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07.06.2008
 

EM-Gastgeber Schweiz

Vom Whirlpool ins Stahlbad

Von Christoph Höhtker, Genf

Bloß keine Kritik: Vor dem Start in die Europameisterschaft übertreffen sich die Medien in der Schweiz darin, die eigene Mannschaft ins beste Licht zu rücken. Dabei sind Zweifel an der "Nati" angebracht, nur die letzten beiden Tests konnten gewonnen werden.

Im Tal breitet sich majestätisch der Zürichsee aus, über sanft geschwungene Hügel geht der Blick weit ins Schweizer Mittelland - wenn das Schweizer Fernsehen allabendlich auf der Terrasse des eidgenössischen Mannschaftsquartiers zum EM-Interview bittet, bietet sich im Hintergrund ein Bild vollendeter landschaftlicher Harmonie.

Ob beabsichtigt oder nicht, ganz im Stil der idyllischen Ferienkulisse gestaltet sich auch die Berichterstattung, mit der das Alpenvolk auf das große Turnier eingestimmt wird. Wohlfühlen ist angesagt, Kontroverses nicht, beziehungsweise nicht mehr. Es herrscht medialer Burgfrieden beim EM-Ausrichter, Herumnörgeln an der "Nati" erscheint vor der Eröffnungspartie am Samstag gegen Tschechien (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht mehr opportun.

Während man noch im März, nach dem 0:4 gegen Deutschland, alles und jeden, besonders aber Übungsleiter Jakob "Köbi" Kuhn infrage stellte, hat man mittlerweile auf einfühlsame Interviews und seichte Homestorys umgeschaltet. Mittelfeldspieler Gökhan Inler beispielsweise, so war zu erfahren, wollte als Halbwüchsiger nicht Fußballprofi, sondern Zahntechniker werden. Ausführlich kam auch Familie Barnetta zu Wort, die in Heimarbeit für den in Leverkusen unter Vertrag stehenden Sprössling Tranquillo den Verkauf von Fanartikeln und Devotionalien organisiert.

Probleme im täglichen EM-Einerlei tauchen höchstens noch in Form nicht ganz ausgeheilter Wehwehchen auf: Bange fragt man etwa nach Barnettas Knöchel, nach der Fitness verdienter Rekonvaleszenten wie Patrick Müller (Olympique Lyon). Irritationen erregte zudem die Rücktrittsankündigung des Stürmers Marco Streller. Der sensible Ex-Stuttgarter, beim VfB allerdings eher durch recht unsensible Ballbehandlung aufgefallen, fühlt sich von den eigenen Fans nicht ausreichend geliebt und spielte deshalb mit Rücktrittsgedanken. Für ehrliche Bestürzung sorgten hingegen Meldungen über ernste gesundheitliche Probleme der Trainergattin Alice Kuhn.

Insgesamt aber kann nichts mehr die plötzlich positive Stimmung rund um das Team des Turnierausrichters trüben. Die Medien haben, wie die "Neue Zürcher Zeitung" erleichtert feststellte, den "Wohlfühl-Schalter betätigt": Das Land, zumindest seine Journalisten, ist hinter den Männern in rot-weiß vereint. Und mancher Berichterstatter mag sogar insgeheim phantasieren, dass im Mannschaftshotel in Feisisberg, in jener luxuriösen Anlage mit angeschlossener Wellness-Oase, der Weg der Nati in ein eidgenössisches Fußballmärchen beginnt: Vom Whirlpool durchs EM-Stahlbad direkt ins Meer der Freudentränen.

Der auffällige Stimmungsumschwung in der Schweizer Medienlandschaft ist dabei keineswegs nur konstruiert, sondern durch nüchterne Resultate begründet: Immerhin konnte die Nati - nach vier kläglichen Testspielniederlagen in Folge - zuletzt die Slowakei (2:0) und Liechtenstein (3:0) halbwegs unfallfrei in die Schranken weisen. Mit zwei Treffern machte sich zudem Dortmunds Alexander Frei zum alleinigen Rekordtorschützen - und tankte so als Kuhns unumstrittener Chef im Angriff zusätzliches Selbstvertrauen.

Andererseits offenbarte speziell die Partie gegen Liechtenstein einmal mehr bestehende Defizite. Die Feierabendkicker aus dem benachbarten Steuerparadies wehrten sich störrisch gegen die ihnen zugedachte Rolle und zeigten keinerlei Neigung, sich von den Eidgenossen deklassieren zu lassen. Im Gegenteil: Mit beherzten Attacken bereiteten sie der behäbigen Abwehr um den beim FC Arsenal tätigen Phillipe Senderos streckenweise erhebliche Probleme.

Die erhoffte Schweizer Dominanz stellte sich nur sporadisch ein, das Offensivspiel blieb ideenlos. Bezeichnenderweise war es vor allem der zum Co-Kommentator des Schweizer Fernsehens degradierte frühere Freiburger Trainer Volker Finke, der immer wieder genüsslich auf grundlegende spielerische Probleme hinwies. Doch um diese zu beheben, das wussten seine Schweizer Kollegen genau, hat man weder Zeit noch Spieler noch den passenden Trainer.

Also beschränkte man sich darauf, die spärlichen Positivaspekte des Abends - Alex Frei, keine neuen Verletzten, Alex Frei - zu feiern, und ansonsten Milde walten zu lassen. Auf die Frage, wie denn mit einer solchen Leistung Auftaktgegner Tschechien zu beeindrucken sei, fand niemand eine Antwort - hauptsächlich deswegen, weil sie gar nicht erst gestellt wurde.

Überhaupt hält sich das Interesse am Team des frischgebackenen Zweitligaakteurs Jan Koller in Grenzen. Hier ein artiger Kurzbericht über den baumlangen Nürnberger (Boulevardblatt "Blick": "Der große Shrek"), da ein paar Trainingsbilder, dort ein Interview - die Tschechen kommen dieser Tage in den Schweizer Medien durchaus vor, aber selten über den Status von Randfiguren hinaus.

Andererseits dürfte dem Nati-Trainerstab klar sein, dass Mannschaften wie die des Altstrategen Karel Brückner für die Schweizer am gefährlichsten sind. Denn der aktuelle Fifa-Ranglistensechste besitzt zwar unbestritten spielerische Qualität, doch nicht genügend Renommee, um den Gastgeber (Platz 44) automatisch in die beliebte Underdog-Position schlüpfen zu lassen.

Das macht die Ausgangslage für Kuhn und seine Mitstreiter nicht unbedingt leichter. Ein Auftaktgegner wie Deutschland oder Italien hätte vielleicht zusätzliche Kräfte freigemacht - und ein Misserfolg wäre zur Not als eine Art Naturgesetz akzeptiert worden. Eine Niederlage gegen die Tschechen ist hingegen vor allem eins: eine Niederlage. Und zwar eine mit Folgen für den Turnierverlauf wie für das Nervenkostüm der Schweizer Fußballjournalisten.

Sollte also - nach örtlicher Grammatik - der Match gegen die Tschechen verloren gehen, könnte die harmonieselige Stimmung dieser Tage erste Risse bekommen. Ein Vorrunden-Aus der Schweizer ließe mit Sicherheit die Dämme der Zurückhaltung brechen. Gut möglich also, dass beispielsweise Gökhan Inler, der verhinderte Zahntechniker aus Olten im Kanton Solothurn, seine Berufswahl - für einige Wochen im Juni - ernsthaft bedauern wird.

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