Von Frieder Pfeiffer
So hatten es sich die Schweden sicher nicht vorgestellt. Pfiffe auf den Rängen, Querpässe auf dem Rasen. Gegen mauernde Griechen rannten die Skandinavier über das Feld und versuchten, Lücken in der dichten Abwehr des Rehhagel-Teams zu finden. Allein, sie fanden sie mehr als eine Stunde nicht. Dann schlug Ibrahimovic zu und leitete damit den 2:0-Sieg der Schweden ein.
Die Vorstellung des Titelverteidigers war der bisherige Tiefpunkt bei dieser EM und vielleicht hat es sogar der ein oder andere schwedische Spieler zwischendurch - vor Verzweiflung ob des griechischen Spielzerstörungstriebes - bereut, dies alles im hohen Alter noch einmal miterleben zu müssen.
Doch was Henrik Larsson, mit 36 Jahren der Betagteste im schwedischen Team, gedacht hatte, bevor er in der 67. Minute Zlatan Ibrahimovic bei einem schnöden Doppelpass den Ball geschickt vorlegte und dieser wunderschön in den Winkel vollendete, ist im Nachhinein unerheblich. Sicher ist, dass er auch den zweiten schwedischen Treffer durch Petter Hansson zum 2:0-Endstand mit einem starken Pass einleitete (72.), und sich so seine Rückholaktion gleich im ersten EM-Spiel bewährte.
Es gibt wohl nicht viele Fußballprofis, die überredet werden müssen, ein großes Turnier zu spielen. Doch was ist schon normal bei Larsson, dem schwedischen Angreifer, der sich Anfang 2007 bereits für drei Monate aus dem Vorruhestand in seiner Heimatstadt Helsingborg verabschiedete, um dem Ruf von Alex Ferguson nach Manchester United zu folgen. Nun verbringt er seine letzten Stürmertage endgültig in der ersten schwedischen Liga bei Helsingborgs IF und das wäre es eigentlich gewesen - doch diesmal ließ ihn Nationaltrainer Lars Lagerbäck nicht gehen.
Und so präsentiert die schwedische Mannschaft bei dieser EM neben Fredrik Ljungberg, inzwischen für West Ham United in der Premier League aktiv, einen weiteren Spieler der Kategorie "Den gibt es immer noch?" Sein sechstes großes Turnier spielt Larsson in diesen Wochen und er verhilft dem schwedischen Team neben sportlichem Mehrwert auch zu Sympathiepunkten; so wie Ibrahimovic der Truppe den Glamour einer Diva gibt.
Beides muss sich die griechische Elf nach diesem Auftritt vor 30.000 Zuschauern in Salzburg erst wieder erkämpfen. Auch wenn es bei ihnen bekannte Gesichter gab - vertraut jedoch nicht von Champions-League-Abenden wie bei Larsson, Ibrahimovic und Ljungberg. Sieben Europameister von 2004 standen in der Startelf, die Trainer Otto Rehhagel aufs Feld schickte, darunter Nürnbergs Angreifer Angelos Charisteas, sowie die "neuen" Bekannten aus der Bundesliga: Theofanis Gekas (Leverkusen) und Sotirios Kyrgiakos (Frankfurt). Dessen Teamkollege Ioannis Amanatidis musste sich zu Anfang mit der Bank begnügen, nach dem 0:1 durfte er die doch noch offensive Schlussphase der Griechen mitgestalten.
So bekannt die Gesichter auf griechischer Seite, so neu die spielerische Armut bei diesem letzten Spiel in der ansonsten vorwiegend spielerisch ansprechenden ersten Runde der Gruppenphase bei dieser EM. Denn Griechenland setzte trotz streng geheimer Vorbereitung auf taktisch Altbewährtes: Defensive, Ordnung, Zerstörung. Dies gelang bis zum Rückstand sehr gut. Besonders der letzte Teil des Taktik-Triumvirats sollte von Beginn erfolgreich verfolgt werden. Bereits nach wenigen Sekunden holte sich Charisteas nach einem harten Foul an der Mittellinie die erste Gelbe Karte.
Und Kyrgiakos wandelte bei der Bekämpfung seines Gegenspielers Ibrahimovic über 70 Minuten (dann wurde der Inter-Star ausgewechselt) auf dem schmalen Grat zwischen robust und Rambo. Den Schweden fehlten lange die Mittel, den Griechen mit ihren fünf Verteidigern und zwei defensiven Mittelfeldspielern große Probleme zu bereiten. Ein Schuss von Anders Svensson in der 11. Minute und ein Kopfball von Ibrahimovic nach 33 Minuten fanden das Ziel nicht.
Die Skandinavier, sichtbar beschämt von den Pfiffen auf den Rängen, versuchten, dem Spiel zu ein wenig Geschwindigkeit und Esprit zu verhelfen. Larsson, Ljungberg und Rechtsaußen Christian Wilhelmsson von Deportivo La Coruña rannten unentwegt über den Platz und versuchten Löcher in die dichte Deckung der Griechen zu reißen.
Auch im zweiten Abschnitt setzte sich das Mauern-Lauern-Spielchen in der Salzburger Arena vorerst fort. Die Schweden rannten weiter, die wenigen Chancen, wie Wilhelmsson in der 48. Minute, der Griechenlands Torhüter Antonis Nikopolidis und dessen Tor weit überlupfte, wurden vergeben.
Eigentlich war alles wie vor vier Jahren, als das Rehhagel-Team mit 1:0-Erfolgen zum EM-Titel siegte. Fast alles: Denn inzwischen lassen sie selbst beste Chancen ungenützt, wie Georgios Karagounis nach gut einer Stunde, als er den am Strafraum frei stehenden Konstantinos Katsouranis seltsam auffällig ignorierte.
Und so hatte Schweden doch noch die Chance, dem tragischen Anrennen ein Ende zu machen. Und sie nutzten sie. "Es war kein einfaches Spiel für die Stürmer, die Griechen haben drei gute Verteidiger", sagte Ibrahimovic. "Hauptsache, wir haben gewonnen."
Ob diese Leistung jedoch zum Einzug ins Viertelfinale reicht, ist sehr fraglich. Doch gegen spielende Mannschaften wie Russland und Spanien ergeben sich für die schnellen Skandinavier mehr Räume. Für Griechenland ist in dieser Verfassung die Titelverteidigung utopisch. Rehhagel vermisste den Kampfgeist, den seine Mannschaft sonst "mit Herz und Leidenschaft" präsentiere. In den kommenden Spielen, so der 70-Jährige, "müssen wir etwas anderes zeigen".
mit Material des sid
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