Aus Wien berichtet Frank Hellmann
Mitunter verbirgt sich hinter Wortspielen, die dem Wiener Schmäh entspringen, ja durchaus eine Art Lebensgefühl. Insofern trifft es die Stimmungslage auch in Österreich ganz vortrefflich ein Wort, das die Zeitungen für den Nachbar und Mitausrichter Schweiz geprägt hat: Leidgenossen.
Und das aus gutem Grund. Nach dem 0:1 der Schweizer gegen gewiss nicht übermächtige Tschechen zog der Gastgeber Österreich am Tag darauf nach - 0:1 gegen gewiss nicht unschlagbare Kroaten. Nun droht der größte anzunehmende Alptraum: sang- und klangloser Abgang für beide Ausrichter nach der Vorrunde.
Es war "ein bitterer Auftakt", stellte die Wiener "Kronen"-Zeitung in ihrer balkendicken Überschrift fest: "Traum platzte schon nach vier Minuten." Und weiter hieß es: "Der Blitz schlug ein. Der Gang in die Kabine wurde zum Kreuzweg." Vor allem für Trainer Josef Hickersberger, der nach Spielschluss fassungslos, auf der Pressekonferenz hilflos wirkte.
War es da ein Zufall, dass Friedrich Stickler, Präsident des Österreichischen Fußballbundes, und sein Generalsekretär Alfred Ludwig bei Schlusspfiff des Österreich-Spiels sofort zur Trainerbank eilten? Die Nation sucht nach Schuldigen - und da ist der 60-jährige Fußball-Philosoph Hickersberger nicht zum ersten Mal der erste Adressat.
Noch am Stadion und in den Fanzonen redeten sich konsternierte Landsleute die Köpfe heiß, ob Österreich im Allgemeinen und der Trainer im Besonderen mehr hätten riskieren müssen. Die Stürmer Ümit Korkmaz und Ivica Vastic hatten erst spät ins Spiel eingreifen dürfen. Doch Hickersberger konterte: "Wieviel Risiko kann man gegen einen Gegner mit so viel Erfahrung und Klasse eingehen?" Er hat nicht vergessen, was der Rest des Landes gern verdrängt: Die Nationalmannschaft hätte sich auf regulärem Wege nie und nimmer für die EURO 2008 qualifiziert.
Die Inkubationszeit für das EURO-2008-Fieber, das die Sängerin Christina Stürmer sogar im offiziellen Fansong trällert, betrug fünfeinhalb Jahre. Nach vier Minuten, einem blöden Foul und dem von Luka Modric verwandelten Elfmeter herrschte bereits Schüttelfrost. Geht es schlimmer? "Nein", antwortete selbst Hickersberger in der Stunde der Ernüchterung, "das war der schlechteste Start, den ein Gastgeber sich denken kann."
Exakt 107,85 Kilometer waren seine Spieler in den 93 Minuten gegen die Kroaten gelaufen - 2,2 Kilometer mehr als der Gegner, "aber der hat den Ball besser laufen lassen", kommentierte der "Kurier". Allmählich setzt sich auf den Rängen und in den Redaktionen die Einsicht durch, dass die Qualität des Teams für dieses Turnier nicht reichen wird.
So weit ist man in der Schweiz noch nicht. Dort trauern die Fans nach dem samstäglichen 0:1 gegen die biederen Tschechen weniger über die Niederlage als über die schwere Verletzung von Kapitän Alexander Frei, der vermutlich der einzige torgefährliche Stürmer ist. "Es ist zum Heulen", schrieb der "Blick" – und brachte die Stimmungslage bei den (L)Eidgenossen auf den Punkt. "Die EM ist vorbei", analysierten Kommentatoren – immer noch unter dem Eindruck des tränenreichen Gesichtes ihres stürmenden Hoffnungsträgers.
"Das ist ein Schock. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt", konstatierte hingegen Oscar Knapp, der Schweizer Botschafter im Swissbeach-Club am Donaukanal, einer Schweizer Insel inmitten von Wien. Der adrett gekleidete Mann mit dem putzigen Schnauzbart hat eigens große Alphörner und TV-Geräte mit heimischem Kommentar installieren lassen, um für die Schweizer in Österreich ein heimisches Ambiente zu schaffen. Seit dem Wochenende dämmert ihm, worauf es für beide Ausrichter hinaus laufen könnte: "Als Diplomat hat man gelernt, für den Gegner zu sein."
Wenn man es so sieht, ist die Verliererrolle vermeintlich erträglich. Die Österreicher hatten ja damit ohnehin kein Problem: "Zu Gast bei Verlierern" heißt es auf T-Shirts, Kapuzenjacken, Kappen, Taschen und sogar Unterhosen.
Der Fehlstart der Schweiz und von Österreich erinnert frappierend an den traumatischen Start der Portugiesen vor vier Jahren: Nicht nur im Drachenstadion von Porto, sondern in ganz Portugal herrschte Bestürzung und Fassungslosigkeit, als Außenseiter Griechenland den Gastgeber mit 2:1 Toren düpierte. Ob in Motorboothäfen von Faro oder in den Fanzonen von Lissabon: Bei 35 Grad Celsius gefror damals das Lächeln der grün und rot geschminkten Fans. Man fürchtete das Schlimmste, doch die Portugiesen erholten sich von dem Schock und spielten sich ins Finale – um dort dann wieder gegen Griechenland zu verlieren. Die wehmütige Stimmung sollte das Turnier prägen.
Es wäre schon jetzt ein mittleres Wunder, würden die Alpenrepubliken ein ähnliches Schicksal vermeiden. Und damit ist nicht das Erreichen des Halbfinales gemeint.
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