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10.06.2008
 

Italien-Bezwinger Niederlande

"Oranje Bellissimo"

Von Christian Paul

Den Weltmeister demontiert, dabei spielerisch und kämpferisch überzeugt: Die Niederlande sind bei der EM nach nur einem Spiel zum Mitfavoriten aufgestiegen. Mannschaft und Fans haben sich längst von der Euphorie anstecken lassen. Trainer Marco van Basten mahnt vergebens.

Ungläubig starrte Marco van Basten auf die Anzeigetafel des Wankdorf-Stadions in Bern, als könne er nicht fassen, was er dort sah. 3:0 hatte die von ihm trainierte niederländische Nationalmannschaft zum EM-Auftakt gewonnen. Und nicht etwa gegen irgendein Team, sondern gegen die Auswahl Italiens, den Weltmeister, den großen Favoriten auf den Titel.

Mit beeindruckender Zweikampfstärke und großartigem Konterfußball hatten die Niederländer die "Squadra Azzurra" streckenweise vorgeführt, damit die Zweifel an der tatsächlichen Stärke der "Elftal" zerstreut - und sich kurzerhand selbst zum ersten Anwärter auf den Gewinn der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz aufgeschwungen.

"Wenn man gegen Italien 3:0 gewinnt, dann ist man der Favorit", sagte Verteidiger Joris Mathijsen vom Hamburger SV. "Das war ein Traum, einfach unglaublich", schwärmte sein Mannschaftskollege Rafael van der Vaart. "Besser", behauptete der Mittelfeldspieler, "kann man nicht Fußball spielen. Das war überragend, das beste Länderspiel, seit ich für die Niederlande spiele." Van Basten selbst sprach von einem "historischen Spiel".

Und besonders für ihn muss die Partie seiner Mannschaft und die anschließenden Lobeshymnen der heimischen Presse Genugtuung pur gewesen sein. Die Tageszeitung "De Telegraaf" jubelte "Oranje Bellissimo" und spiegelt damit den Gemütszustand einer Fußballnation wieder, die seit der EM 1988 auf einen Titel wartet und jetzt in überschwengliche Euphorie verfällt, weil van Basten ein Team geformt zu haben scheint, das die stetig hohen Erwartungen endlich einmal erfüllen könnte.

Ausgerechnet van Basten. Der ehemalige Weltklassestürmer, seit seinem Amtsantritt im Juli 2004 konstant in der Kritik, lässt plötzlich den Traum von einem großen Triumph wieder aufleben. Nicht das nackte Ergebnis, vielmehr die Art und Weise, wie die Niederländer den Weltmeister besiegten, war beeindruckend. Die Elf von Roberto Donadoni war mit den drei Gegentreffern von Ruud van Nistelrooy (26.), Wesley Sneijder (31.) und Giovanni van Bronckhorst (79.) noch gut bedient. "Alle haben gut gespielt. Ich will keine Namen nennen", lobte Hollands Fußballikone Johan Cruyff.

Einen Namen dürfte er aber definitiv im Sinn gehabt haben: Wesley Sneijder. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid war an seinem 24. Geburtstag Dreh- und Angelpunkt bei Oranje. "Das war das wichtigste Spiel in dieser Gruppe. Wir haben Ziele, wir wollen das Finale erreichen und dürfen deshalb nicht nachlassen", sagte Sneijder. Sein Freund van der Vaart ergänzte: "Diesen Abend können wir genießen, aber Frankreich wird wieder ein ganz anderes Spiel." Nur Teamkollege Mathijsen mahnte: "Wir haben noch nichts erreicht. Wenn wir die nächsten zwei Spiele verlieren, sind wir auch draußen."

Daran glauben die eigenen Fans nicht einmal mehr in ihren schlimmsten Träumen. Rund 1000 Anhänger haben van Basten und Co. am Tag danach beim öffentlichen Training begeistert gefeiert. "Holland ist zurück" und "Wir fahren nach Wien" skandierten die Anhänger bei der Übungseinheit im EM-Quartier des Teams in Lausanne und bejubelten jede Aktion ihrer Mannschaft. Bereits während des Spiels, als längst feststand, wer den Platz als Sieger verlassen würde, ließen die niederländischen Fans ihrer Freude inbrünstigst freien Lauf - Häme für den Gegner inklusive. "Always look on the bright side of life", schallte der Monty-Python-Song da lautstark aus der holländischen Fankurve, die das schmerzliche Halbfinal-Aus bei der EM im eigenen Land vor acht Jahren gegen Italien nicht vergessen hatten.

Die Italiener dürften ihre Pleite von Bern ebenfalls lange im Gedächtnis behalten. Den Spott der heimischen Presse haben sie zumindest sicher. Besonders im Fokus dabei: Trainer Roberto Donadoni. "Disastro Donadoni", spottete beispielsweise der "Corriere dello Sport". Der Gescholtene analysierte den Abend treffend als "eine schwarze Nacht", besonders für ihn persönlich. Zwar wurde sein Vertrag erst kürzlich um zwei Jahre verlängert. Doch der italienische Fußballverband hat die Möglichkeit, Donadoni zu entlassen - wenn er bei der EM nicht mindestens das Halbfinale erreicht.

Sein Pendant auf holländischer Seite hat da ganz andere Probleme. Van Bastens Zukunft ist längst geklärt, er wechselt nach der EM zu Ajax Amsterdam. Eine Misserfolgsklausel für den Trainer bei dieser Endrunde wäre ohnehin unangebracht gewesen. Van Bastens Sorge ist die rasant gestiegene Erwartungshaltung. Bereits am Abend des Triumphs bemühte er sich verzweifelt, die Euphorie nicht grenzenlos werden zu lassen. "Wir haben nur ein Spiel gespielt und auch ein bisschen Glück gehabt", so der 43-Jährige.

Dem ist nicht zu widersprechen. Eigentlich. Doch schon nach dem nächsten Gruppenspiel könnte das erste Etappenziel auf dem Weg zum ganz großen Triumph erreicht sein: der Einzug ins Viertelfinale. Nötig ist dazu am Freitag (20.45, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ein Sieg gegen Frankreich, dem zweifachen Europameister. Und vielleicht wird van Basten nach Spielende wieder über den Rasen des Wankdorf-Stadions wandern, den Blick auf die Anzeigetafel gerichtet. Wenn er dann wieder so ungläubig dreinblickt wie am Montag, wird auch er einräumen müssen, dass die Niederländer bei diesem Turnier mehr als nur ein Geheimtipp sind.

Mit Material von sid

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