Aus Klagenfurt berichtet Christian Gödecke
Manchmal sagen Symbole mehr über ein Fußballspiel als jedes Tor. In der ersten Hälfte steht Slaven Bilic, der Trainer der Kroaten, an der Außenlinie und ärgert sich über seine Mannschaft. Die Deutschen hatten gerade so etwas wie eine Chance, sie stocherten im Strafraum herum, was Bilic mit einem Fuchteln quittiert. Dabei fällt ihm sein Glücksbringer aus der Sakkotasche. Doch Bilic fängt ihn auf und hält das Glück fest. Kroatien geht mit einer Führung in die Pause. Irgendwann zu Beginn der zweiten Halbzeit, als Deutschland sich aufmachen soll, den Rückstand auszugleichen, nimmt Jens Lehmann den Ball ganz fest in die Hände und küsst ihn. Es sieht so aus, als bitte er ihn, mitzuhelfen - aber der Ball hält sich nicht daran. Wenig später fliegt er von Ivan Rakitics Fuß an Lehmanns Hand und von dort an den Pfosten. Ivica Olic trifft zum 2:0. Jens Lehmann schüttelt den Kopf.
Sie hatten sich das alles ganz anders vorgestellt, die deutschen Nationalspieler. Sie wollten jubeln nach dem Spiel und ein Hotel in Wien buchen, wo am 20. Juni der Sieger dieser Gruppe B im Viertelfinale auf Tschechien oder die Türkei trifft. Stattdessen liefen sechs Versprengte nach dem 1:2 (0:1) in Richtung der deutschen Kurve und winkten müde. Das Hotel in einer Woche wird wohl in Basel liegen, wo der Gruppenzweite gegen Portugal spielt. Portugal! Aber ob das Deutschland sein wird, entscheidet sich erst am Montag gegen Österreich (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).
Die Pleite von Klagenfurt ist so selbst zum Symbol geworden: Sie steht für die größtmögliche Unsicherheit darüber, wo diese Mannschaft steht.
"Die Kroaten waren bissiger im Mittelfeld. Wir haben uns zu wenig bewegt. Vielleicht haben wir gedacht, wir haben schon etwas erreicht", sagt Michael Ballack, der Kapitän. Er nennt die Niederlage "bitter" und erklärt, er sei "schon ein wenig überrascht". Aber wovon? Von der Mittelfeldmauer, die der Gegner nach der Führung aufbaute und durch die kaum ein deutscher Ball gelangte? Oder doch von der eigenen Bewegungsarmut, den überhasteten Kontern, von der fehlenden Konsequenz in den Zweikämpfen?
Das erste wusste man vorher, "die kroatische Aufstellung haben wir so erwartet", sagt Bundestrainer Joachim Löw. Aber die eigene Schwäche, vor allem in der ersten Hälfte, mit der wusste niemand so recht etwas anzufangen. "Die erste Halbzeit war nicht gut, läuferisch zu wenig. So kann man gegen Kroatien nicht bestehen. Wenn jeder einen Schritt weniger macht", sagt Philipp Lahm. "Wir waren nicht in der Lage, das Tempo hochzuhalten und konnten die defensiv eingestellten Kroaten nicht permanent unter Druck setzen", sagt Löw.
Sie wissen, was sie falsch gemacht haben. Aber sie wissen nicht, warum.
Erklärungen liefert an diesem bitteren Abend ausgerechnet der Gegner. Niko Kovac, der 36-jährige Kapitän der Kroaten, der neben sich den jungen Modric hat und - wie man dachte - die besten Zeiten hinter sich, dieser Kovac sagt, man habe die Deutschen mit deren eigenen Waffen geschlagen. "Wir haben den größeren Willen und das größere Herz gehabt", sagt er sehr pathetisch. Aber Kovac hat Recht. Der Auftritt seiner Mannschaft war spielerisch keine Offenbarung, aber die Kroaten zeigten in den Zweikämpfen Entschlossenheit, in der Defensive Ordnung und im Abschluss Konsequenz.
Nur so gewinnt man bei dieser EURO Spiele. Nicht mit Unordnung, die man beim DFB schon längst verbannt zu haben glaubte. Als Marcell Jansen beim 0:1 zu weit von Srna entfernt war, um dessen Schuss zu blocken. Oder Miroslav Klose sich ins Mittelfeld fallen lassen musste, um überhaupt mal einen Ballkontakt zu haben.
Man gewinnt auch keine Spiele mit Unkonzentriertheiten. Als Clemens Fritz in der zweiten Halbzeit den Ball am eigenen Strafraum bereits gesichert hat, aber ihn dann doch verliert und so erst das 0:2 ermöglicht. Oder der eingewechselte David Odonkor, dem nach einem gewonnenen Zweikampf das Gleiche passiert.
Vor allem aber gewinnt man auf diesem Niveau keine Spiele mit einer fehlenden Einstellung. Wo war die Grätsche von Michael Ballack oder Torsten Frings, die ein Signal sendet so laut, dass sich der Gegner die Ohren zuhalten muss? Wo waren Körpersprache und die Spannung aus dem ersten Spiel gegen Polen? Wo war das Symbol?
Weg.
Stattdessen lässt sich Bastian Schweinsteiger von Leko provozieren und schubst ihn, um sich vom schwachen Schiedsricher Franck De Bleeckere danach die unnötige Rote Karte abzuholen. De Bleeckere, der in der ersten Hälfte kleinlich pfiff und in der zweiten die Partie laufen ließ. De Bleeckere, der Modric nach einem Foul an Frings ebenfalls vom Platz hätte stellen müssen. Aber Modric sah nur Gelb und wurde zum "Man of the Match" gewählt. De Bleeckere pfiff, wie die Deutschen spielten: schlecht.
Aber Schweinsteiger verhielt sich in dieser Szene, wie er sich nicht verhalten darf, was auch Joachim Löw kritisierte. Schweinsteiger hatte dem Spiel einen Impuls gegeben, war am 1:2 durch Lukas Podolski mit beteiligt, hatte Ecken herausgeholt und aufs Tor geschossen. Dann zerstörte er die letzten Hoffnungen auf ein Unentschieden.
Und wurde am Ende zum deutlichsten Symbol für die Niederlage.
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