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09.06.2008
 

EM-Favorit

Warum Italien eine Krise zum Siegen braucht

In der Uefa-Rangliste steht Italien auf Platz eins: Das Nationalteam gilt als heißer Anwärter auf den EM-Pokal. Doch einen Titel kann die Squadra Azzurra immer nur dann gewinnen, wenn sie in der Krise steckt. Fabio Licari von der "Gazzetta dello Sport" erklärt, warum.

Ich fing bereits an, mir Sorgen zu machen, denn alles lief allzu glatt über die Bühne. Kein "Calciopoli" (Fußball-Bestechungsskandal in Italien 2005/2006), kein "Calcioscommesse" (italienischer Fußball-Wettskandal), auch kein "Religionskrieg" wegen einer nicht erfolgten Nominierung für den EM-Kader oder sonstige kleinere Fußballdramen.

Das ist wirklich nicht gut, denn die Geschichte lehrt uns, dass Italien nur dann gewinnt, wenn es am Rande eines Abgrunds steht. So war es 1982 in Spanien. So war es vor zwei Jahren, als sich das Wunder bei der unvergesslichen Weltmeisterschaft in Deutschland wiederholte, als der Trainer der Nationalmannschaft (Marcello Lippi) und zwei Spieler (Gianluigi Buffon und Fabio Cannavaro), die lauthals aufgefordert worden waren zurückzutreten, maßgeblich zum Erfolg der italienischen Nationalmannschaft beitrugen.

Ich war beunruhigt, denn es lief alles wie am Schnürchen. Bis dann in Baden, im Trainingslager der Italiener bei der EM, 30 Kilometer vor Wien, in den ersten zehn Minuten des ersten Trainings alle Pläne und Träume durcheinandergeraten: Es genügt ein zufälliger Zusammenstoß mit Giorgio Chiellini, und Cannavaro – ich muss gestehen, ich würde diesen Verteidiger gegen niemand anderen weltweit tauschen, nicht einmal als Klebebild - sinkt schreiend und schluchzend auf den Boden. Bänder ade, EM ade.

So, jetzt können wir gewinnen.

Jede technische und taktische Überlegung beiseite lassend kann man sagen, dass dies ein gelungener Rückpass in Richtung Realität ist, die uns zu entgleiten drohte. Denn wir Italiener, das ist ja bekannt, sind sympathisch und tendieren dazu, leicht unsere Meinung zu wechseln.

Bis November 2007 war Nationaltrainer Roberto Donadoni ein Eindringling, der unverdienterweise den Platz von Lippi eingenommen hatte, durch persönliche Empfehlung oder weiß Gott wie. Nach dem Erfolg in Schottland und der Qualifikation für die Europameisterschaft mit Rang eins in der Gruppe - vor Frankreich! - klingt die Musik plötzlich ganz anders: Die Leute in den Kaffeehäusern, aber leider auch die Zeitungen haben begonnen, das Lied zu singen, das ich als "Triumphlied" bezeichne und das mehr oder weniger so klingt: "We are the champions, we are the champions", auch wenn die EM noch gar nicht begonnen hat.

Man muss schon in Mailand, Rom oder Palermo leben, um sich als Nummer eins der Welt zu fühlen, "denn nur wir haben Toni und Buffon", "denn Andrea Pirlo ist der weltweit beste Spielmacher", "denn in der Endphase konzentriert sich kein anderer so wie Italien". Ein 2:1-Sieg gegen Schottland in Glasgow hat genügt, um einen erschreckenden Wechsel der Meinungen herbeizuführen. Aber wann haben wir je gewonnen, wenn wir als Favoriten aufgetreten sind? Dank des unglücklichen Cannavaro ist uns diese Bürde nun genommen.

Denn zuvor schienen sich, verflixt noch mal, selbst die Zahlen zu verschwören. Stellen Sie sich vor:

  1. Im bedeutenden Fifa-Ranking für die weltbesten Nationalmannschaften stehen wir auf Rang drei, nach Brasilien und Argentinien, also sind wir die ersten in Europa.
  2. Bei der Uefa-Rangliste für europäische Nationalmannschaften, die erst vor drei Wochen vor dem Turnier in Österreich und der Schweiz eingeführt wurde, wird uns Rang eins zugewiesen.
  3. Außerdem setzen uns die Wettbüros in die Endrunde, auf Rang zwei hinter Deutschland. Es war gelaufen. Besser gesagt, wir waren festgelaufen.

O Gott, und dann gibt es da noch einige Schwarzseher, die mit verschmitztem Lächeln behaupten, dass sich doch etwas Entscheidendes geändert habe: Jetzt habe Silvio Berlusconi die Regierung angetreten. Was hat das mit der EM zu tun?, werden Sie sich fragen. Und ob es was damit zu tun hat. Dem Premierminister-Magnaten-Industriellen, kurz und gut dem mächtigsten Mann Italiens, ist es bisher nicht gelungen, als Premierminister einen Pokal entgegenzunehmen.

Es gelang ihm nicht 1994 bei der WM in den USA; er war nahe dran, seinen Rivalen der Mitte-Links-Koalition im Jahre 2000 vor Begeisterung jubeln zu sehen, hätte nicht der Torschuss des französischen Stürmers Daniel Trezeguet uns eine bereits gewonnene EM weggenommen; er weinte 2002 (Südkorea) und 2004 (Portugal). 2006 gewann Romano Prodi, Chef der Mitte-Links-Koalition, die Wahlen und wenige Monate später, da schau, auch die WM.

Gut, das hat Prodi nicht viel geholfen, er ist nicht wiedergewählt worden, denn binnen zwei Jahren hat Berlusconi infolge einer Regierungskrise die Führung wieder mit Leichtigkeit an sich genommen. Aber so weit so gut, wir Journalisten müssen doch über etwas schreiben, während wir auf die "magischen Nächte" (so nennen wir sie) warten, wenn die EM und die WM die Leute auf Plätze und Straßen locken. Wenn alle zu Fußballfans werden, über das 4-3-3-System diskutieren (oder doch lieber 4-4-2?) und vor allem: Zeitungen kaufen.

Zeitungen gehören in einem fernsehbesessenen Land wie Italien nicht gerade zu den meistgekauften Waren, aber gewinnt Italien die Weltmeisterschaft, dann werden die Zeitungen zu einem unersetzlichen Bedarfsartikel. Die höchste Verkaufsquote einer italienischen Tageszeitung verzeichnete man am 10. Juli 2006, nach dem WM-Spiel Italien gegen Frankreich: die "Gazzetta dello Sport" setzte an diesem Tag fast 2,2 Millionen Exemplare ab, fünfmal so viel wie normalerweise. Und dann beklagen die Trainer der Nationalmannschaft regelmäßig, dass wir gegen sie sind und auf ein frühes Ausscheiden setzen.

Wenn sie wüssten . . .

Übersetzung: Margarete Bambas, SPIEGEL-Büro Rom

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insgesamt 24 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.06.2008 von Dylan1941: Die Krise haben Sie ja jetzt....

Völlig richtig und jetzt wird den Herren Weltmeister bei einer EM mit anderer Leistungsdichte als bei einer WM gezeigt wo Sie international wirklich stehen und wie innovativ Ihr Spiel eigentlich ist . Diese Entwicklung [...] mehr...

10.06.2008 von udo46: Italien Europameister ;-)

Na, nach der Pleite gegen NL hat doch der italienische Fussball jetzt seine Krise. Jetzt werden sie auch Europameister. ;-) mehr...

09.06.2008 von Dylan1941: Niederlande und Rumänien werden weiterkommen

Die Niederlande schlagen Frankreich und der hochgelobte Ribery kann in Urlaub gehen. Die Rumänen schlagen desolate Italiener. Rumänien demnach vier und Frankreich 1 Punkt. Demnach muss Frankreich mit Blick auf eine Restchance [...] mehr...

09.06.2008 von Peraldo: Nein.

Eigentlich nicht. Es ist nunmal so. :-) mehr...

09.06.2008 von Peraldo: Sooo....

Mmh. Das war also die Vorstellung des "absoluten Topfavoriten". Die, mit der "Toni-Torgarantie". Mmh. Vielleicht habe ich gerade nur eine andere Mannschaft spielen sehen, aber das hat mich wirklich nicht vom [...] mehr...

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