Aus Tenero berichtet Cathrin Gilbert
Gibt es in diesem Sommer wieder ein Fußballmärchen? Vergleicht man die Nationalelf vor dem EM-Auftaktspiel in Klagenfurt gegen Polen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit den WM-Helden 2006, findet man auf den ersten Blick nur einen entscheidenden Unterschied - Jürgen Klinsmann bleibt diesmal auch während des Turniers in Kalifornien, um "seine Jungs" mit E-Mails aus Huntington Beach zu motivieren. Heute gibt es noch nicht mal Diskussionen um seine Abwesenheit - denn Joachim Löw hat bei diesem Turnier als Bundestrainer das Sagen. Die Mannschaft besteht bis auf wenige Ausnahmen aus dem WM-Kader 2006. "Mit dem Unterschied", sagt Torsten Frings, "dass wir alle zwei Jahre älter geworden sind."
Aber ist die DFB-Elf in diesen zwei Jahren auch reifer geworden? Hat Löw die Chance genutzt, auf dem Fundament, das Klinsmann in Zusammenarbeit mit ihm als Co-Trainer gelegt hat, aufzubauen?
Das selbstbewusste Auftreten des Trainerstabs und der Spieler in der Öffentlichkeit vermittelt schnell den Eindruck, dass da eine Mannschaft gewachsen ist, die ohne Probleme bis ins Finale marschieren könnte. Wieder dreht sich alles um die Fitness, die, so Löw, "am Ende ausschlaggebend" sein werde. Selbst der von Klinsmann einst engagierte US-Fitnesscoach Mark Verstegen, der sich in den vergangenen beiden Jahren durch zwei Kollegen vertreten ließ, ist wieder dabei.
Zwei Wochen haben die Trainer damit verbracht, ihre Spieler auf das gleiche Fitnessniveau wie 2006 zu trimmen. Bis auf Bastian Schweinsteiger, der noch ein bisschen aufzuholen habe, und Tim Borowski, der sich nach seiner Viruserkrankung wieder langsam herankämpft, sei ihnen das auch gelungen, sagt Löw. Aber das Selbstbewusstsein der EM-Elf 2008 täuscht über ein entscheidendes Defizit hinweg: Ein Teamgeist wie jener, der die Mannschaft vor zwei Jahren ausgezeichnet hat, ist verflogen. Oder besser gesagt: Es fehlte an Zeit, um ihn wieder zu erwecken.
Zwar haben Löw und seine Kollegen es rechtzeitig geschafft, die im Vorfeld angeschlagenen Spieler wie Miroslav Klose, Jens Lehmann oder Christoph Metzelder fit zu machen. Aber um sich den notwendigen taktischen Feinschliff während der letzten Trainingseinheiten in Tenero zu holen, musste die Mannschaft dieses Mal auf zusätzliche Maßnahmen zur Teambildung verzichten.
Es waren Kleinigkeiten, mit denen Jürgen Klinsmann die Spieler vor zwei Jahren zu einer Einheit formte. Wie die Strophen von Xavier Naidoos Popsong "Dieser Weg". "Diesmal haben wir leider noch kein gemeinsames Lied gefunden", sagt Frings. Und mit dem Wissen, dass der Weg ins EM-Endspiel noch viel schwieriger wird als vor zwei Jahren ins WM-Halbfinale, fügt er hinzu: "Wir nehmen aber alle Vorschläge dankend an."
Ein Team-DJ lässt sich ohnehin nicht mehr finden. Denn Patrick Owomoyela und Gerald Asamoah, die seit 2004 für die Musik verantwortlich waren, spielten bei der Kaderwahl für die Euro 2008 keine Rolle mehr. "Team-DJ zu sein, ist wohl ein schlechtes Omen. Deshalb stehe ich dafür nicht mehr zur Verfügung", sagt Angreifer Kevin Kuranyi, der mit zum DFB-Musikantenstadl gehörte. Auch wenn Oliver Bierhoff nicht müde wird zu betonen, wie munter sich die Spieler an den Tischtennisplatten im EM-Hotel Giardino tummeln, kann auch der Teammanager nicht ganz verbergen, dass ihn der Verzicht auf Gruppentermine - wie den Uhrmacherkurs im Vorfeld der WM - ein bisschen traurig stimmt: "Die Spieler brauchen eben Pausen, um den Kopf neben dem harten Training frei zu bekommen." Da fehlt es an Zeit, die Mannschaft durch Motivationsvorträge wie den des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher vor zwei Jahren zusammenzuschweißen.
Das mögen Kleinigkeiten sein, doch die Dynamik, mit der sich die Stimmung innerhalb des Teams während eines Turniers entwickelt, kann durchaus auf die Leistung und den Einsatz auf dem Spielfeld durchschlagen. Ein negatives Beispiel ist die WM 1982 mit dem legendären Trainingslager am "Schlucksee", als sich Grüppchen bildeten und insgesamt die Disziplin zu wünschen ließ; ein positives Beispiel dagegen ist die EM 1996, als die Mannschaft trotz diverser Verletzungen (Jürgen Kohler, Fredi Bobic und Jürgen Klinsmann) nicht auseinanderfiel und sogar noch den Titel holte.
Außerdem bot der künstlich geschaffene Konkurrenzkampf im Trainingslager auf Mallorca den Spielern nicht wirklich die Möglichkeit, sich von Anfang an zu einem Team zu entwickeln. So, wie die Vorbereitung verlaufen ist, entwickelte sich dabei nicht einmal ein schärferer Konkurrenzdruck. Die von Löw hochgelobten Marko Marin und René Adler verschwanden schnell wieder von der Bildfläche; der Gladbacher schaffte es nicht in den endgültigen EM-Kader, der Bayer-Torwart ist nur die Nummer drei hinter Jens Lehmann und Robert Enke. Und in der deutschen Startformation musste abgesehen vom offensiven Mittelfeld kein Stammspieler je ernsthaft um seine Position fürchten. Dass die deutsche Nationalmannschaft 2008 im Vergleich zur Klinsmann-Elf eine Mogelpackung ist, hat auch noch einen weiteren Grund: Die Spieler sind zwar wie von Frings beschrieben zwei Jahre älter geworden, weiterentwickelt haben sich die meisten WM-Helden nicht. Viele stagnierten auf ihrem Leistungsniveau. Manche, wie David Odonkor oder Bastian Schweinsteiger, entwickelten sich sogar zurück.
Nur Kapitän Michael Ballack, von Bayern München zum Londoner Club FC Chelsea gewechselt, gewann an Format. Er ist bei den Deutschen im Spiel gegen Polen quasi der einzige Verantwortliche auf dem Feld. Schafft es Ballack, seine herausragende Form über drei Wochen konstant zu halten, kann er die Mannschaft auch ohne eigenes EM-Lied und Gruppentherapie ins Finale führen. Das Team würde sich dann an seinem Kapitän orientieren und wachsen.
Aber was passiert, wenn Ballack ausfällt oder schwächelt?
Deutschland - Polen So. 20.45 Uhr in Klagenfurt
(voraussichtliche Aufstellungen)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal) - Lahm (Bayern München), Mertesacker (Werder Bremen), Metzelder (Real Madrid), Jansen (Bayern München) - Schweinsteiger (Bayern München), Frings (Werder Bremen), Ballack (FC Chelsea), Podolski (Bayern München) - Klose (Bayern München), Gomez (VfB Stuttgart)
Polen: Boruc (Celtic Glasgow) - Wasilewski (Anderlecht), Bak (Austria Wien), Jop (FK Moskau), Wawrzyniak (Legia Warschau) - Dudka (Wisla Krakau), Lewandowski (Schachtjor Donezk) - Lobodzinski (Wisla Krakau), Smolarek (Racing Santander), Krzynowek (VfL Wolfsburg) - Zurawski (AE Larisa)
Schiedsrichter: Övrebö (Norwegen)
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