch einmal davonlaufen, und den Ausgleich zum Unentschieden kurz vor Schluss wird der Profi von Real Madrid ebenfalls mitverschulden.

"Zu viele Freiräume, Fehler in der Organisation"

Joachim Löw sitzt nach dem Spiel im Presseraum des Fritz-Walter-Stadions. Er hat nicht viel Zeit, der Flug zurück nach Mallorca geht noch an diesem Abend. Der Bundestrainer lächelt, und man hat nicht den Eindruck, als sei er sonderlich erstaunt über die Fehler von Lehmann und Metzelder. Oder das Ergebnis.

"Es gab zu viele Freiräume, Fehler in der Organisation, aber auch im Spiel nach vorn", sagt Löw zwar. Aber das habe man in dieser Phase "auch nicht anders erwarten können". Einer Phase, da die Mannschaft Kondition trainiert für ein langes Turnier und erst wenige Tage mit dem Ball gearbeitet hat.

Trotzdem: Lehmann, 38, und Metzelder, 27, waren als Hauptdarsteller im DFB-Drehbuch vorgesehen. Und für den 27. Mai, 18 Uhr, standen keine persönlichen Fehlleistungen der beiden gegen Weißrussland in der Regieanweisung.

Stattdessen schleicht sich ein altes Thema in die Handlung zurück, das nur eine untergeordnete Rolle spielen sollte. Es ist die Frage, wie wichtig Spielpraxis ist und ob fehlende Spielpraxis durch einen eher abstrakten Wert kompensiert werden kann: Erfahrung.

Lehmann hatte es bisher stets geschafft, sein Bankdasein bei Arsenal durch gute Leistungen in der Nationalmannschaft vergessen zu machen. Gegen die Weißrussen parierte er erst gegen Hleb, er faustete hier und hielt da mitunter glanzvoll. Aber dann waren da eben auch die Momente, die Kopfschütteln verursachten.

Der fallen gelassene Ball von Hleb. Das späte Herauslaufen vor dem 1:2. Das haltbare 2:2, beide erzielt durch Witali Bulyga.

"Ich bin ja an jedem Treffer mit schuld"

Wären diese Fehler auch einem Keeper passiert, der regelmäßige Clubeinsätze hatte? "Ich bin ja an jedem Treffer mit schuld", sagt Lehmann später in der Mixed Zone sarkastisch. "Das ist wohl das Los als Torwart." Hlebs Ball sei extrem schwierig gewesen, "ich wollte ihn festhalten, aber er hat wieder so geflattert".

Muss sich Lehmann nun kurz vor dem Turnier Sorgen um seinen Stammplatz machen? ARD-Moderatorin Monica Lierhaus fragte, ob er nach diesem Spiel nun für die EM gesetzt ist. Der Bundestrainer sagte darauf, er spüre, "dass Jens die Praxis noch braucht". Aber der Keeper werde am kommenden Samstag gegen Serbien (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Tor stehen.

Wird Lehmanns Part im Drehbuch womöglich umgeschrieben? Noch ist der Leverkusener René Adler am Becken verletzt.

Und die Wackelkandidaten im EM-Kader? Marko Marin kam zur zweiten Hälfte, dieses kleine Wunderkind aus Mönchengladbach. Und man erwartete nach dem Hype der vergangenen Woche, dass Marin mindestens fünf Weißrussen ausspielen würde, bevor er sich den Ball mit der Hacke selbst vorlegt, um ihn dann mit dem Hinterkopf zu verwandeln. Doch der 19-Jährige zauberte nicht, er arbeitete erst brav und holte dann einen Freistoß heraus. Immerhin gegen drei Weißrussen. Ansonsten kümmerte er sich fleißig um das Stehlen von Bällen und spielte einen tollen Pass auf Neuville.

Die Entscheidung fällt bis zum Mittag

Wie Marin fiel auch keiner der anderen Wackelkandidaten wirklich negativ auf. Jermaine Jones verursachte zwar das 1:2 durch einen Ballverlust vor dem eigenen Strafraum. Doch der Schalker machte diesen Patzer auf der Ballack-Position durch einen guten Pass, einen Gewaltschuss aus 25 Metern und eine Chance im Strafraum wett.

Piotr Trochowski, bisher sicherster Kandidat für die Heimreise, überzeugte sogar durchgehend. In seinen 23 Minuten Einsatzzeit sammelte er einen guten Freistoß, einen plazierten Schuss aus 22 Metern und einen Flankenlauf, der auch zu einem Treffer durch Oliver Neuville oder Patrick Helmes hätte führen können.

Bleibt David Odonkor. Der Mann aus Sevilla wirkte gegen die schnellen Weißrussen nicht mehr wie ein 100-Meter-Weltrekordler, aber seine Flanken sind seit der WM 2006 präziser geworden. Eine landete bei Schweinsteiger, eine andere auf dem Fuß von Wladimir Korytko, der den Ball ins eigene Tor beförderte. Ein glücklicher, aber zählbarer Beitrag Odonkors, dessen Freude über die Vorlage erahnen ließ, welchen Druck das Auswahlverfahren auf die Kandidaten ausübt.

Ob Odonkor, Helmes, Neuville, Jones, Marin, Trochowksi oder doch der nach einer Grippe wieder genesene Tim Borowski am heutigen Mittwoch aus dem vorläufigen Kader gestrichen werden - es steht noch nicht fest, versicherte Löw glaubhaft. Die Auftritte der eingesetzten Kandidaten haben ihm die Wahl jedenfalls nicht leichter gemacht.

Die Entscheidung wollen die Trainer am heutigen Mittwochmittag verkünden. Dann werden die Fehler von Jens Lehmann und Christoph Metzelder keine Rolle mehr spielen. Das Drehbuch sieht für die zwei in dieser Zeit Training vor, danach Mittagessen.

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