SPIEGEL ONLINE: Herr Klose, haben Sie den freien Tag nach dem Sieg gegen Polen genossen?
Klose: Moment, ganz frei war der nicht. Morgens haben wir trainiert. Ein bisschen Ausdauer am Fahrrad, Kraft und Stretchübungen.
SPIEGEL ONLINE: Es war Ihr 30. Geburtstag. Hatten Sie Zeit zum Feiern?
Klose: Nein. Ich habe nachts nach dem Spiel noch ein Glas Wein getrunken. Direkt einschlafen kann ich nach so einer Anspannung sowieso nicht. Die versäumten Stunden Schlaf habe ich nachmittags nachgeholt und ab 18 Uhr Frankreich gegen Rumänien und Holland gegen Italien verfolgt. Außer dem Training und der Behandlung bei den Physiotherapeuten ist es beim Fernsehschauen geblieben. So sah mein 30. Geburtstag aus.
SPIEGEL ONLINE: Aber das Spiel gegen Polen am Abend zuvor haben Sie genossen?
Klose: So ein Spiel ist verdammt anstrengend. Vor allem dieses gezielte Konzentrieren und die genaue Umsetzung dessen, was der Trainer verlangt. Ich will ja auch meine eigenen Erwartungen erfüllen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen viel über Konzentration. Bei der WM schwärmten Sie von einer Art "Reaktionsautomat" mit Pfeilen und Lichtern, den sie zur Stärkung Ihrer Konzentration benutzten. Ist diese Maschine diesmal auch dabei?
Klose: Bisher leider nicht. Dafür haben wir andere Automaten, an denen wir tüfteln dürfen. Ich liebe das. Dabei kann ich am besten abschalten. Das ist aber keine Pflicht, eher Spaß.
SPIEGEL ONLINE: Sie sollen immer noch Probleme haben, sich auf ein Spiel zu fokussieren - und deshalb häufig Gespräche mit Hans-Dieter Hermann suchen, dem Psychologen der Nationalmannschaft.
Klose: So ein Quatsch. Ich habe es geschafft, mich in der kurzen Vorbereitungszeit so zu konzentrieren, auf den Punkt zum Auftaktspiel fit zu sein. Genau wie bei der WM 2006. Das ist meine größte Stärke. Alle anderen Berichte sind eine Frechheit. Mein letztes Gespräch mit Hans-Dieter Hermann liegt Jahre zurück. Ich habe seinen Rat damals gesucht, weil ich mich nicht mehr aufs Fußballspielen konzentrieren konnte, als meine Kinder auf die Welt kamen.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem Auftakterfolg gegen Polen treffen Sie am Donnerstag auf die Kroaten, die Österreich im ersten Spiel 1:0 besiegt haben. Per Mertesacker sagt, Kroatien sei nicht so stark wie Polen.
Klose: Polen und Kroatien spielen auf dem gleichen Niveau. Die Polen profitieren von ihrem Teamgeist, agieren immer als Mannschaft. Kroatien hat viele gute Einzelspieler. Luka Modric oder Mladen Petric sind durchaus in der Lage, schnell ein Tor zu machen. Da müssen wir aufpassen. Seien Sie sicher: Wir wissen, wie wir die Kroaten knacken können.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben gegen Polen beide Tore vorbereitet. Fühlen Sie sich in dieser Rolle genauso wohl wie als Torschütze?
Klose: Wir Stürmer werden immer an unseren Toren gemessen. Ich sehe das eigentlich nie so. Sicherlich will ich viele Treffer erzielen. Aber wenn ich passe, und der Poldi schiebt den Ball rein, ist das für mich, als ob ich selbst getroffen habe.
SPIEGEL ONLINE: Ist es wirklich das gleiche Gefühl?
Klose: Natürlich ist Lukas am nächsten Tag der Held in den Zeitungen. Er hat ja getroffen, nicht ich. Das ist der einzige Unterschied. Wäre ich Tennisprofi, würde ich egoistischer denken und selbst die Punkte machen. Aber ich bin Mannschaftssportler.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Situationen, in denen Sie sich wünschen, egoistischer zu sein?
Klose: Ja, tatsächlich ab und an. Ich versuche natürlich auch manchmal, egoistischer zu sein. Aber ich kann das nicht so einfach umstellen.
SPIEGEL ONLINE: Manchmal scheint es, als hätten Sie nicht das Tor, sondern mehr die Kollegen im Blick.
Klose: Ich erfasse mit einem kurzen Blick, wohin die Mitspieler laufen und versuche die optimale Lösung zu finden, ob Abschluss oder Vorlage. Das geht blitzschnell. Wenn ich ganz alleine drauf zulaufe, schaue ich natürlich nur aufs Tor.
SPIEGEL ONLINE: Trainieren Sie dieses räumliche Sehen?
Klose: Nein, das kann man nicht trainieren.
SPIEGEL ONLINE: Lukas Podolski scheint bei dieser EM verändert. Er wirkt zurückhaltender, konzentrierter, ruhiger.
Klose: Stimmt. Ich gebe ihm immer noch Tipps, so wie ich es früher schon getan habe. Er kann mit allem zu mir kommen. Aber er ist mittlerweile so weit, selbst zu sehen, dass er ein großer Stürmer ist. Er bleibt auf dem Boden, er weiß, wo er herkommt. Und wissen Sie, was das Entscheidende ist? Er weiß, wie wichtig es ist, eine starke Frau an seiner Seite zu haben!
SPIEGEL ONLINE: Podolski hat sich auch auf dem Platz verändert. Er wirkt nicht mehr wie ein Hallodri. Gegen Polen hielt er seine Position, kämpfte, rückte ein, attackierte die Außen. Er ist gereift.
Klose: Auch läuferisch war er ganz stark.
SPIEGEL ONLINE: Es scheint, als orientiere er sich an Ihnen.
Klose: Vielleicht. Das hat er aber vor allem dem Trainer zu verdanken. Es gibt nichts Wichtigeres für einen jungen Spieler, als die eigene Rolle auf der Taktiktafel zu sehen - die Laufwege, das Verhalten in der Offensive und Defensive. Und die Video-Analyse ist entscheidend. Man sieht sich selbst laufen, dann kommt der Hinweis vom Trainer, "guck mal, dort konnte man Dich nicht anspielen, weil du zwei Meter zu weit links gelaufen oder zu früh nach innen gezogen bist". Das bringt viel mehr, als es nur erklärt zu bekommen.
SPIEGEL ONLINE: In München spielt Franck Ribéry auf der linken Seite. Es wird nicht einfach für Podolski, sich gegen ihn durchzusetzen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gab es in der ersten EM-Woche wenige Mittelfeldspieler, die besser als Podolski waren.
Klose: Ich habe keinen einzigen gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Cristiano Ronaldo?
Klose: Selbst der war nicht so stark. Ronaldo ist wichtig in der Offensive, nach hinten stellt er aber nur ein paar Passwege zu. Das, was Lukas gegen Polen geleistet hat, war mehr wert. Wie er in der Defensive gearbeitet und attackiert hat, war sensationell. So gut habe ich ihn noch nie gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie manchmal das Sturmduo Podolski-Klose? Bei Bayern kombinieren Sie mit Luca Toni, hier bisher mit Mario Gomez.
Klose: Nein, ich vermisse das nicht. Ich bin froh, dass Lukas überhaupt spielt, ob im Sturm oder im linken Mittelfeld. Ich freue mich, dass er dabei ist. Lukas brennt in jedem Training auf seinen Einsatz und ruht sich nicht auf seinen zwei Toren aus. Auch in dieser Hinsicht hat er sich weiterentwickelt. Es zeichnet gute Spieler aus, dass sie sich immer neue Ziele setzen.
SPIEGEL ONLINE: Was sind denn Ihre?
Klose: Mein persönliches Ziel habe ich mir vor dem Turnier gestellt: eine bestimmte Tormarke. Die will ich aber nicht schon vorher verraten.
SPIEGEL ONLINE: Tore von Ihnen setzt man bei internationalen Turnieren ja mittlerweile voraus. Sind es jetzt die großen Titel, die Sie reizen?
SPIEGEL ONLINE: Wird Podolski seinen Beitrag dazu auf dem Platz leisten dürfen? Es gibt immer wieder Wechselgerüchte.
Klose: Es wäre schlimm, ihm diese Frage zu stellen. Er soll jetzt nicht denken, sondern einfach versuchen, das umzusetzen, was von ihm erwartet wird. Wir sind froh, dass wir ihn haben, nicht nur in der Nationalmannschaft, sondern auch bei Bayern. Ich rate ihm, so lange wie möglich um den Stammplatz zu kämpfen und beim FC Bayern zu bleiben.
Das Interview führten Cathrin Gilbert und Christian Gödecke
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH