Eins steht fest: Mit seinen sportlichen Leistungen während der vergangenen Saison hat Jens Lehmann (38) die erste Torwartposition in der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft definitiv nicht verdient. Das Jahr begann für den Torwart mit zwei Patzern in der Premier League, die er selbst als "Anfängerfehler" bezeichnete und plätscherte mit einer katastrophalen Leistung im Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft gegen Österreich im Februar dahin. In den insgesamt nur 21 Einsätzen für Arsenal und den DFB hatte Lehmann entweder mit seinem verletzten rechten Ellbogen, oder mit dem unbedingten Willen, es allen beweisen zu müssen, zu kämpfen. Er scheiterte an beidem. Trotzdem ist die Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw, bei der Europameisterschaft auf Jens Lehmann als unangefochtene Nummer 1 zu vertrauen, richtig. Denn Lehmann hat sowohl seinen beiden Kollegen im EM-Kader, Robert Enke und René Adler, als auch allen anderen deutschen Hoffnungen im Tor eine ganz entscheidende Eigenschaft voraus. Er lebt den unbedingten Siegeswillen. Ob im Trainings-Kick oder in der Verlängerung eines Weltmeisterschaftsspiels, mit seinem autoritären Auftreten reißt er die gesamte Mannschaft mit.
Aliaksandr Hleb, sein Mitspieler vom FC Arsenal, beschreibt die größte Stärke Lehmanns so: "Wenn Jens das Gefühl hat, die Mannschaft schläft ein, dann schreit er uns so zusammen, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als zu laufen."
Es hat lange gedauert, aber durch diesen Charakterzug hat Lehmann es geschafft, sich den Respekt seiner Nationalmannschaftskollegen zu erkämpfen. Mit dem uneingeschränkten Vertrauen von Kapitän Michael Ballack, dessen Stimme beim DFB längst genauso viel zählt wie die von Bundestrainer Joachim Löw, hat er den entscheidenden Befürworter auf seiner Seite. Lehmanns Stimme hat Gewicht. Zusammen mit Ballack, Torsten Frings und Miroslav Klose bildet Lehmann die Achse der Erfahrenen im Team, an der sich die jungen Spieler orientieren sollen.
Neben seiner Rolle im Gefüge der Nationalmannschaft hat Lehmann noch einen anderen entscheidenden Vorteil: Er ist ein Typ, von dessen Sorte es heute viel zu wenige gibt, mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. Diese mag zuweilen arrogant oder egoman wirken, macht ihn aber zum Ausnahmespieler, der den ersten Rang bei der Europameisterschaft verdient hat. Neben zig Unkonzentriertheiten gelingen ihm in den entscheidenden Momenten Geniestreiche, wie beim Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale gegen Argentinien.
Lehmann weiß, dass er diese Ausnahmeleistungen nur unter größtem Druck abrufen kann und versucht, diesen durch gezielte Aussagen zu erhöhen. Kaum vorstellbar, dass Lehmann die Gründe für seine Patzer beim Testspiel gegen Weißrussland tatsächlich beim Flatterball sucht. Was für Oliver Kahn wie eine lächerliche Ausrede klingen muss, bediente nur ein Ziel: Lehmann wollte den Druck der Öffentlichkeit auf seine Person erhöhen. Das hat er geschafft. Er liebt diese Psycho-Spielchen.
Sollte Lehmann bis zum EM-Auftaktspiel gegen Polen in neun Tagen 100-prozentig fit sein, wird er den Gegnern, wie bei der WM 2006, mit seinem selbstbewussten Auftreten im Strafraum Angst einjagen und der deutschen Abwehr die nötige Sicherheit zurückgeben.
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