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29.05.2008
 

Ausgemusterter Marin

Kleiner Drache, bald groß

Aus Palma de Mallorca berichtet Jörg Kramer

"Er ist zerstört, total kaputt" - für Marko Marin ist nach dem vorzeitigen EM-Aus eine Welt zusammengebrochen. Bundestrainer Löw misstraute am Ende seiner eigenen Idee, einen modernen Abenteurer im Mittelfeld spielen zu lassen.

Mit seiner steil gezackten Gelfrisur und seinen kurzen Beinen erinnerte er immer an den Zeichentrickhelden Grisu, wenn er in der aufregendsten Woche seines Sportlerlebens auf die Trainingsplätze von Palma oder Homburg lief – Grisu, der kleine Drache, der zum Entsetzen seiner Familie ausgerechnet Feuerwehrmann werden wollte.

Marko Marin, das niedliche Leichtgewicht, das aus dem Nichts für eine Woche ins Rampenlicht trat wie der gedachte Held eines Kinderfilms, will unbedingt Fußballstar werden - dabei ist der eher schmächtige Mittelfeldspieler mit seinen 1,68 Meter ein scheinbarer Anachronismus in Zeiten, da sich getunte Muskelprotze auf vorausberechneten Laufwegen im Pressing zu Leibe rücken, von den teuersten Fitnesstrainern getrimmt und über Hightech-Pulsuhren im Computer gescreent. Er hat es immerhin vorübergehend in die Nationalmannschaft geschafft.

Gegen 11.20 Uhr am vergangenen Mittwochmorgen ist für den jugendlichen Dribbler, im bosnischen Gradiska geboren und in Frankfurt-Höchst aufgewachsen, die Welt zusammengebrochen, als ihn Joachim Löw aus dem vorläufigen EM-Kader aussortierte und vom Trainingslager auf Mallorca nach Hause schickte. "Er ist total zerstört, total kaputt", sagte Vater Ranko.

Marins Berater Miroslav Stevic, der frühere Bundesligaprofi, wollte eine kleine Ungerechtigkeit in Löws Casting-Programm entdeckt haben: Am Vorspiel-Abend in Kaiserslautern habe sich das intensive Kraft- und Konditionstraining der Tage von Mallorca beim Kleinsten und Jüngsten besonders nachteilig ausgewirkt: "Gerade für seine Spielweise braucht er Frische." Mit seinen unbekümmerten Dribblings, meint Stevic, verkörpere Marko den "Fußballer der Zukunft".

Zu genau diesem frechen Soli hatte ihn der Bundestrainer mit seinen Elogen ermuntern wollen, mit vorauseilendem Beifall, der von vielen Beobachtern schon als endgültige Einladung zum EM-Turnier fehlinterpretiert wurde. Am Ende misstraute Löw seiner eigenen Idee, sich dem Fußball der Zukunft mit einem Spielertyp aus der Vergangenheit anzunähern.

Marin, der 19-Jährige vom Bundesliga-Aufsteiger Borussia Mönchengladbach, ist ein Individualist und Draufgänger wie früher Garrincha oder Libuda, Fußballästheten wie der argentinische Trainer Cesar Luis Menotti nennen solche Künstler die "Abenteurer". Sie stoßen in Lücken, die zunächst nur in ihrer eigenen Phantasie existieren, bevor sie sie mit ihren Dribblings in die gegnerische Abwehr hineinzaubern, nach heutigen Maßstäben sind sie Anarchisten. Spieler wie Barcelona-Star Lionel Messi oder eben Marin sind aufgefordert, bei eigenem Ballbesitz alle Gesetze des Systemfußballs zu brechen, ihre Unberechenbarkeit ist Teil des Plans. Marin mache "Dinge, die in keinem Lehrbuch" stehen, sagt Gladbachs Jugendtrainer Uli Sude.

In Zeiten, da alle Kampfhandlungen eines Spiels digital entschlüsselt werden, Spielzüge durch Wärmesensoren aufgezeichnet und alle Bewegungen durchleuchtet, liefern nur die Abenteurer die Überraschung. Wenn die Mannschaften einander mit kollektiver Athletik die Räume zur Entfaltung verstellen und sich gegenseitig neutralisieren, rufen die Marins dieser Welt tote Spiele ins Leben zurück.

Nun hat aber die Durchsetzungskraft nicht gereicht. Marin müsse körperlich zulegen, fand Löw, der Weg aus der 2. Liga in ein EM-Turnier wäre einen "kleinen Sprung zu groß" gewesen. Die Sehnsucht nach dem Solokünstler, nach dem Libuda der Moderne, bleibt im deutschen Fußball einstweilen unerfüllt. Noch vor eineinhalb Jahren hatte Löw in Jan Schlaudraff so einen Lieblings-Anarcho gesehen, bis der nach Bandscheibenoperation und Bayern-Ersatzbank nicht mehr auf die Beine kam.

Marin musste nun hören, was er schon als 16-Jähriger bei Eintracht Frankfurt zu hören bekam. Dass er zu schmächtig sei und in den Kraftraum müsse. Eben doch noch ein kleiner Drache, der partout Feuer löschen will.

In der Zeichentrickserie kann Grisu seine wahre Natur nicht verleugnen und setzt immer wieder versehentlich seine Umgebung in Brand. Beim Casting gegen Weißrussland schlug Marko Marin phasenweise ein paar Sicherheitspässe aus Respekt vor seinem bulligen Gegenspieler, wie es seiner Natur als Neuling und Leichtgewicht entspricht, und manchmal Fehlpässe. Umjubelt vom sensationslüsternen Publikum in Kaiserslautern eroberte er dann aber fünfmal unverdrossen im Zweikampf den Ball und gewann neuen Mut, genügt hat es nicht.

Warum hatten Löw und sein Scouting-Team die vermeintlichen Defizite übersehen, den kleinen großen Sprung aus Liga zwei unterschätzt, warum haben sie ihm die Enttäuschung nicht erspart?

Offenbar hat die Verlockung, einem anderen Trend des modernen Fußballs gerecht zu werden, den Blick für die selbstgestellten Anforderungen vernebelt. Auftritte der Nationalelf sind heute immer auch ein Event, ein Team-Aufgebot muss bereits eine Inszenierung sein. Löw-Assistent Hans-Dieter Flick räumte auf Mallorca ein: Bei der Nominierungs-Show auf der Zugspitze habe man einen Coup bieten wollen. Wenn schon so ein Aufwand, dann musste auch ein Knalleffekt her.

So haben die Trainer eines der 26 Trikots, die Kinder auf der Zugspitze präsentierten, nicht wie die anderen beim DFB zum Beflocken mit dem dazugehörigen Spielernamen in Auftrag gegeben. Dieses eine Shirt mit dem Aufdruck "Marin" hat Flick in seinem eigenen Sportgeschäft bei Heidelberg vorsichtshalber selbst herstellen lassen – so blieb der Plan fast bis zuletzt geheim.

Das kurze Gastspiel hat den Zweck erfüllt: Das Publikum staunte. Marin, der lebenslustige Junge mit den wachen Augen und dem spitzen Kinn, der im Interview jeder Frage entgegenlachte, hat er das Image des DFB belebt. Wie die anderen Ausgebooteten Patrick Helmes und Jermaine Jones hat er auch den Konkurrenzkampf im Training geschürt und damit das Niveau der EM-Vorbereitung verbessert, sagt Löw. Nun hat der Sohn eines Maschinenbautechnikers und einer Krankenschwester, die 1991 gemäß Anwerbevertrag mit Jugoslawien wegen des hiesigen Notstands im Pflegebereich nach Deutschland gelockt wurde, seine Schuldigkeit für die Fußballnation getan. Denen, die dabei waren, hat er großen Spaß gemacht.

Und jeder, der bei den Übungen hingeschaut hat, muss ehrlich zugeben: Der Kleine hat toll gelöscht.

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