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16.06.2008
 

1:0 gegen Österreich

Ballack schießt Deutschland zum Zittersieg

Von Frieder Pfeiffer

Mit einer mäßigen Leistung hat sich das deutsche Team gegen harmlose Österreicher durchgesetzt - und zieht ins EM-Viertelfinale gegen Portugal ein. Das Beste am Spiel war das schöne Tor von Michael Ballack. Löws Männer müssen sich noch deutlich steigern.

So viel Kritik. So viele Bedenken. So viele Sorgen. Nach der Niederlage gegen Kroatien war über Joachim Löw und sein Team ein Haufen Fragen hereingebrochen - und die Erwartungen waren groß, dass die deutsche Mannschaft an diesem Montagabend in den lange beschworenen 90 Minuten gegen Österreich einen Haufen Antworten geben wird.

Löws Männer gewann am Ende 1:0. Antworten gaben sie nur zwei.

Erstens: Die deutsche Mannschaft kann noch gewinnen, wenn sie muss. Das Team steht im Viertelfinale und trifft am kommenden Donnerstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Portugal. Zweitens löste Michael Ballack ("Wir konnten heute nur verlieren") mit seinem Treffer nach 48 Minuten endlich das Versprechen ein, trotz defensiver Rolle wichtige Tore für die Nationalelf schießen zu können.

Lange nicht geklärt sind dagegen zum Beispiel die Formschwäche eines Christoph Metzelder, die Lethargie eines Torsten Frings und die Entzauberung eines Mario Gomez - und damit auch das große Ganze.

Und so steht weiter auf dem Spiel, was lange als goldener Weg für den deutschen Fußball gegolten hatte: das System Löw, vom Schwaben Jürgen Klinsmann initiiert, vom Badener mit "högschder" Zielstrebigkeit verfeinert und verantwortlich für die erfolgreichste Zeit eines Nationalteams in der DFB-Geschichte. Der Weg der vergangenen vier Jahre, der doch so langfristig angelegt war, dass dessen Ende die Verantwortlichen überrascht hätte wie eine Grätsche von hinten.

Überrascht war zu Beginn des Spiels jedoch erst einmal nur einer: Mario Gomez. Ob er sich noch wunderte, dass er es trotz bisheriger Abschlussschwäche in die Startelf geschafft hatte, weiß man nicht. Sicher ist jedoch, dass er nach gut drei Minuten nicht auf die punktgenaue Hereingabe von Miroslav Klose vorbereitet war und es schaffte, den Ball aus einem Meter nicht ins Tor zu legen.

Plötzlich schien das Spiel zu entgleiten

Doch auch wenn diese unfassbare Szene an die Kroatien-Pleite (1:2) vier Tage zuvor erinnerte, das Spiel seiner Mannschaftskollegen war ungleich wacher, sie kombinierten stringenter. Und Gomez ließ sich anstecken. In der 14. Minute flankte er auf Lukas Podolski, dessen Schuss blieb jedoch in der österreichischen Abwehr hängen.

Das weckte die Österreicher auf. Die Gastgeber suchten den Weg auf das Tor von Jens Lehmann. Zweimal stimmte die Abstimmung in der deutschen Viererkette nicht, zweimal konnte der neue österreichische Stürmer Erwin Hoffer den Ball im Strafraum annehmen (14./19.). Noch waren die Außenseiter zu stellen - doch der deutschen Mannschaft schien nach starkem Beginn erneut die Kontrolle über das Spiel zu entgleiten.

Podolski holte sie zurück. Leider nur für die kurze Zeit, die es dauert, mit einem strammen Schuss aus 20 Metern Österreichs Torhüter Jürgen Macho zu einer Glanzparade zu zwingen (24.). Danach passierte erneut das, was nach dem Kroatienspiel als völlig unerwartet und nicht wieder möglich eingeordnet worden war: Die deutsche Mannschaft bot dem Gegner Raum und Zeit und offenbarte längst vergessene Rumpelfußballqualitäten. Allen voran Torsten Frings, der seinen Auftritt von vier Tagen noch einmal an Langsamkeit und Ungenauigkeit unterbot.

Dann musste Löw auf die Tribüne

Das wollte der Bundestrainer nicht länger mit ansehen. Joachim Löw ließ sich auf ein hitziges Rededuell mit seinem Gegenüber Josef Hickersberger ein. Das wiederum passte Schiedsrichter Mejuto Gonzalez ganz und gar nicht. Die Streithähne wurden auf die Tribüne verbannt, wo Löw nach einer Zwischenstation bei Kanzlerin Angela Merkel, die mit dem halben Kabinett angereist war, neben Teammanager Oliver Bierhoff Platz nehmen musste. Die Uefa will am Dienstag über das weitere Strafmaß entscheiden.

Gerade hatte er dort nach der Halbzeitpause wieder Platz genommen, da leisteten sich auf dem Rasen zwei der stärkeren DFB-Kicker eine geistige Auszeit. Clemens Fritz passte ungenau auf Per Mertesacker, der vertändelte den Ball gegen Hoffer und konnte froh sein, dass der Gegner heute nur Österreich und nicht schon Portugal hieß.

So blieb der Abwehrchef ein Sprintduell später doch noch Sieger. Die Unruhe, die selbst beim zuverlässigen Bremer nun Einzug hielt, ließ nun nicht nur bei Löw ein ungutes Gefühl zurück.

Dass dieses zehn Minuten später verflogen war und der Bundestrainer entspannt auf seinem Handy tippte, die Nationalhymne im Ohr, die die deutschen Fans in der Kurve intonierten, lag an seinem Kapitän. Michael Ballack verwandelte einen Freistoß, herausgeholt vom starken Philipp Lahm, schön in den Winkel der Torwartecke und garnierte so eine gute Vorstellung endlich auch mit dem zählbaren Erfolg, den Kritiker schon lange gefordert hatten (49.).

Im Sog des Glücksmoments erlebte das deutsche Team eine Drangphase, in der Podolski und Lahm zu guten Schusschancen kamen (55./57.). Doch auch diese Hoffnung währte nicht lange - manchmal witterten die sonst eher harmlosen Österreicher sogar Chancen. In der 68. Minute musste sich Mertesacker zum Beispiel in einen Schuss von Roman Kienast werfen, der als erster österreichischer Angreifer nach seiner Einwechslung (67.) dieser Bezeichnung auch gerecht wurde.

Nun wurde es anstrengend unansehnlich, weil die Deutschen nicht wollten und konnten - die Österreicher zwar wollten, aber auch nicht konnten. Das Spiel endete so unbefriedigend, als wäre es um nichts mehr gegangen zwischen Deutschland und Österreich.

Und so wurde wenigstens auch noch diese Frage geklärt: Ja, auch Siege in Partien, in denen es um alles geht, können unbefriedigend sein.

Mit Material von sid

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