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09.06.2008
 

Pleite für Italien

Niederländer deklassieren den Weltmeister

Von Jan Reschke

Triumph in Orange: Ein niederländisches Team im Spielrausch hat Italien die Grenzen aufgezeigt. Der Weltmeister war in allen Belangen unterlegen - und steht bereits nach dem ersten EM-Spiel gewaltig unter Druck.

Hamburg - Eine tolle erste Halbzeit reichte den Niederländern zum 3:0-Sieg gegen Italien im Duell zweier Top-Favoriten bei dieser EM. Auch wenn die Niederländer vor 30.777 Zuschauern in Bern Schwächen in der Defensive offenbarten, stellten sie mit hervorragendem Offensivspiel ungewohnt anfällige Italiener vor große Probleme.

Italien steht somit vor der Partie am Freitag gegen Rumänien (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bereits unter großem Druck, während die Niederlande gegen die enttäuschenden Franzosen bereits den Einzug ins Viertelfinale perfekt machen können (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"3:0 gegen ein so erfahrenes Italien zu gewinnen, das haben wir nicht erwartet", sagte der niederländische Bondscoach Marco van Basten. "Es war wirklich eine gute Teamleistung. Wenn wir als Mannschaft auftreten, haben wir auch eine hohe fußballerische Qualität." Der 43-Jährige blieb dennoch nur vorsichtig optimistisch: "Wir haben nur eine Partie gespielt und auch Glück gehabt. Wir müssen noch gegen Frankreich antreten, eine sehr starke Mannschaft. Und gegen Rumänien haben wir in der EM-Qualifikation auch schon verloren", so van Basten.

Hamburgs Mittelfeldstar Rafael van der Vaart war ebenso in der niederländischen Startaufstellung zu finden wie Torwart Edwin van der Sar, der sein 14. EM-Spiel absolvierte und damit Dennis Bergkamp und Philip Cocu als Rekordhalter ablöste. EM-Premieren waren dagegen die Auftritte des niederländischen Trainers Marco van Basten und seines italienischen Pendants Roberto Donadoni. Die beiden spielten sechs Jahre gemeinsam beim AC Mailand und sind noch heute befreundet.

Die erste Halbzeit war eine der bisher besten dieser Europameisterschaft, wobei Italien zunächst mehr Druck ausüben konnte. Bayern-Stürmer Luca Toni verpasste nach drei Minuten eine Hereingabe von Angriffskollege Antonio Di Natale nur knapp. Immer wieder kamen die Italiener über die rechte Seite zu Gelegenheiten. Der finale Pass wurde dann aber meist zu ungenau geschlagen.

Nach zehn Minuten tauchte auch das niederländische Team in des Gegners Hälfte auf, ein Freistoß von Wesley Sneijder wurde abgeblockt, van der Vaart scheiterte mit einem Fernschuss. Italien blieb dennoch gefährlich. Nach einer Flanke hätte Toni per Kopf besser auf Sturmpartner Di Natale ablegen sollen, so verfehlte sein unplazierter Kopfball weit das Ziel (13.).

Obwohl der Weltmeister im Mittelfeld sehr dicht gestaffelt agierte, kamen die Niederlande immer wieder zu Chancen. Nach einem feinen Pass von Dirk Kuyt stand van Oranje-Angreifer Ruud van Nistelrooy plötzlich frei vor Gianluigi Buffon. Der Keeper kam heraus und berührte van Nistelrooy im Strafraum, der geriet ins Straucheln, ließ sich aber fairerweise nicht fallen. Der Pfiff des schwedischen Schiedsrichters Peter Fröjdfeldt blieb aus - ein Elfmeter wäre zumindest vertretbar gewesen (19.).

Die Niederlande wurden in einer Partie auf hohem Niveau immer stärker. In der 25. Minute klärte Italiens Abwehrspieler Marco Materazzi im letzten Moment per Kopf. Nur eine Minute später stand van Nistelrooy in einer kuriosen Szene goldrichtig. Sneijder zog von der Strafraumgrenze ab, van Nistelrooy lenkte den Ball unhaltbar ins Netz. Dabei stand er deutlich hinter der italienischen Abwehrreihe, dennoch war sein Treffer regelkonform, da hinter dem Tor noch Abwehrspieler Christian Panucci lag, der sich kurz zuvor bei einem Zusammenprall mit Buffon verletzt hatte und damit das Abseits aufhob.

Italiens Trainer Donadoni sagte zu der Szene: "Wir haben Tore kassiert und waren ziemlich naiv dabei. Jetzt will ich nicht lange debattieren über das erste Tor. Wir haben die Naivität teuer bezahlt."

Der Weltmeister wankte und bekam einen weiteren Schlag versetzt: Nach schönem Zuspiel von Kuyt traf Sneijder per Volleyschuss zum 2:0 (31.). "Ich habe nicht gewagt, von so einem Start zu träumen", sagte der Torschütze nach dem Spiel, welches nun immer mehr an Klasse gewann. Nur kurze Zeit nach dem 2:0 verpasste Di Natale nur knapp den Anschlusstreffer. Trotz besserer Offensive präsentierte sich Italien weiter anfällig in der Defensive, kurz vor dem Halbzeitpfiff tauchte erneut van Nistelrooy frei vor Torwart Buffon auf, der den Ball aber über das Tor lenken konnte.

Die Italiener bemühten sich in der zweiten Halbzeit um einen geregelten Spielaufbau, Gianluca Zambrottas Schuss flog in der 54. Minute um einen Meter am Tor vorbei. Die Niederlande ließen sich nun mehr und mehr in die eigene Hälfte drängen. Angreifer Toni konnte sich trotz optischem Übergewicht nicht gut in Szene setzen, denn aussichtsreiche Zuspiele auf den Stürmer blieben weiterhin aus. Es mangelte an guten Ideen, was auch daran lag, dass Spielmacher Andrea Pirlo über weite Strecken untertauchte.

Donadoni reagierte und brachte Altstar Alessandro Del Piero in der 64. Minute für Di Natale. Der Juve-Stürmer führte sich mit einem Schuss ein, den van der Sar ohne Mühe festhalten konnte (66.). Italien kam noch einmal ins Spiel zurück. Toni wurde in der 76. Minute schön freigespielt, sein Heber über van der Sar verfehlte allerdings das Ziel. Edwin van der Sar rückte immer mehr in den Fokus. Er hielt mit zwei Weltklasseparaden gegen Fabio Grosso (78.) und Andrea Pirlo (79.) seine Mannschaft im Spiel.

Gerade in der Phase, als Italien dem Anschlusstreffer so nah war, sorgte Giovanni van Bronckhorst für die Entscheidung (80.). Sein Kopfball bedeutete das 3:0 und eine historische Schlappe für den Weltmeister (Donadoni: "Ein schwarzer Abend"), der nun gegen Rumänien unbedingt gewinnen muss.

"Das macht uns unglaublich stolz. Das erste Spiel ist immer unglaublich wichtig und so gegen Italien zu gewinnen, das gibt uns viel Selbstvertrauen", sagte Torschütze Sneijder. "Ich habe nicht gewagt, von so einem Start zu träumen."

mit Material der dpa

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