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13.06.2008
 

"Endspiel" gegen Österreich

Löw in der Angstfalle

Aus Tenoro berichtet Cathrin Gilbert

Joachim Löw hat sich verzockt: Er hat gegen Kroatien die gleiche Elf aufgestellt wie gegen Polen, ein entscheidender Fehler. Jetzt gehen dem Bundestrainer die Alternativen aus. Wenn das Team ins Viertelfinale soll, muss Löw dringend umdenken.

Rund hundert Meter Wiese trennen Joachim Löw am Tag nach der 1:2-Blamage gegen Kroatien von seinen Spielern auf dem Trainingsplatz des Centro Sportivo. Die Sonne strahlt, als ob sie das Debakel in Klagenfurt noch gar nicht mitbekommen hat. Löw hebt den Kopf und lässt seinen Blick vom Boden in Richtung des Spielfeldes und der auf der Tribüne versammelten Journalistengruppe schweifen.

Bundestrainer Löw: "Werden das Viertelfinale erreichen"
AFP

Bundestrainer Löw: "Werden das Viertelfinale erreichen"

Dann dreht er sich um und läuft zurück in die abgeschottete Trainingshalle. Der Bundestrainer hat es sich anders überlegt. Ob er die öffentliche Bühne in diesem Moment meiden will oder sich einfach verlaufen hat, weil nur ein Teil der Mannschaft auf dem Platz trainiert, bleibt offen. Aber es ist definitiv kein strahlender Vormittag für ihn. Joachim Löw fühlt sich verantwortlich für die Niederlage gegen Kroatien. "Ich hinterfrage mich da ganz klar selbst", sagt er, als er sich dann später bei der täglichen Pressekonferenz doch den öffentlichen Fragen stellt. Und er liegt richtig mit seiner Selbstkritik. Nicht nur, weil er der Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft ist - sondern, weil er Fehler gemacht hat. Löw, der Analytiker, bekannt für seine Gabe, die Taktik des Gegners blitzschnell lesen und vermitteln zu können, hat sich verzockt. Er hat einen großen Vertrauensvorschuss verspielt. Das schmerzt ihn. Er setzte gegen Kroatien auf dieselbe Elf, wie beim ersten Gruppenspiel. Dass sich die Kroaten darauf einstellen würden und intelligenter spielen als die Polen, hat Löw unterschätzt.

Er habe schon in den ersten zehn Minuten gesehen, dass "unsere Mannschaft überhaupt nicht in der Lage war", in den eigenen Spielrhythmus zu finden. Trotzdem wechselte er erst nach der Halbzeitpause David Odonkor für Marcell Jansen ein, um in den zweiten 45 Minuten beobachten zu müssen, dass dessen Antrittsstärke längst keinen Gegner mehr überrascht. Schlimmer noch: Odonkor verlor jedes Laufduell in der Defensive. "Die Mannschaft hat es überhaupt nicht geschafft, dem Spiel einen eigenen Stempel aufzudrücken", sagt Löw, nachdem er um eine Nacht Pause zum Nachdenken gebeten hatte.

Warum er nicht konsequenter durchgriff, sagt er nicht. Dabei war es Stammspieler Torsten Frings, der maßlos überfordert wirkte. Schon im Spiel gegen Polen schien er an der Außenlinie mit dem Trainer über dessen Anweisungen zu diskutieren. Beim Match gegen Kroatien fehlte jegliche Abstimmung, vor allem die mit Mittelfeld-Kollege Michael Ballack. Die Mannschaft arbeitete nicht als Gruppe, das Verständnis für die Rolle des direkten Mitspielers fehlte. Auch Lukas Podolski verlor trotz seines Treffers gegen die Kroaten als Mittelfeldakteur zu oft den Überblick.

Vielleicht hätte der gelernte Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger, der nach starkem Beginn seinen 27-minütigen, übermotivierten Auftritt mit einer Roten Karte beendete, dem deutschen Team mehr Sicherheit verliehen. Er wird am Montag gegen Österreich (20.45 Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf jeden Fall nicht dabei sein. Ein Fragezeichen steht zudem hinter dem Einsatz von Heiko Westermann, der sich am Freitag im Training einen Bänderriss und eine Knochenabsplitterung zuzog. Der Schalker gilt ebenso als Alternative im Falle eines Umbaus der Defensive wie Arne Friedrich.

Das Spiel gegen Österreich könnte aber nicht nur wegen Löws Fehlentscheidungen im Rahmen des Kroatien-Spiels oder der zunehmenden Verletzungsprobleme der letzte Auftritt für die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM werden. Vielleicht steckt der Fehler auch im System, das der Bundestrainer zusammen mit seinem Stab als Masterplan für die Bergtour 2008 ausgetüftelt hat. "Wir wussten schon im Januar, was wir am 6. Juni machen wollen", sagte Hansi Flick während der Vorbereitung auf Mallorca. Eine Selbstdisziplin, die wenig Raum für Risiko lässt.

Im Gegenteil: Die Entscheidungen wirken ängstlich. Ein Grund, warum die Trainer lieber dem WM-Erfahrenen David Odonkor als Nachwuchstalent Marko Marin vertrauten. Aber wäre der Dribble-Künstler Marin nicht der richtige Mann gewesen, dem Spiel gegen Kroatien den geforderten Stempel aufzusetzen? "Wir müssen jetzt mit den 23 Spielern planen, die wir mitgenommen haben", sagt Löw.

Über solche Gedankenspiele wolle er nicht reden, aber mit Sicherheit einige taktische Änderungen für das nächste Spiel vornehmen. Wie die aussehen sollen, ist drei Tage vor dem Showdown in Wien aber ein Rätsel. Die Ungewissheit um Lukas Podolski, Philipp Lahm, Marcell Jansen und Heiko Westermann engen Löw gewaltig ein. Trotzdem ballt er beide Hände zu Fäusten und sagt: "Wir werden das Spiel gegen Österreich gewinnen." Und als ob er sich selbst noch mal davon überzeugen muss, wiederholt er: "Wir werden das Viertelfinale erreichen."

Er spricht laut. So laut, dass man dann doch die Emotionen durchhört. Es gelingt ihm nicht ganz, die Angst vor dem nächsten Spiel zu verbergen. Auch wenn es nicht nur für ihn unvorstellbar klingt: Vielleicht muss er sich noch einmal umdrehen auf der Bergtour, Deutschlands Bergtour 2008. Diesmal nicht auf der Wiese von Tenero, sondern auf dem Weg ins Viertelfinale mit Mut zum Risiko.

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